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Sprachkompetenz:
23. Die Textanalyse

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Dichter und Denker: Was ist verstehen?

"Die Textanalyse setzt immer eine gewisse Sachkenntnis voraus. Ohne Sachkenntnis ist keine vernünftige Einschätzung des Themas möglich, und ohne Sachkenntnis wird kein Thema zu bewältigen sein." Was Reinhold Pöllmann (siehe Gäste) mit dieser grundsätzlichen Bemerkung zur Voraussetzung jeder Textanalyse betont, betrifft das Problem des Verstehens von fremden Texten insgesamt: Jeder Text muss, um verstanden zu werden, auf etwas bereits Verstandenes treffen, das in dem individuellen Verstehenshorizont des Lesenden schon präsent ist. Der individuelle Verstehenshorizont setzt sich immer aus dem ganzen Leben – Erfahrungen, Handlungen, Bildung, Gewohnheiten, Interessen –, dem gesamten Sinnen und Trachten einer Person zusammen. Das bedeutet:
Der Verstehensprozess bewegt sich immer im Kreis.

Hermeneutischer Zirkel wird dieser Kreisgang allen Verstehens in der Hermeneutik genannt. Hermeneutik kommt vom griechischen Wort hermeneuein = auslegen. Das Wort wurde nach Hermes, dem Götterboten, dem Vermittler zwischen Göttern und Menschen, gebildet. Hermeneutik ist die Kunst der sinngemäßen Auslegung von Texten. Ihre Ursprünge hat diese Kunst in der Exegese der Bibel; Wilhelm Dilthey (19.11.1833-1.10.1911) erhob sie in Absetzung von der naturwissenschaftlichen Methode zur grundlegenden Methode der Geisteswissenschaft (vgl. Sachwörterbuch der Literatur S.322).

Sie kennen das Problem des hermeneutischen Zirkels aus der alltäglichen Erfahrung, dass die/der eine etwas mit einem Text und Thema anfangen kann, die/der andere nicht. Jedes Verstehen und damit jeder erschließende Umgang mit einem Text setzt nämlich – wie Dilthey sagt – ein Lebensverhältnis zu den Sachen voraus, die im Text zu Wort kommen. Wer noch nie einen Bezug zu der verhandelten Sache hatte, kann ihn auch durch einen Text allein nicht gewinnen. Insofern gehört zu jeder Textanalyse auch, dass Sie mit offenen Augen und aufmerksam durch die Welt gehen: Je vielseitiger Ihre Interessen, Erfahrung und (Vor-)Kenntnisse sind, desto mehr Texte verstehen Sie, mit desto mehr Texten können Sie etwas anfangen.

Der folgende Text beleuchtet diesen so schwierigen wie grundlegenden Prozess des Verstehens philosophisch. Er stammt von dem evangelischen Theologen Rudolf Bultmann (20.8.1884 -30.7.1976) und ist ein gekürzter Auszug aus seinem Opus Glauben und Verstehen (Gesammelte Aufsätze Bd. 2 Tübingen 1952 ). Lassen Sie sich nicht davon irritieren, dass Bultmann zuweilen von interpretieren statt von verstehen spricht – das ist für ihn identisch.

Rudolf Bultmann über die Probleme des Verstehens


[...] Ich verstehe einen über Musik handelnden Text nur, wenn und soweit ich ein Verhältnis zur Musik habe [...], einen mathematischen Text nur, wenn ich ein Verhältnis zur Mathematik habe, eine Geschichtsdarstellung nur, sofern mir geschichtliches Leben vertraut ist, sofern ich aus meinem eigenen Leben weiß, was ein Staat, was das Leben im Staat und seine Möglichkeiten sind, einen Roman nur, weil ich aus dem eigenen Leben weiß, was z. B. Liebe und Freundschaft, was Familie und Beruf ist usw. Eben daher ist manche Literatur manchen Menschen je nach Alter oder Bildung verschlossen.

Mein Lebensverhältnis zur Sache kann natürlich ein ganz naives, unreflektiertes sein, und im Verstehen, in der Interpretation, kann es ins Bewußtsein erhoben und geklärt werden. Es kann ein oberflächliches und durchschnittliches sein, und durch das Verstehen des Textes kann es vertieft und bereichert, modifiziert und korrigiert werden. In jedem Falle ist ein Lebensverhältnis zu der betr. Sache Voraussetzung, und diese Erkenntnis schaltet falsche Probleme von vornherein aus, wie die Frage nach der Möglichkeit, "fremdseelisches" Sein zu verstehen. Diese ist einfach gegeben in dem gemeinsamen Bezug von Autor und Ausleger zu der jeweiligen Sache. [...]

Fassen wir zusammen! Voraussetzung jeder verstehenden Interpretation ist das vorgängige Lebensverhältnis zu der Sache, die im Text direkt oder indirekt zu Worte kommt und die das Woraufhin der Befragung leitet. Ohne ein solches Lebensverhältnis, in dem Text und Interpret verbunden sind, ist ein Befragen und Verstehen nicht möglich, ein Befragen auch gar nicht motiviert. Damit ist auch gesagt, daß jede Interpretation notwendig von einem gewissen Vorverständnis der in Rede oder Frage stehenden Sache getragen ist. Aus dem Sachinteresse erwächst die Art der Fragestellung, das Woraufhin der Befragung und damit das jeweilige hermeneutische Prinzip. [...]

Die methodisch gewonnene Erkenntnis ist eine "objektive", und das kann nur heißen: eine dem Gegenstand, wenn er in eine bestimmte Fragestellung gerückt ist, angemessene. Die Fragestellung selbst "subjektiv" zu nennen, ist sinnlos. Sie mag so heißen, wenn man darauf blickt, daß sie natürlich jeweils von einem Subjekt gewählt werden muß. [...] Die Forderung, daß der Interpret seine Subjektivität zum Schweigen bringen, seine Individualität auslöschen müsse, um zu einer objektiven Erkenntnis zu gelangen, ist also die denkbar widersinnigste. Sie hat Sinn und Recht nur, sofern damit gemeint ist, daß der Interpret seine persönlichen Wünsche hinsichtlich des Ergebnisses der Interpretation zum Schweigen bringen muß [...].

Voraussetzungslosigkeit hinsichtlich der Ergebnisse ist wie für alle wissenschaftliche Forschung so auch für die Interpretation selbstverständlich und unabdinglich erfordert. Sonst aber verkennt jene Forderung das Wesen echten Verstehens schlechterdings. Denn diese setzt gerade die äußerste Lebendigkeit des verstehenden Subjekts, die möglichst reiche Entfaltung seiner Individualität voraus.
Rudolf Bultmann. Glauben und Verstehen. Gesammelte Aufsätze Bd. 2 Tübingen 1952 S.221ff.

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Stand: 03.07.2010