21.03.2010
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Stand: 14.11.2005
Lesen ist eine sehr komplexe Aufgabe für das Gehirn mit seinen vielen Untereinheiten. Es müssen Zellen zusammenarbeiten, die für das Erkennen von Details und stabilen Objekten sowie für größere Muster und bewegte Objekte zuständig sind. Denn der Leser tastet ja quasi mit seinem Blick die gesamte Seite ab und springt mit seinen Augen hin und her.
Viele Ursachen sind für die Legasthenie denkbar: von den Genen bis zur Unterrichtsmethode. Die Ursachenforschung beginnt im Erbgut. Auf ein Gen im Chromosom 15 stieß im Herbst 2003 der Molekularbiologe Juha Kere an der Universität Helsinki. Dieses bestimmte Gen wirkt offenbar auf die Gehirnfunktion ein, Bedeutung tragende Laute zu unterscheiden.
Legasthenie ist je nach Kultur in unterschiedlichen Hirnregionen angesiedelt. Bei Chinesen, die Schriftzeichen lesen, liegen die Probleme in anderen Gehirnarealen als bei Menschen, die mit alphabetischen Sprachen arbeiten. Hier muss das Gehirn lediglich die Buchstaben der Worte mit Lauten verknüpfen. Im Chinesischen kommt die Erkennung der komplexen Schriftzeichen hinzu.
Auch auf Chromosom 6 suchen Forscher genetische Auffälligkeiten: Erbanlagen dort könnten den linken Schläfenlappen verändern. Mithilfe der Kernspintomografie konnte bereits nachgewiesen werden, dass bei Legasthenikern bestimmte Areale der linken Gehirnhälfte eine niedrigere Aktivität aufweisen, als bei Menschen ohne Leseschwäche. An dieser Stelle verarbeitet das Gehirn Klänge. Probleme beim Erkennen von Reimen oder bei der Frage nach dem Vorkommen von Lauten in einzelnen Wörtern gehören genau zu den Symptomen, die in Tests zur Diagnose "Legasthenie" führen.
Inzwischen hat ein deutsch-schwedisches Team von Wissenschaftlern erstmals den Beitrag eines spezifischen Gens nachweisen können: Das Gen DCDC2 liegt tatsächlich auf Chromosom 6 und könnte insbesondere die so genannte "Sprachunterscheidung" beeinträchtigen, also die Fähigkeit, ähnliche Laute wie "ba", "da", "ga", "ka" zu unterscheiden - eine Grundvoraussetzung dafür, den einzelnen Lauten auch Buchstaben zuordnen zu können.
Neurowissenschaftler von der amerikanischen Northwestern University glauben, dass Legasthenie das Resultat einer verzögerten Hirnentwicklung ist. Wieder andere Forscher testen das Hören, das Sehen und das motorische Geschick von LRS (Lese-Rechtschreib-Schwäche)-Schülern. Im Vergleich zu nicht-legasthenen Kindern, so das Ergebnis einer Studie, die der Psychologe Uwe Tewes von der Medizinischen Hochschule Hannover 2003 machte, zeigten Legasthenie-Betroffene deutliche Schwächen in ihren Basisfertigkeiten.
Doch gegen Tewes' Studie regt sich starke Kritik. Der Münchner Mediziner und LRS-Forscher Reinhard Werth glaubt, dass die Forscher auf der Suche nach einzelnen Genen und Grundfertigkeiten die falschen Schlüsse ziehen: "Man schließt aus dem gleichzeitigen Auftreten von schlechtem Lesen und irgendeiner anderen Leistungsminderung auf einen ursächlichen Zusammenhang." Auch der Leiter der Forschungsgruppe Legasthenie an der Universität Marburg, Gerd Schulte-Körne, hat Zweifel an Tewes' Aussagen. Nach Meinung der Kritiker bringen nur solche Therapien Erfolg, die am fehlerhaften Lesen und Schreiben selbst ansetzen.
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