Medienkompetenz: 8. Propaganda und journalistische Ethik
Fakten
1. Propaganda versus Aufklärung
2. Aufklärung in Zeiten totaler Propaganda
3. Aufklärer brauchen Propagandamittel
Propaganda versus Aufklärung
Die Encyclopaedia Britannica definiert Propaganda
als "dissemination of information – facts, arguments, rumors, half-truths,
or lies – to influence public opinion." Also als eine "Verbreitung
von Information, Fakten, Argumenten, Gerüchten, Halbwahrheiten oder
Lügen, mit dem Ziel die öffentliche Meinung zu beeinflussen."
Weiter heißt es dort: Propaganda sei ein systematischer Manipulationsversuch,
der sich vom freien Austausch von Ideen dadurch unterscheide, dass der
Propagandist eine Absicht, ein spezifisches Ziel oder eine Reihe von Zielen
verfolgt. Um diese Ziele zu erreichen, setzt der Propagandist alles ein,
was zur Erreichung des gewünschten Effekts dienlich ist: selektiv
ausgewählte Fakten und Argumente, verschleierte und erlogene Tatsachen,
Symbole etc.
Besser als im dtv-Lexikon und im Fremdwörter-Duden wird durch diese
Definition klar, Propaganda ist der Versuch, Fakten, Lügen, Symbole
und andere Menschen zu instrumentalisieren, d.h. sie für einen bestimmten
Zweck zu gebrauchen, um durch sie ein bestimmtes Ziel zu erreichen: Bei
der kommerziellen Werbung, der heute alltäglichsten, aber weil durchschaubaren
auch harmlosesten Spielart von Propaganda, ist es die Maximierung des
eigenen Profits, in der Politik, die eigene unumschränkte Macht und
Verfügungsgewalt.
Durch diese, von einer Absicht geleitete, selektive Information und Manipulation
unterscheidet sich Propaganda nach der Encyclopaedia Britannica strikt
von "education", also von Unterrichtung, Erziehung und Aufklärung.
Der ideale Erzieher – und wir können das getrost auf den die Öffentlichkeit
unterrichtenden idealen Journalisten übertragen – ist immer darauf
aus, seinem Zögling – bzw. der Öffentlichkeit – verschiedene
Seiten derselben Sache darzulegen. Er gibt ihm bzw. ihr sowohl Gründe,
etwas zu glauben, als auch Gründe, an etwas zu zweifeln. Er nimmt
einem das Denken nicht durch Beeinflussung ab, sondern gibt einem durch
eine nicht selektive Darlegung von Fakten, Gründen und Gegengründen
das Handwerkszeug, um selbstständig denken und urteilen zu lernen,
d.h., um mündig zu werden.
Dieser de facto bestehende Unterschied von Propaganda und Aufklärung
kann auch durch den historischen Hinweis nicht zunichte gemacht werden,
dass viele Propagandisten – wie Goebbels, Lenin und die meisten kommunistischen
Parteifunktionäre – sich als Aufklärer zelebriert haben. Oder
dass das Wort Propaganda in den diktatorischen Macht- und Gewaltgefilden
von Propagandisten nicht negativ besetzt war, z.B. im Dritten Reich, in
der DDR oder der Sowjetunion.
Aufklärung und Propaganda nicht strikt zu unterscheiden, heißt,
der Propaganda der Mächtigen, die ihre Propaganda als Aufklärung
tarnen, auf den Leim zu gehen, ihrer massiven Beeinflussung zu unterliegen
und sich ihrer Zielsetzung gefügig zu machen. Lenin hieß Propaganda
z.B. nur darum gut und bezeichnete sie trügerisch als Aufklärung,
weil sie wie die Agitation seinem marxistischen Ziel, der Mobilisierung
der Massen für den Klassenkampf, diente.
Es ist m.a.W. ein Propagandamittel, nicht zwischen Aufklärung und Propaganda
zu unterscheiden und alles, auch aufklärerische Bemühungen, die
Wahrheit zu sagen, unterschiedslos als Propaganda bzw. Gegenpropaganda erscheinen
zu lassen.
