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Medienkompetenz:
8. Propaganda und journalistische Ethik

Zusammenfassung Fakten Nachgefragt Dichter & Denker
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Dichter und Denker

Im Pressekodex steht, die Achtung vor der Wahrheit sei oberstes Gebot des Journalisten (mehr dazu Nachgefragt). In den letzten Folgen wurde deutlich, wie problematisch und strapaziert das Wort Wahrheit ist. Nachdem nun so viel von verführerischer Propaganda, subjektiven Wahrheiten, Manipulation und Verfälschung der Wahrheit geredet wurde, ist es an der Zeit, etwas deutlicher einzugrenzen, was da verfälscht, subjektiv dargestellt und manipuliert wird.

Was ist also gemeint mit Wahrheit, mit dem, was die Journalisten achten sollen?

Anstatt die uralte Frage nach der Wahrheit mit verschiedenen philosophischen Theorien aufzurollen, orientieren wir uns an dem schon erwähnten Aufsatz Hannah Arendts, einer politischen Denkerin, deren Frage nach Wahrheit und Politik direkt aus den eigenen verheerenden Erfahrungen mit der Politik und Propaganda des letzten Jahrhunderts entspringt.

Um sinnvoll von Wahrheit zu reden, ist zunächst einmal der relativistische Theorie, nach der alles nur eine Frage des Standpunkts ist, zu verlassen und das Zwingende der Wahrheit in den Blick zu bringen.


"Alle Wahrheiten ... unterscheiden sich von Meinungen und Ansichten durch die Art und Weise, wie sie Gültigkeit beanspruchen. Jede Wahrheit erhebt den Anspruch zwingender Gültigkeit." Jede Wahrheit erhebt einen Gültigkeitsanspruch, der nicht zur Debatte steht, der "durch Übereinkunft, Diskussion oder Zustimmung weder erhärtet noch erschüttert werden kann." (Arendt S.340)


Die Gültigkeit von wissenschaftlichen Aussagen, wie "die Erde dreht sich um die Sonne", oder von mathematischen Sätzen, wie "die Winkel eines Dreiecks sind zwei rechten Winkeln gleich", ist demnach so zwingend wie die Tatsachenwahrheit: "Im August 1914 fielen deutsche Truppen in Belgien ein."
Die allgemeine Gültigkeit solcher Wahrheiten fußt nicht darauf, dass sich viele darauf geeinigt und dem zugestimmt haben und ist auch keine Frage des Standpunkts oder der Meinung.

Wenn Journalisten "die Wahrheit achten sollen", dann ist damit zumeist eine Tatsachenwahrheit wie "Im August 1914 fielen deutsche Truppen in Belgien ein" gemeint, seltener wissenschaftliche oder mathematische Wahrheiten. Um solche Tatsachenwahrheiten, d.h. Enthüllungen, die Fakten, Dinge und Ereignisse unserer gemeinsamen Welt betreffen, soll es im Folgenden allein gehen.

Schon Hobbes bemerkt am Ende seines Leviathan, "daß Menschen die Wahrheit nur willkommen heißen, wenn sie niemandes Vorteil oder Gefallen (pleasure) beeinträchtigt." (Zitiert nach Arendt S.329).

Wer ohne Rücksicht darauf, wie willkommen die Wahrheit ist, über Tatbestände berichtet, wird daher nicht selten von den Mächtigen angegriffen. Dies wurde am Beispiel des "Dritten Reichs" deutlich: Jeder Versuch, die Deutschen über die wahren Verhältnisse dieses totalitären Apparates aufzuklären, wurde als Feindpropaganda, als feindselige Meinungsmache und Manipulation diffamiert und unschädlich gemacht (mehr dazu: Fakten). Und in weniger lebensbedrohlicher Form werden auch in der freien Welt der Demokratie und Pressefreiheit diejenigen diskreditiert, die die Wahrheit sagen.
Zerstört ein Journalist z.B. durch Aufdeckung von bislang unbekannten Fakten das Image, das öffentliche Bild, das sich eine Person oder eine Partei aufgebaut hat, dann wird ihm gern vorgeworfen, seine Recherche basiere auf unlauteren oder "unethischen" Methoden und er betreibe nur Hetze, Propaganda gegen besagte Person oder Partei. Beliebt – und z.B. von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl gepflegt – ist auch eine damit einhergehende Selbststilisierung als Opfer von Pressekampagnen, als gejagtes Tier, ohnmächtiges Freiwild.

Nach Arendt ist die wirksamste Methode der Propagandisten, unbequeme Wahrheiten zu leugnen und unschädlich zu machen, sie als bloße Meinung, als subjektiven Standpunkt oder als Meinungsmache zu diskreditieren.

"Unbequeme geschichtliche Tatbestände, wie daß die Hitlerherrschaft von einer Mehrheit des deutschen Volkes unterstützt wurde, ... oder auch die profaschistische Politik des Vatikans im letzten Krieg, werden behandelt, als seien sie keine Tatsachen, sondern Dinge, über die man dieser oder jener Meinung sein kann." (Arendt S.336)

Um den mehr oder weniger organisierten Lügengespinsten solcher Propagandisten und Imagemacher nicht auf den Leim zu gehen, ist es daher nötig, zwischen Tatsachenwahrheiten und Meinungen zu unterscheiden. Weil sich beide im selben Bereich bewegen und denselben Bereich angehen, nämlich den der menschlichen Angelegenheiten insgesamt, also unsere gemeinsame Wirklichkeit, stehen sie nicht selten auf Kriegsfuß. Denn zu dieser Wirklichkeit scheint es eben zu gehören, dass

"Menschen Tatsachen, die ihnen wohl bekannt sind, nicht zur Kenntnis nehmen, wenn sie ihrem Vorteil oder Gefallen widersprechen... . Es ist, als seien Menschen gemeinhin außerstande, sich mit Dingen abzufinden, von denen man nicht mehr sagen kann, als dass sie sind, wie sie sind – in einer nackten, von keinem Argument und keiner Überzeugungskraft zu erschütternden Faktizität." (Arendt S.337f.)

