Sprachkompetenz: 23. Die Textanalyse
Zusammenfassung
"Mit der Textanalyse ist es wie bei der Banane, Sie müssen
das Wesentliche erst einmal herausschälen: Worum geht es, was ist
wichtig, was unwichtig, und wie vermittelt der Autor, was er mit seinem
Text sagen will." Mit diesem sprechenden Bild leitet Volker Matthies
die zehnte Folge ein, in der verschiedene Spielarten der Textanalyse an
Fernsehbeiträgen vorgeführt werden.
Gast im Studio: Reinhold Pöllmann
Themen
- Inhaltsangabe in Thesenform: Fernsehbeitrag über
BSE
- Sprachliche Analyse: Fernsehbeitrag über Karrierefrauen
- Inhaltsangabe und Stellungnahme: Fernsehbeitrag
Biomüll
1. Die Inhaltsangabe in Thesenform: Fernsehbeitrag
über BSE
Die
Aufgabe lautet: Fassen Sie folgenden Fernsehbeitrag über BSE in Thesenform
zusammen (siehe das Video unter Beispiel).
Als Prüfling hat sich dankenswerterweise unser Gast im Studio, Reinhold
Pöllmann zur Verfügung gestellt, der seit über 15 Jahren
Verbindungslehrer für das Telekolleg Deutsch ist. Er schickt all
seinen Lösungsvorschlägen dieser Sendung indes eine grundsätzliche
Bemerkung voraus:
"So ein Lösungsvorschlag ist ein heißes Eisen. Denn im
Fach Deutsch gibt es nicht einfach Musterlösungen wie in der Mathematik
beispielsweise. Man muss sich hier an eine Lösungserwartung herantasten,
und insofern ist das, was ich hier gebastelt habe, nur ein Vorschlag,
der durchaus verbesserungsfähig ist."
Lösungsvorschlag von Reinhold Pöllmann: Inhaltsangabe
in Thesenform
I. Der Autor beschreibt die Verunsicherung der Menschen angesichts der BSE-Krise
im Zusammenhang mit der wesentlichen Ursache dieser Krankheit.
1. Bauern und Konsumenten sind verängstigt und betroffen.
2. Die Verfütterung von Tiermehl ist wohl erster Auslöser der tödlichen
Seuche.
II. Er schildert die momentan üblichen Abwehrmaßnahmen gegen
die Rinderseuche.
1. Wenn auch nur ein Tier infiziert ist, wird die ganze Herde abgeschlachtet.
2. Trotz der Proteste von Bauern und Tierschützern werden die Massentötungen
durchgeführt.
III. Er kritisiert die politische Reaktion der EU angesichts der BSE-Krise.
1. Zwei Millionen gesunde Rinder sollen vernichtet werden.
2. Dies geschieht auch, um den Rindfleischmarkt zu stabilisieren.
IV. Er hält das Ausweichen der Verbraucher auf andere Fleischsorten
für bedenklich.
1. Viele Verbraucher kaufen jetzt Fleisch anderer Schlachttiere oder Wild.
2. Dies führt aber zu einer gesundheitsgefährdenden Massentierhaltung
in diesen Bereichen.
Reinhold Pöllmann erläutert, worauf es bei der Inhaltsangabe in
Thesenform ankommt und wie man sie zustande bringt:
- Es kommt darauf an, den Text erst zu dekodieren, d.h. zu erschließen,
und ihn dann wieder zu kodieren, d.h. in Sprache zu fassen. Und zwar thesenartig,
d.h., knapp und kurz und in ganz einfachen Sätzen.
- Dazu muss man den Text erst einmal gliedern, d.h. die dem Text zugrunde liegende
Gliederung nachvollziehen.
- In unserem Fall waren vier Sinnabschnitte zu entdecken. Man findet diese Gliederungspunkte,
indem man fragt: Wo wechselt der Verfasser den Gedankengang? Oder: Was macht der
Autor jetzt? Schildert er, beschreibt er, fordert er, kritisiert er etc.? Was
hat er vorher gemacht, was nachher?
- Dann fasst man in eigenen Worten die wichtigsten Thesen der einzelnen Sinnabschnitte
zusammen.
- Die Inhaltsangabe muss im Präsens geschrieben werden.
- Sie sollte sachlich formuliert werden, ohne Ausschmückungen.
- Ob man die Thesen durchnummeriert wie im Beispiel mit römischen oder
arabischen Ziffern oder sie alphabethisch mit a b c d gliedert,
ist gleichgültig.
2. Sprachliche Analyse: Fernsehbeitrag über Karrierefrauen
Claudia
Schiffer ist das Exempel, an dem der eingespielte Beitrag das Wesen und Unwesen
der heutigen Karrierefrau festmacht. Aus dem Text des Fernsehbeitrags (siehe das
Video unter Beispiel) blendet das Telekolleg folgenden
Auszug ein. Die Frage lautet:
Welche sprachlichen Mittel verwendet der Autor in diesem Abschnitt, und welche
Intention verfolgt er?
"Karrierefrauen aus allen Zeitschriften springen sie uns
an. Karrierefrauen sie wollen einfach alles. Einfach zu viel.
Sie wollen den Erfolg. Sie wollen die Unabhängigkeit. Sie wollen
ihre Freiheit. Und dann wollen sie auch noch einen Mann! Aber wollen
wir solche Frauen?
Eine neue Zeitschrift für Karrierefrauen zeigt denn auch, wie diese
uns Männer haben wollen: nackt, lächelnd, unterwürfig.