Zwei historische Beispiele demonstrieren, zu welcher Orientierungslosigkeit
die Propaganda, dieses organisierte Manipulieren von Tatbeständen
führen kann, wenn die Machthaber ein Monopol über die Propagandamittel
haben. Die Tatsachenwahrheit (mehr zum Begriff der Tatsachenwahrheit:
Dichter & Denker), auf die allein man bauen
und sich verlassen kann, hat zu solchen Zeiten kaum eine Chance, Gehör
zu finden:
Aufklärung in Zeiten totaler Propaganda. Die BBC-Ansprachen
von Thomas Mann
Joseph Goebbels mobilisierte den Hörfunk, wie oben dargelegt, zu
einem einzigartigen Propagandamittel, zu einem "Mittel, unser nationalsozialistisches
Wollen ins Volk zu tragen" (zitiert nach: Rückkehr
in die Fremde S.16). Zu seiner großangelegten Propaganda gehörte
die totale Diffamierung ausländischer Sender als "Feindpropaganda"
(ebd. S.18) und die Kriminalisierung ihrer Hörer.
Eine bedeutende Rolle in diesem "Ätherkrieg" der Radiosender spielte
der BBC; er sendete seit der Sudentenkrise (1938) wöchentlich
etwa 30 Stunden in deutsch.
Zahlreiche deutsche Emigranten arbeiteten für diesen Sender, um aus dem Ausland
mithilfe des Hörfunks die deutsche Öffentlichkeit über die verheerenden
Lügen, Vernichtungs- und Gewaltaktionen des Hitlerregimes zu unterrichten
und von ihrer Gefolgschaft abzubringen.
Der prominenteste Vertreter dieser Aufklärer war Thomas Mann. Im Oktober
1940 kündigte er im BBC an:
Deutsche Hörer!
Ein deutscher Schriftsteller spricht zu euch, dessen Werk und Person
von Euren Machthabern verfemt sind und dessen Bücher, selbst wenn
sie vom Deutschen handeln (...) nur noch zu fremden, freien Völkern
in ihrer Sprache reden können (...). Darum ergreife ich gern die
Gelegenheit, die die englische Behörde mir bietet, euch von Zeit
zu Zeit über das zu berichten, was ich hier sehe, in Amerika, dem
großen und freien Land, in dem ich eine Heimstatt gefunden habe.
(Zitiert nach Rückkehr in die Fremde
S. 41.)
In seinen Ansprachen war er sich darüber im Klaren, dass ihm in
Deutschland kaum jemand die furchtbare, aber das ganze Ausmaß der
Katastrophe bei weitem noch nicht erfassende Wahrheit glaubte, die er
zu berichten wusste: Was der "Feindsender" in diesem "Ätherkrieg"
der Radiosender brachte, galt als bloße "Feindpropaganda".
Im Januar 1942 unterrichtete Thomas Mann die Deutschen z.B. über
die Vergasung von 400 holländischen Juden:
Die Nachricht klingt unglaubwürdig, aber meine Quelle ist gut.
In zahlreichen holländisch-jüdischen Familien, so wurde ich
unterrichtet, in Amsterdam und anderen Städten, herrscht tiefe
Trauer um Söhne, die eines schaurigen Todes gestorben sind. 400
junge holländische Juden sind nach Deutschland gebracht worden,
um als Versuchsobjekte für Giftgas zu dienen. Die Virulenz dieses
ritterlichen und durch und durch deutschen Kriegsmittels, eine wahre
Siegfriedwaffe, hat sich an den jungen Untermenschen bewährt. Sie
sind tot. Gestorben für die neue Ordnung und die Kriegsingeniosität
der Herrenrasse. Eben dafür waren sie allenfalls gut genug. Es
waren ja Juden.
