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TELEVIZION 16/2003/1

Worüber lachen Kinder?


EDITORIAL

»Was ist der Unterschied zwischen einem Raben? Beide Beine sind gleich lang, besonders das rechte!«, und zwei Stunden lacht die Kindergruppe.
Eine Studie, die nachweist, Kinder würden täglich 400-mal und damit 25-mal häufiger als Erwachsene lachen, hat sich zwar leider als wissenschaftliche "Ente" herausgestellt. Die Tendenz kann die Humorforschung (zusammenfassend Kotthoff) jedoch nur bestätigen: Kinder lachen gern und viel, vor allem über Dinge, die Erwachsenen nicht mal ein müdes Schmunzeln entlocken. Sie lieben Sprachspiele und kleine Unglücke anderer und genießen das Spiel mit der Vorerwartung (Neuß). Sie nutzen Humor im Alltag, um Beziehung herzustellen oder Stress zu reduzieren, oder weil es einfach Spaß macht (Bönsch-Kauke).
Kinderfernsehen bemüht sich, an diesen Humor von Kindern anzuschließen und Humorvolles für die Zielgruppe anzubieten. Von Bernd dem Brot (Lünenschloß) über Die Couchmanns (Herrmann) oder SpongeBob (Schosser) bis zu Blaubär und Blöd (Mühlenbeck): Kinderfernsehen soll Spaß machen! Es ist lustiger als das Fernsehen der Erwachsenen, und bietet mit Slapstick, Wortwitz und humorvollen Zeichnungen viel Komisches an (Lambrecht).
Doch finden die Kinder diese Angebote lustig? Rezeptionsstudien zeigen: Teilweise lachen sie herzhaft, an anderen Stellen finden sie das, was erwachsene RedakteurInnen ihnen anbieten, überhaupt nicht lustig (Deutsch, Götz). Die Perspektive von Erwachsenen und Kindern unterscheidet sich gerade beim Thema Humor grundsätzlich (Mikos u. a.).
In der professionelle Arbeit für Kinder gilt es, diese Unterschiede wahrzunehmen und sich auf den Humor von Kindern einzulassen. Eine erheiternde Herausforderung, die Erwachsene nur bereichern kann.

Maya Götz


FORSCHUNG

Helga Kotthoff
Witz komm raus!
Komik und Humor bei Kindern - ein Überblick
Kinder treiben gern Schabernack,verdrehen Worte, kichern und witzeln herum. Sie produzieren unterschiedliche Arten von Witz und Komik und nicht immer verstehen Erwachsene, warum und worüber sich die Kinder gerade amüsieren.

Norbert Neuß
Humor von Kindern
Empirische Befunde zum Humorverständnis von Grundschulkindern
Kinder lachen über viele Dinge, zum Beispiel über das Spiel mit Sprache oder Streiche, die sie anderen spielen. Am häufigsten, so die Ergebnisse dieser Mehr-Methoden-Untersuchung, sind kleine Unglücke anderer und das Spiel mit Erwartungshaltungen. Bei den Mädchen steht Humorvolles, das über Ästhetik hergestellt wird, ganz vorn, wie lustige Stimmen oder komisches Aussehen, während Jungen an den kleinen Unglücken besonders viel Freude haben.

Marion Bönsch-Kauke
Kinderhumor im Schulalltag beobachtet
Wofür brauchen Kinder Humor und worüber lachen sie, wenn sie unter sich sind?
Im Alltag der Schulkinder sind viele Varianten von Humor zu finden: von Ulk und Quatsch über doppelbödige Parodien bis hin zu gewitzten Einfällen. Nicht Schadenfreude ist das häufigste Motiv, sondern das Bedürfnis nach Zuwendung, Stressreduktion und -kompensation.

Clemens Lambrecht
Was Kinderfernsehen Lustiges zu bieten hat
Quantitativer Überblick über Humorsendungen im Kinderfernsehen
Eine Programmstichprobe zeigt: Bei bis zu einem Viertel aller Sendungen steht der Humor im Vordergrund. Private Anbieter liegen dabei deutlich vor öffentlich-rechtlichen. Im Kinderprogramm finden sich besonders viele Humorsendungen, die von den Jüngeren und den Jungen auch gerne angenommen werden.

