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09.09.2010


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Energie-Alternativen Unterhachings "dampfendes Wirtschaftswunder"

Schon seit Ende 2008 macht die bundesweit größte Geothermieanlage in Unterhaching bei München aus heißem Thermalwasser Strom. Im Juni 2009 ist die Anlage in Anwesenheit bayerischer und Berliner Politprominenz offiziell eingeweiht worden.

Stand: 02.06.2009

Ausschnitt einer Infografik: Nord-Süd-Schnitt durch das Voralpenland und ein Bohrturm eines Erdwärmeprojekts | dpa, Rödl & Partner

Ein Knopfdruck genügte - schon hatte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) eine Fontäne in Gang gesetzt, die weithin sichtbar machen sollte, um was es bei Geothermie geht: um Energiegewinnung aus heißen Wasservorkommen unter der Erde.

Sigmar Gabriel | Bild: picture-alliance/dpa

Bildunterschrift: Sigmar Gabriel

Für Gabriel ist die Technologie ein "zentraler Baustein für den Klimaschutz und eine zukunftsfeste Energieversorgung". Zugleich machte er sich für die öffentlichen Anbieter stark: "Es zeigt sich, dass es falsch war, dass die Kommunen alles privatisieren sollten. Die Tendenz geht dahin, wieder eigene Stadtwerke und eine eigenständige Energieversorgung zu schaffen." Der Bereich der erneuerbaren Energien sei von der Finanzkrise so gut wie nicht betroffen - für Gabriel "ein kleines Wirtschaftswunder".

Unterhachings Bürgermeister Wolfgang Panzer (SPD), dessen Vorgänger und Parteifreund Erwin Knapek das Projekt vor Jahren angeschoben hatte, sieht das vor Ort ähnlich: "Unsere Erfahrung ist auf der ganzen Welt gefragt. Unterhaching ist eine Marke geworden".  

Neue Projekte in Bayern

Kaum ein Bundesland in Deutschland ist für die Nutzung der Geothermie so gut geeignet wie Bayern mit seinen zahlreichen unterirdischen Heißwasservorkommen. Staatskanzleichef Siegfried Schneider (CSU) hat deshalb bei der Einweihung einen Ausbau der Technologie in Bayern angekündigt: Mindestens elf weitere Vorhaben sollen im Laufe des Jahres in die Bohrphase eintreten.

Ziel ist es laut Schneider, den Ausbau auch über finanzielle Anreize weiter voranzutreiben: "Dazu legen wir zusätzlich zur Bundesförderung ab Sommer 2009 ein landeseigenes Tiefengeothermie-Wärmenetz-Programm auf und stellen dafür 12 Millionen Euro bereit", kündigte der Minister an. 

Von der Fernwärme zum Strom

Funktionsschema eines Geothermie-Kraftwerks | Bild: Rödl & Partner

Bild vergrößern Bildunterschrift: So funktioniert die Anlage in Unterhaching

Das süddeutsche Molassebecken südlich der Donau bis zum Alpenvorland bietet ideale Bedingungen. Die bisher in Bayern laufenden Geothermie-Projekte steuern rund zwei Drittel zu der heute in Deutschland erschlossenen Geothermieleistung bei. Bislang nutzen Geothermie-Standorte wie Unterschleißheim, Pullach oder Riem das zwischen 80 und 120 Grad heiße Wasser aus bis zu 3.000 Metern Tiefe jedoch nur als Fernwärmequelle. Denn Heizen mit Geothermie ist technisch einfacher und erfordert weniger hohe Temperaturen.

Unterhachinger Strom - Kalina-Technik macht's möglich

In Unterhaching wurde die Nutzung im Jahr 2008 erweitert. In dem Vorort von München hat Siemens das erste Geothermie-Kraftwerk gebaut, das seit Mai vergangenen Jahres auch Strom erzeugt und ins Netz einspeist. Es soll rund 2.000 Haushalte beliefern. Mit Fernwärme hat die Anlage das örtliche Netz bereits seit Oktober 2007 versorgt.

Zwei Arbeiter stehen bei den Bohrungen 2004 vor dem Bohrturm | Bild: dpa

Bildunterschrift: Arbeiter bei den Bohrungen 2004 am Bohrturm

Worauf die Geothermie Unterhaching GmbH besonders stolz ist: Erstmals in Deutschland kommt bei ihrer Stromproduktion aus Erdwärme die besonders effiziente Kalina-Technik zum Einsatz. Bei dieser Spezialtechnik verdampft das heiße Thermalwasser bei relativ geringen Temperaturen ein Wasser-Ammoniakgemisch. Dieser Dampf treibt Turbinen an, es wird Strom erzeugt. Danach wird das immer noch heiße Thermalwasser ins groß ausgebaute Unterhachinger Fernwärmenetz eingespeist. Ist es auf 60 Grad abgekühlt, wird es zwei Kilometer vom Bohrloch entfernt wieder in die Tiefe hinabgelassen, wo es sich von neuem erhitzen kann - ein schier unerschöpflicher Kreislauf.