Ich sagte, die Geschichte klingt unglaubwürdig, und wir wissen,
die Neigung, um nicht zu sagen die Tendenz, solche Geschichten als Greuelmärchen
anzusehen, bleibt zum Vorteil des Feindes weit verbreitet. Sie sind
aber keine bloßen Geschichten, sie sind Geschichte. Die Nazis
machen bewusst Geschichte mit all ihren Taten, und die Probevergasung
der 400 jungen Juden ist eine bewusste und demonstrative Geschichtstat,
ein lehr- und beispielhafter Ausdruck der Gesinnung der nationalsozialistischen
Revolution, die man nicht versteht, wenn man die moralische Bereitschaft
nicht als revolutionäre Errungenschaft erkennt. In dieser rückfälligen,
um Jahrtausende zurückfallenden Bereitschaft besteht die nationalsozialistische
Revolution. Etwas anderes hat sie nicht hervorgebracht und wird sie
nicht hervorbringen.
Man darf nicht vergessen, dass am Anfang dieses Krieges, der nicht
1939, sondern 1933 begann, die Abschaffung der Menschenrechte stand.
'Die Menschenrechte sind abgeschafft' verkündete damals Dr. Goebbels
im Sportpalast, und 10.000 blöde arme Teufel brüllten mit
kläglich widersinnigem Beifall. Es war eine geschichtliche Proklamation,
die prinzipielle Grundlage für alles, was Nazideutschland heute
den Völkern, einschließlich des eigenen Volkes, zufügt.
(Zitiert nach: Rückkehr in die Fremde
S.38.)
Die Vernichtungsaktionen der Deutschen waren bislang in der Geschichte
beispiellos, sie überstiegen bei weitem die Vorstellungskraft des
gesunden Menschenverstands. Aber nicht nur deswegen konnten die Deutschen
den Berichten von der massenhaften Vergasung der Juden nicht glauben.
Ein Grund war auch, dass in Deutschland seit 1933 jegliche Information
Propaganda war. Noch 1945 waren die Deutschen derart daran gewöhnt,
das alle "Aufklärung" der Siegermächte nur organisierte Lüge
und "Propaganda" war, dass sie selbst die grauenhaften Fotos, die die
Alliierten bei ihrer Befreiung von den KZs machten, als "Feindpropaganda",
als Lüge abtaten.
Aufklärer brauchen Propagandamittel: Widerständler
planen die Besetzung des Rundfunks
Die Regimegegner um Carl Friedrich Goerdeler, Ludwig Beck und Claus Schenk
Graf von Stauffenberg wollten direkt nach dem geplanten Attentat gegen
Hitler das Berliner Rundfunkgebäude besetzen. Es ging ihnen, wie
Peter Steinbach resümiert,
nicht nur um die Beseitigung Hitlers, sondern es kam auch darauf an,
den Deutschen durch den Äther die Wahrheit zu sagen. Das war das
Ziel. Die sich darauf aufbauende Hoffnung bezog sich auf die Erwartung,
die Zuhörer würden aus der Rundfunkansprache die richtigen
Konsequenzen ziehen und aus dem Widerstand ohne Volk einen Umsturz mit
dem Volk machen. (Rückkehr in die Fremde S.15).
Es kam bekanntlich am 20. Juli 1944 alles anders: Am Abend des 20. Juli
wandten sich nicht die Regimegegner an die Öffentlichkeit, sondern
Hitler selber, um den Fehlschlag des Attentats zu bezeugen und mächtig
gegen die großenteils bereits gefassten "Verschwörer" aufzuhetzen.
Der Rundfunk, dieses "allerwichtigste Wahrheitsverbreitungs- und Beschwindelungsmittel"
(Rückkehr in die Fremde S.15) blieb
also am Abend des 20. Juli, was er seit 1933 war: Leitmedium der Verführung.
Hier wird deutlich, dass man – vor allem zu Zeiten totalitärer Herrschaft,
wo jede Information nur dazu dient, die Massen zu beeinflussen – auch
Werbung für die Wahrheit machen muss und dafür die herrschenden
Propagandamittel braucht. Die Wahrheit ist zu allen Zeiten massenhafter
Manipulation völlig ohnmächtig, wenn sie selbst nicht durch
"Massenbeeinflussungsmittel" verbreitet werden kann. Daher streben alle
Regimegegner – wie die Gruppe des 20. Juli – bei ihren Umsturzversuchen
stets die Macht über die leitenden Massenmedien an.
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