IZI-Forschung
 
Gerade veröffentlicht

>> Übersicht Gerade veröffentlicht

Wie Kinder und Jugendliche das Thema Geflüchtete verstehen (2016-2017)

Mit der Kooperationsstudie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) und der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) liegt nun eine breit angelegte Studienreihe zum Thema Heranwachsende und Geflüchtete vor. In diesem Kontext wurden u. a. im März (n= 741) sowie im September 2016 (n= 1.448) 6- bis 19-Jährige repräsentativ zu ihrem Wissen und ihren Einstellungen zu Flüchtlingen befragt und Zusammenhänge zur Mediennutzung nachgewiesen. Im qualitativen Teil wurden in fragebogengestützten Interviews mit offenen und standardisierten Fragen sowie Kreativanteilen 147 6- bis 11-Jährige und zur Selbstausfüllung mit einem entsprechenden altersangemessenen Fragebogen 166 12- bis 18-Jährige befragt.


77 % finden es gut bzw. sehr gut, dass Deutschland Geflüchtete aufnimmt

Die emotionale Einstellung zu Geflüchteten ist bei der Mehrzahl der befragten Kinder und Jugendlichen im Jahr 2016 ausgesprochen positiv. Zwar ist die Zahl von 84 % im März auf 77 % im September gesunken, doch findet nach wie vor die eindeutige Mehrheit es „gut“ oder sogar „sehr gut“, dass Deutschland Flüchtlinge aufnimmt. Haben sie bereits einen Geflüchteten konkret kennengelernt, steigt diese positivere Einstellung um ein Vielfaches.


Nur zwei von fünf Heranwachsenden hatten schon konkreten Kontakt mit Geflüchteten

Mit einem Flüchtling persönlich gesprochen oder etwas gemeinsam unternommen haben bisher nur durchschnittlich zwei von fünf bzw. bei den Grundschulkindern drei von zehn Kindern. Kaum Begegnung mit Geflüchteten hatten die befragten Kinder und Jugendlichen in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern. Das heißt, für einen Großteil der Heranwachsenden beruhen das Wissen und die Vorstellungen von Geflüchteten vor allem auf medial vermittelten Diskursen. Erzählen Kinder in den qualitativen Interviews, was sie über das Thema Flüchtlinge wissen, so stehen meist Krieg und Zerstörung im Mittelpunkt, sowie Fluchtszenarien, wie zum Beispiel überfüllte Schlauchboote. Das sind Bilder, die Heranwachsende aus den Medien kennen. Viele Aspekte der direkten Erfahrung von Gewalt, wie sie ihre geflüchteten AltersgenossInnen erfahren haben, sind ihnen jedoch nicht präsent1.


Zahl der angekommenen Flüchtlinge wird oft deutlich überschätzt

Grundlegendes Wissen, wie dass die meisten Geflüchteten 2015 aus Syrien oder Ländern des Nahen Ostens gekommen sind, ist vielen Kindern und Jugendlichen bekannt. In anderen Bereichen sind jedoch falsche Fakten memoriert: So überschätzen viele Befragte die Anzahl der angekommenen Geflüchteten beträchtlich; eine Tendenz, die im Laufe des Jahres 2016 sogar zunimmt. Bei den 17- bis 19-Jährigen schätzt im September 2016 gut jede/r Dritte die Anzahl als zu hoch ein, im März war es nur jede/r Fünfte. Im Osten, insbesondere in Sachsen, ist die Überschätzung der Zahl besonders deutlich und nur 16 % der Befragten wissen die richtige Antwort.


Angst vor Terroranschlägen durch Geflüchtete bei Jugendlichen gestiegen

Bei den Kindern und Jugendlichen hat insgesamt nur ein kleinerer Anteil Ängste in Bezug auf Geflüchtete. Dies hat sich beispielsweise bei Ängsten, wie etwa die Befürchtung, durch mehr Flüchtlinge in Deutschland auf mehr verzichten zu müssen oder dass deshalb der Arbeitsplatz der Eltern gefährdet sei, im Laufe des Jahres 2016 nicht sonderlich verändert. Der deutlichste Anstieg zeigte sich bei der Angst vor Terroranschlägen durch Geflüchtete. Im März hatten 30 % der Kinder und Jugendlichen diese Angst, im September sind es nun gut vier von zehn (43 %). Dabei sind es nicht die Kinder, die befürchten, mit den Geflüchteten kommt die Terrorgefahr nach Deutschland, es sind die Jugendlichen und überproportional diejenigen, die noch nie Kontakt zu Flüchtlingen hatten.

Das Wissen über Geflüchtete stammt überwiegend aus dem Fernsehen

Das Wissen zum Thema Geflüchtete haben Kinder und Jugendliche zum großen Teil aus den Medien, wobei das Fernsehen die mit Abstand meistgenutzte Informationsquelle ist, gefolgt von der Zeitung, dem Internet und dem Radio. Die besten Ergebnisse bei den Wissensfragen erzielen diejenigen Heranwachsenden, die sich aus Tagesschau, logo! oder heute informierten. Die Kinder, die ihr Wissen aus öffentlich-rechtlichen Sendungen bezogen, haben auch deutlich weniger Ängste hinsichtlich eines zukünftigen Zusammenlebens mit Flüchtlingen.

Wo Medienberichterstattung problematisch wird

Zu Ängsten kommt es bei Kindern und Jugendlichen vor allem bei einer reißerisch gemachten Medienberichterstattung, denn hier merken sich Heranwachsende vor allem die spektakulären Bilder und den emotionalisierten Ton, nicht aber die Fakten des Berichtes. Besonders nachhaltig memoriert wurden Berichte über Gewalt, die von Flüchtlingen ausgeübt wurde, und dass unter ihnen immer wieder Terroristen seien. Über soziale Netzwerke wie Facebook kamen die Kinder und Jugendlichen mit fremdenfeindlichen Gerüchten, zum Teil mit explizit kriminellem Hintergrund, in Kontakt. Diese können sie meist nicht von seriöser Berichterstattung unterscheiden.

Literatur:
Götz, Maya; Holler, Andrea: Wie Kinder und Jugendliche das Thema Geflüchtete verstehen. Studienreihe des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) und der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) zu Wissen, Meinungen und Vorstellungen von 6- bis 19- Jährigen in Deutschland. Forschungsbericht IZI, 2017.
TelevIZIon 29/2016/2 „Flucht und Ankommen“.

1 Im Rahmen der Studienreihe wurden auch 40 Interviews mit Flüchtlingskindern und -jugendlichen zu ihrem Deutschlandbild, ihren Erfahrungen und Wünschen sowie zu ihren Zukunftsperspektiven durchgeführt.