Der Unterschied zwischen Tatsachen und Meinungen ist hiernach, dass Meinungen, wenn sie frei sein und frei sich bilden sollen, auf Tatsachenmaterial fußen müssen. "Tatsachen sind der Gegenstand von Meinungen, und Meinungen können sehr verschiedenen Interessen und Leidenschaften entstammen, weit voneinander abweichen und doch alle legitim sein, solange sie die Integrität der Tatbestände, auf die sie sich beziehen, respektieren."
Der beliebte historisierende Hinweis, dass jede Generation aus anderer Perspektive die Geschichte der Vergangenheit neu schreibt, gibt – so Arendt – keinem das Recht, "das Tatsachenmaterial selbst anzukratzen" (Arendt S.355). Letzteres ist z.B. aus den "Geschichtsumschreibungen" in der ehemaligen UdSSR wohl bekannt .

Die Faktizität, dass sie geschehen sind, und dass das Geschehene nicht rückgängig zu machen ist, dies macht die Tatsachen so zwingend und zugleich so unbeliebt im Felde des gemeinsamen Handelns und der Politik. Denn dort geht es stets darum, zu handeln, d.h. einzugreifen und das Geschehen zu lenken, zu verändern – sei es demokratisch auf der Basis von Übereinkunft, oder auch diktatorisch.

"Vom Standpunkt der Politik gesehen ist Wahrheit despotisch; und dies ist der Grund, warum Tyrannen sie hassen und die Konkurrenz mit ihr fürchten und warum andererseits konstitutionelle Regierungsformen, die den nackten Zwang nicht ertragen, mit ihr auch nicht auf bestem Fuße stehen. Tatsachen stehen außerhalb aller Übereinkunft und aller freien Zustimmung; alles Reden über sie, jeder auf korrekter Information beruhende Meinungsaustausch wird zu ihrer Etablierung nicht das Geringste beitragen. Mit unwillkommenen Meinungen kann man sich auseinandersetzen, man kann sie verwerfen oder Kompromisse mit ihnen schließen; unwillkommene Tatbestände sind von einer unbeweglichen Hartnäckigkeit, die durch nichts außer der glatten Lüge erschüttert werden kann." (Arendt S. 342)

Sobald eine Tatsachenwahrheit den herrschenden Interessen und Meinungen entgegensteht, ist sie besonders der Gefahr der absichtlichen Verleugnung und Verfälschung ausgeliefert. Denn damit sie sich etablieren und öffentlich wirksam durchsetzen kann, braucht man "Augenzeugen, die notorisch unzuverlässig sind, oder Dokumente, Aufzeichnungen, Denkmäler aller Art, die insgesamt eines gemeinsam haben, nämlich, daß sie gefälscht werden können. Bleibt der Tatbestand strittig, so können zum Zwecke seiner Erhärtung nur weitere Zeugnisse der gleichen Art angeführt werden, aber keine diesen überlegene Instanz, so dass eine Einigung schließlich nur durch Mehrheitsbeschluß zustande kommen kann, genau wie bei Meinungsdifferenzen – ein in diesem Fall gänzlich unbefriedigendes Verfahren, da nichts eine Mehrheit von Zeugen daran hindert, einstimmig falsches Zeugnis abzulegen." (Arendt S. 345)

Falsches Zeugnis ablegen, also lügen, ist der Versuch, das, was geschehen ist und noch fortwirkt, zu ändern, das Bestehende bewusst im eigenen Interesse oder auch im Interesse anderer zu verändern, zu manipulieren. Das Dilemma von Tatsachenwahrheiten, die von Haus aus Ereignisse und Umstände betreffen, in die viele Menschen verwickelt sind, ist, dass es kein Patentrezept gibt, wie man sie verifizieren kann. Solche Wahrheiten können sich nur etablieren, wenn diejenigen, die sie bezeugen, verlässlich und integer sind. Die Glaubwürdigkeit von Tatsachenwahrheiten wird in dem Moment erschüttert, wo es dem Zeugen oder Berichterstatter nicht einzig und allein um die Enthüllung der Tatsachen geht. Nämlich dann, wenn er damit zugleich vitale Interessen verfolgt, sei es seine eigenen oder die anderer.

Sobald der Berichterstatter "seine Information in den Dienst von Gruppeninteressen und bestimmten Machtinformationen stellt", bringt er sich – so Arendt – "um die einzige Chance, unliebsamen Tatsachen Gehör zu verschaffen, und das ist seine persönliche Glaubwürdigkeit. Wer im Namen von Interessen und Macht spricht, kann nicht mehr glaubwürdig sein; er kann als Person für das, was entweder unglaubwürdig klingt oder den Interessen vieler zuwider ist, nicht mehr bürgen. Seine Glaubwürdigkeit gerade hängt an seiner Unabhängigkeit und Integrität." (Arendt S.353)

Die Wahrheit achten, dieses oberste Gebot des Pressekodex, hieße demnach: Die Journalisten sollen ihre Unabhängigkeit und Integrität wahren. Herbert Riehl-Heyse, der Gast in dieser Folge, gibt in seinem Buch Bestellte Wahrheiten zu bedenken, dass der schlechte Ruf, den Journalisten hierzulande genießen, auch daher kommen könnte, dass so viele Journalisten integer und unabhängig sind: Dass sie eben keine "bestellten", sondern zu viele unbequeme Wahrheiten liefern.

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Stand: 03.07.2010