Sprachkompetenz: 14. Rhetorik die Kunst der Rede
Zusammenfassung
Gast im Studio: Dr. Thilo von Trotha
Themen
- Worte, die Geschichte machten
- Analyse einer Rede: die Weihnachtsansprache
2000 von Johannes Rau
- Die Rolle der Körpersprache
- Die Lobrede und wie ein Kabarettist
die "Feinheiten der politischen Rede" aufs Korn nimmt
1. Worte, die Geschichte machten
Bei der Rede kommt es nicht nur darauf an, was man sagt, sondern vor allem,
wie man es sagt. Dies demonstriert Volker Matthies zu Beginn mit berühmten
Reden, deren Worte sich schier in das Gedächtnis der Menschen eingegraben
haben:
"That’s
one small step for a man, one giant leap for mankind.” – “Ein kleiner
Schritt für mich, aber ein großer Schritt für die Menschheit.“
Neil Armstrong kommentierte so, was ihm am 20. Juli 1969 mit der Apollo
11 glückte: die erste Landung der Menschheit auf dem Mond.
"Ich bin ein Berliner." Mit diesem berühmten Schlusssatz
hat John F. Kennedy bei seiner Berliner Rede am 26. Juni 1963 die Herzen
der Deutschen erobert. (Video dazu unter Beispiel.)
Derartig gelungene Pointen, mit denen wahrhaft Politik gemacht wird,
sind keine Zufallstreffer, wie Thilo von Trotha erläutert. Sie wollen
lange und bestens vorbereitet sein, und zwar intensiver als eine einstündige
Rede. Als Faustregel gilt: je kürzer die Rede, desto länger
die Vorbereitungszeit. (Die kürzeste Rede, die Geschichte machte,
finden Sie unter Übung.)
2. Analyse einer Rede: die Weihnachtsansprache
2000 von Johannes Rau
Eine
Rede ist ein Dialog, kein Monolog. Der Redner braucht das Publikum. Eine Weihnachtsansprache
zu halten, ist daher ein wahrhaftes Kunststück:
Statt vor Zuhörern, muss man in ein "schwarzes Loch" (von Trotha)
sprechen, noch dazu wird das gewiss sechs Wochen vorher alles aufgezeichnet. D.h.,
der festliche Anlass fehlt und damit die gehörige Stimmung. "Um so eine
Redesituation unversehrt zu überstehen, muss man schon ein guter Redner sein",
macht von Trotha klar.
Johannes Rau ist ein guter Redner, davon können Sie sich überzeugen,
indem Sie das Video im Beispiel noch einmal anschauen.
Sie werden sehen, die Rede ist so gegliedert wie jede Rede zu gliedern ist (Einleitung,
Hauptteil, Schluss), und sie setzt gezielt rhetorische Figuren ein.
In der Einleitung wählt unser Bundespräsident den persönlichen,
den vertrauten Ton: das Ich, das Wir. Er lässt seine Frau gleich
mit alle guten Weihnachtswünsche aussprechen und kommt damit direkt
zum Anlass der Rede. Das für die Einleitung Entscheidende ist, das
Publikum direkt anzusprechen, die Aufmerksamkeit von jedem bislang
zerstreuten und mit diesem und jenem beschäftigten Einzelnen
zu gewinnen, und sich von Beginn an eine Gemeinschaft von Zuhörern
zu schaffen.
Das gelingt Johannes Rau, indem er rhetorische Stilmittel einsetzt, die
das Gesagte intensivieren, eindringlicher und anschaulicher machen, z.B.:
- Inversion: Zu Weihnachten denken wir .... . Nicht überall
auf der Welt leben die Menschen...
- Metapher: Sog von Hass und Gewalt... . Haben sich die Menschen auf
den Weg gemacht...
- Personifikation: Jugoslawien kehrt nach Europa zurück.
(Mehr rhetorische Figuren: Fakten.)
Im Hauptteil geht es um die Darlegung des Themas und die argumentative
Stützung der eigenen Botschaft. Die sollte man, wie Thilo von Trotha
erläutert, in einem einzigen Satz zusammenfassen können
schon um selbst Klarheit über das Ziel seiner Rede zu gewinnen. Im
Fall der Weihnachtsansprache lautet sie nach von Trotha: "Wir Deutschen
wollen ausländerfreundlich sein."