Und diese Haltung finden sie dann auch noch schön, erotisch und
maskulin."
Reinhold Pöllmann analysiert:
- Grundsätzlich macht eine Analyse der sprachlichen Mittel nur Sinn, wenn
man damit zugleich die Intention des Autors bedenkt. Sonst artet die sprachliche
Analyse in bloßen Formalismus aus.
- In unserem Fall ist die Intention des Autors klar: Er will eine Solidarität
mit den Männern herstellen. Die sollen am Ende sagen: "So nicht meine
Damen, so geht es nicht".
Um diese Intention herüberzubringen verwendet der Autor folgende sprachliche
Mittel:
- den Neologismus: Karrierefrau. Es handelt sich
hier um eine Neuschöpfung, die schon fast einen negativen Touch
hat. Man redet ja auch nicht von Karrieremännern!
- die Wiederholung: Karrierefrau kommt absichtlich am
Anfang des ersten und zweiten Satzes und im nächsten Abschnitt
noch einmal vor.
- einen stereotypen Satzbau: stakkatoartige kurze, aggressive
Sätze, die immer mit denselben Sentenzen aufwarten: Sie wollen,
Sie wollen ...
- die rhetorische Frage: gezielt platziert als Antithese zu dem
wiederholten sie wollen aber wollen wir solche Frauen?
Mit dem Wir stellt der Autor die Solidarität mit den
Männern her: Die Antwort kann nur sein, solche Frauen wollen wir
nicht.
- die Reihung von Attributen: Dieses im nächsten Absatz
eingesetzte Stilmittel verstärkt noch die Aussage des vorigen:
In gleich zwei Dreierpacks von Attributen wird gesagt, was die Karrierefrauen
wollen: nackt, lächelnd, unterwürfig sollen die Männer
sein, das finden sie schön, erotisch und maskulin.
- die Ironie: sie wird spätestens in der Reihung der Attribute
deutlich. Denn wenn man maskulin durch feminin ersetzt,
hat man genau das Frauenideal, das sich ein echter Macho vorstellt.
Hier beginnt die Ironie zu wirken: Der Zuschauer/Leser bekommt Zweifel
und fragt sich: "Ist das alles so ernst gemeint?"
3. Inhaltsangabe und Stellungnahme: Fernsehbeitrag Biomüll
Die
Aufgabe lautet nun: Fassen Sie in wenigen Sätzen den Beitrag über den
Biomüll zusammen (siehe das Video unter Beispiel).
D.h. es geht jetzt wieder um eine Inhaltsangabe, aber nicht in Thesenform.
Der Lösungsvorschlag von Reinhold Pöllmann
In dem Beitrag aus der Sendung "Unkraut" vom 13.11.1998 erläutert
der Verfasser einige Probleme, die im Zusammenhang mit der seit einiger
Zeit praktizierten Mülltrennung aufgetreten sind.
Der Bürger sei verwirrt und bekomme Zweifel, wenn er Folgendes
erlebe bzw. erfahre:
In jeder Gemeinde sieht Mülltrennung anders aus, Biotonnen werden
zum stinkenden Sammelplatz für Ungeziefer, die Müllabfuhr
selbst mischt Bio- und Restmüll, Kompost aus Biomüll ist nicht
frei von Schadstoffen, fehlerhafte Eigenkompostierung fördert die
Rattenplage und offene Kompostieranlagen belästigen die Anwohner
durch Lärm und Gestank und gefährden zudem u.U. ihre Gesundheit.
Die formalen Anforderungen sind bei dieser Art der Inhaltsangabe nicht so streng.
Entscheidend ist nur, dass man das Gesagte in wenigen Sätzen wirklich
knapp, sachlich, im Präsens und mit eigenen Worten zusammenfasst.
Was "knapp" heißt, bestimmt sich allein aus der Zeit,
die einem gegeben wird und der Aufgabenstellung. Die sollte man also genau
lesen. "Wenn da steht, geben Sie in wenigen Sätzen den Inhalt
wieder, dann sollte man auch es auch bei 2, 3, 4, 5 Sätzen belassen
und nicht ausführlicher werden", erläutert Reinhold Pöllmann.
Zur Textanalyse gehört auch die eigene Stellungnahme, d.h. eine
begründete Meinungsäußerung. Die Frage lautet in unserem Fall:
Sind Sie der Meinung, dass auf Grund der im Text aufgezeigten Mängel auf
Mülltrennung verzichtet werden sollte? (Sie können in der Übung
versuchen, selbst Stellung zu dem Thema zu beziehen.)
"Die Stellungnahme soll erstens zeigen, dass der Verfasser den Originaltext
gut verstanden hat, also inhaltlich nachvollziehen kann. Zweitens muss
sie eine klare Gegenposition oder Bestätigung der These, die in der
Fragestellung enthalten ist, realisieren", erläutert Reinhold
Pöllmann. "Das bedeutet jetzt nicht, dass wieder eine kleine
Erörterung antithetischer Art in Miniaturform geleistet werden muss,
sondern das bedeutet, dass man sich ganz genau die Fragestellung anschaut
und wiederum den Textbezug herstellt."
Nicht nur negative Kritik wird honoriert: Man kann in seiner Stellungnahme
durchaus auch die Position des Autors unterstützen. Wenn man das tut, ist
es indes ratsam, mögliche Gegenpositionen zu erwägen und mit einer knappen
Argumentation zu entkräften. Wichtig ist bei der Stellungnahme vor allem
ein Ergebnis mit klarer begründeter Entscheidung.
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