Karl Heinz Deutsch
»Jetzt müssten die doch lachen!«
Die Gratwanderung bei der Spaßproduktion für Kinder am Beispiel des TV-Kindermagazins TOGGO TV
In der Programmforschung zum neue Format TOGGO TV zeigt sich die Wichtigkeit des eindeutigen Rollenprofils der Figuren. Während die eine Figur bei den Kindern eher Verwirrung auslöst, wird eine andere von den Kindern als sympathisch komische Figur identifiziert.

Maya Götz
Was Kinder bei Wissens- und Kinder-Comedy-Sendungen lustig finden
Kinder lachen viel beim Fernsehen, die jüngeren genießen Slapstick und Klamauk, die älteren amüsieren sich über Anti-Helden und intertextuelle Komik. Nicht jede intendierte Komik ist dabei auch für die Kinder lustig, denn nur wenn Humorkommunikation bei den Interessen von Kindern ansetzt, lassen sich diese auch darauf ein.

Carolina Ensinger
»Ich denke, das ist auch witzig ...«
Die Einschätzung von Redakteuren zu den Humormomenten ihrer Sendung und die Rezeption der Kinder
Redaktionen von Comedy-Sendungen für Kinder können die Stellen, an denen gelacht wird, relativ treffsicher benennen. In den Begründungen, warum diese Szenen lustig sind, treffen die Redaktionen das Humorempfinden von Kindern jedoch nicht immer.

Elizabeth Prommer, Lothar Mikos und Sabrina Schäfer
Pre-Teens und Erwachsene lachen anders
Ältere Kinder und Erwachsene lachen über unterschiedliche Dinge. In der Analyse der Rezeption der Simpsons wird deutlich, dass Erwachsene sich über den hintergründigen Humor amüsieren (sekundäre Komikstruktur), wo ältere Kinder über Erwachsene in Slapsticksituationen lachen (primäre Komikstruktur). Noch deutlicher wird der Unterschied in der Analyse des allgemeinen Humorverständnisses von Erwachsenen und Pre-Teens. Wo Kinder über witzige Sprache, absurde Szenen oder Slapstick lachen, diskutieren Erwachsene den politisch korrekten oder gegengelesenen Humor.

 

PROGRAMM

Wolfgang Lünenschloß
Am Anfang war das Schaf
Anmerkungen zum Sinn von Unsinn in der Serie CHILI TV vom Kinderkanal ARD/ZDF
Der Kinderkanal hat mit seinem Trio - Chili dem Schaf, Briegel dem Busch und Bernd dem Brot - seine eigenen erfolgreichen Comedy-Charaktere. Sie sind komische Figuren, mit Eigenheit und Reduzierung auf das Wesentliche.

Dorothee Herrmann
»Die Couchmanns« oder: Glotzen macht Spaß
Anknüpfend an den Erfolg der ZDF-Flop-Show setzt das ZDF-Comedy-Format Die Couchmanns auf Fernsehparodien: Vier Couch-Potatoes übernehmen die Rahmenhandlung und sehen sich alles an, von den »Teleknackies« bis »Baff!«

Susanne Schosser
Vielfalt und eine gewisse Unbekümmertheit
Humor für Kinder im Programm von Super RTL
Das Programm von Super RTL zeichnet sich durch humoristische Vielfalt aus. Herausragende Formate zeigen Möglichkeiten, wie ganz unterschiedliche Themen ausgesprochen humorvoll behandelt werden können - beispielsweise entwaffnend naiv wie bei SpongeBob Schwammkopf oder frech und couragiert wie bei Angela Anaconda.

Brigitta Mühlenbeck
Blaubär und blöd? oder die Ignoranz des Lerneffekts
Das schräge Magazin mit Puppen-Comedy-Sketch-Rubriken, Trickserien und einem TV-Klassiker setzt auf reine Familienunterhaltung der anderen Art. Der typische Blaubär-Humor ist frech, anarchistisch und hat mit Blaubär und Blöd seinen Horizont erweitert.

 


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