Prägendes Stilmittel in Raus Argumentationsführung ist der
begründende Aufforderungssatz: Wir müssen und wollen friedlich
miteinander leben. Darum brauchen wir guten Willen. Dabei verzichtet
Rau klugerweise darauf, direkt Kritik anzubringen und auf ausländerfeindliche
Ausschreitungen zu sprechen zu kommen. Stattdessen wendet er alles Kritische
geschickt ins Positive und suggeriert, dass alle Hörer das Wünschenswerte
wollen, an das er appelliert.
Zum Schluss erinnert Johannes Rau eindringlich an den "unzerstörbaren
Kern der weihnachtlichen Botschaft", die allen, Gläubigen und Ungläubigen,
etwas sage. Statt im eigenen Namen für etwas zu appellieren, die Leute zu
etwas zu bewegen, appelliert er zurückhaltend, aber dadurch umso eindringlicher
an die bindende und uns seit langem verbindende Haltung der Liebe (Zuwendung)
und Mitmenschlichkeit, kraft der allein wir human leben können.
3.Die Rolle der Körpersprache
Dem Anlass der besinnlichen Weihnachtansprache angemessen, blieben Mimik und
Gestik von Johannes Rau sehr zurückhaltend. Lebhafter geht es da
schon zu bei so einigen politischen Rednern, die im Telekolleg gezeigt
wurden: Joschka Fischer, Gregor Gysi, Nikita Chruschtschow, Edmund Stoiber
(siehe Beispiel).
Da mahnt der erhobene Zeigefinger, da schlägt die Faust auf den
Tisch (das Rednerpult), da wird gebrüllt und wild gestikuliert (Chruschtschow,
Stoiber), oder aber ruhig und distinguiert argumentiert (Gysi). Wenn die
Gestik stimmig ist, wenn sie spontan von innen herauskommt und nicht antrainiert
ist, dann ist der Körpereinsatz nur gut. "Er unterstreicht die
Glaubwürdigkeit des Redners, und allein darauf kommt es an",
erläutert von Trotha.
4. Die Lobrede und wie ein Kabarettist die "Feinheiten
der politischen Rede" aufs Korn nimmt
Zum 80. Geburtstag von Helmut Schmidt rühmten Spitzenpolitiker und prominente
Weggefährten den Altbundeskanzler. Die im Telekolleg eingespielten
Ausschnitte dieser Reden demonstrieren, dass die so genannte "Prunk-
und Festrede" wenn gekonnt alles andere als platte
Lobhudelei ist: Sie spricht als Tugend und Verdienst des Geehrten persönlich
aus, was sich der allgemeinen sittlichen und politischen Wertschätzung
erfreut bzw. erfreuen sollte.
So rühmte Valery Giscard d'Estaing Schmidts Geradlinigkeit und Verlässlichkeit.
Bundeskanzler Gerhard Schröder machte mit trefflichen humorvollen
Einlagen klar, dass das große Werk, das Schmidt begonnen hat, nun
endlich von der regierenden SPD weitergeführt wird. Henry Kissinger
erzählte erst eine heitere Anekdote und bekundete dann plötzlich
ganz ernst, stolz zu sein, den Exbundeskanzler seinen Freund nennen zu
dürfen. Diese sehr persönliche Ehrung erhielt durch den radikalen
Tonwechsel ein besonderes Gewicht.
Seiner Mitstreiterin Gräfin Dönhoff gelang es, ihr Lob gewitzt
in eine Rede über die Schwierigkeiten beim Verfassen dieser Lobrede
zu packen. All diese Reden demonstrieren, wie wichtig auch die Redepausen
sind, in denen sich die Pointen im lachenden, schmunzelnden oder nachdenklichen
Publikum erst einmal setzten können.
Wie hohl und leer so manche politische Rede daherkommt, zeigte zum Schluss
Dieter Hildebrandt mit seiner Rede Der Mond ist aufgegangen, eine
Bundestagsrede frei nach Matthias Claudius. Sie können sie
im umfangreichen Rhetorik-Angebot der HDK nachlesen (zu finden im Dateienverzeichnis
unter: http://www.rhetorik-netz.de/rhetorik/index.html).
Aber Sie werden merken, wie sehr einem dabei die Mimik, Gestik und der
Sprachrhythmus dieses begnadeten Kabarettisten fehlen.
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