Heißes Wasser aus der Tiefe

Schema: Schnitt durch das Voralpenland | Bild: Rödl & Partner

Bild vergrößern Bildunterschrift: Je tiefer man bohrt, desto wärmer wird es.

Bereits seit 2004 wurde in Unterhaching gebohrt. Im September 2004 landeten die Ingenieure dann den erhofften Volltreffer: Aus einer Tiefe von 3.446 Metern sprudelt 122 Grad Celsius heißes Wasser - 150 Liter pro Sekunde. Diese hohen Temperaturen sind für die Stromerzeugung notwendig.

Großflächige Erkundungen

Beim Aufsteigen aus der Tiefe gibt das Wasser seine Hitze an ein so genanntes Kältemittel ab, das dadurch verdampft und so Turbinen antreibt. Danach wird das warme Wasser noch zusätzlich zur Erzeugung von Fernwärme genutzt.

Rund 50 weitere mögliche Standorte in Bayern werden zurzeit untersucht. In Taufkirchen oder Dingharting etwa werden schon Bohrungen geplant. Drei Viertel aller für Energiegewinnung aus Erdwärme geeigneten Flächen in Bayern waren laut bayerischem Wirtschaftsministerium im Oktober vergangenen Jahres bereits vergeben. Seit Mai 2007 sei die Zahl der erteilten Genehmigungen zur Erkundung von Erdwärme auf 73 gestiegen.

Glaubt man dem Bericht der Enquête-Kommission "Mit neuer Energie in das neue Jahrtausend" des Bayerischen Landtags, dann kann im Freistaat pro Jahr aus Erdwärme eine Energiemenge gewonnen werden, die etwa acht Millionen Tonnen Heizöl entspricht.

Wo Bayern heute mit Geothermie heizt

Erding
Rund 14 Kilometer Fernwärmeleitungen versorgen Häuser in der Altstadt und in einigen Neubaugebieten. Angeschlossen sind auch Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten.

München-Riem
In seiner endgültigen Ausbaustufe soll das Geothermiekraftwerk über 50 Prozent des Wärmebedarfs der "Messestadt Riem" liefern.

Simbach-Braunau
Das erste grenzüberschreitende Fernwärmesystem Europas versorgt die beiden Grenzstädte Simbach (Bayern) und Braunau (Oberösterreich).

Straubing
Warmes Wasser aus einer Tiefe von 800 Metern heizt in Straubing 240 Privathäuser, Schulen und öffentliche Gebäude wie das Rathaus, die Stadthalle und das Frei- und Hallenbad.

Unterschleißheim
Fernwärme für rund 2.800 Einfamilienhäuser wird seit 2005 in Unterschleißheim aus der Erde geholt.

Pullach
Mit Einweihung der Anlage in Pullach geht im Mai 2006 Bayerns sechste geothermische Wärmeversorgung ans Netz.

Wasserenergie für den Hausgebrauch

Mann neben Erdwärmesonde | Bild: dpa

Bildunterschrift: Private Nutzung von Erdwärme

Auch Einzelpersonen können die Erdwärme nutzen und müssen dazu nicht 3.000 Meter in die Tiefe bohren. Oft sind es nur wenige Meter. Denn schon das ganz normale Grundwasser kann zur Wärmegewinnung verwendet werden: spezielle Erdwärmekollektoren und Erdwärmesonden ziehen die natürliche Wärme aus dem Boden und speichern sie. Wärmepumpen heizen dann das entnommene Grundwasser mit diesem natürlichen Wärmepotenzial auf die benötigte Heiztemperatur zwischen 35 bis 55 Grad auf.

Ein normales Einfamilienhaus genauso wie Wohnblöcke können auf diese Weise zu 80 Prozent mit Erdwärme beheizt werden, also beinahe emissionsfrei. Das bayerische Umweltministerium hat nun für ganz Bayern auf Karten festgehalten, welche Gegenden für die oberflächennahe Geothermie in Frage kommen: ungünstig sind etwa Wasserschutzgebiete oder Gegenden mit ungeeignetem geologischen Untergrund wie manche Teile Frankens, in denen Muschelkalk vorherrscht.

Weiter mit: Nachwachsende Rohstoffe
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