Medienkompetenz: 6. Objektivität, Subjektivität, Wahrheitsgehalt
Zusammenfassung
"Wahrheit ist auch immer eine Frage des Standpunkts." Das könnte von
Friedrich Nietzsche stammen, ist aber genauso wahr, wenn Volker Matthies
es sagt. Die sechste Folge demonstriert an verschiedenen Beispielen, wie
wahr dieser Satz ist.
Das Problem ist also: Gibt es überhaupt Wahrheit in den Medien, oder ist alles nur Standpunkt?
Gast im Studio: Thomas Morawski
Themen
1. Subjektiver Journalismus: Wie man nicht berichten sollte.
2. Blick in die Werkstatt: Wie die Tagesschau ihre Nachrichten macht.
3. Nachrichten eines Tages im Vergleich: Was hält
welcher Sender für wichtig?
1. Subjektiver Journalismus: Wie man nicht berichten sollte.
- An zwei jeweils kontroversen Fernsehberichten wird gezeigt, was
ein Journalist alles falsch machen und wie subjektiv ein Standpunkt
sein kann.
Das erste Duo kommt aus dem Münchner Olympiastadion. Wegen
der Umbau- und Neubaupläne der Kommune votiert der erste lauthals
mit einer grölenden Fußballmenge im Hintergrund für
den Erhalt des Stadions. Der zweite beklagt triste im leergefegten Stadion
"dieses Grab aus Stahlbeton". Beide Berichte verletzten das erste Gebot
des informierenden Journalisten, die Unparteilichkeit.
-
Sie
berichten – so Thomas Morawski – "nicht über ein
Ereignis, sondern inszenieren eine Botschaft."
- Sie evozieren subjektive Stimmungen, gebrauchen viele emotionsgeladene
und unpassende Bilder, Vergleiche und Klischees (Hexenkessel, Grabesstimmung).
- Man kann ihnen höchstens "glauben", denn sie informieren nicht
und überlassen es nicht dem Zuschauer, sich eine eigene Meinung
zu bilden. Sie appellieren ("seien wir mal ehrlich") und versuchen,
den Zuschauern die eigene Meinung aufzuoktroyieren.
- Das zweite Duo zeigt kontrastierende Berichte zum Leseverhalten
in Deutschland. Der erste Bericht will zeigen, dass Deutschland
auf dem Weg zum Analphabetismus ist, der zweite sagt das glatte Gegenteil:
dass deutsche Bürger heute mehr lesen als je zuvor. Beide Berichte
untermauern ihre These mit einseitigem Bildmaterial: dem Ausleihschalter
der Münchener Stadtbibliothek im Gasteig, wo gerade (wann wird
sträflicherweise nicht gesagt) gähnende Leere herrscht und
der überfüllten Buchhandling Hugendubel am Samstagmorgen.
- Diese Inszenierung missbraucht das Vertrauen in die Beweiskraft
von Bildern. Der Journalist hat die Aufgabe, so Morawski, "keine
sinnentstellenden Ausschnitte zu wählen."
- Beide Berichte erwähnen mit keinem Wort, aus welcher Quelle sie
ihre Daten zum angeblichen Analphabetismus oder angeblichen Lesehunger
beziehen. Damit verletzen sie, so Morawski, eine wesentliche Aufgabe
des Berichterstatters, der den Zuschauern/Lesern die Möglichkeit
geben muss, die Glaubwürdigkeit anhand der angegebenen Quellen
nachzuprüfen.
2. Blick in die Werkstatt: Wie die Tagesschau ihre Nachrichten macht.
"Der
Erfolg der Tageschau kommt daher, dass wir jeden Tag verlässlich
in einer relativ kurzen Zeit – nämlich in 15 Minuten –
um 20 Uhr umfassend, seriös und sehr objektiv informieren über
das, was national, international, aber auch – wenn es wichtig genug
ist – regional passiert ist." So Patrick Leclerq, der zweite Chefredakteur
von Deutschlands quotenstärkster Nachrichtensendung, der Tagesschau.
Den in der Tat seriösen 15 Minuten am Abend geht ein ganzer Tag
Redaktionsarbeit im NDR voraus, und Redigieren heißt zuerst
einmal: auswählen, was wichtig ist.
- Das fängt um 10 Uhr morgens bei der ersten Planungsredaktion
an, wo die alltägliche Flut von Agenturmeldungen gesichtet und
entschieden wird, "was für uns interessant ist", so Kai Wessel,
Planungsredakteur und ein Praktiker, der von "sehr objektiver" (Leclerq)
Information gar nicht erst spricht.
- Nur aktuelle Top-Themen finden den Weg in die Tagesschau.
- Die Redakteure im Sendeteam besprechen, was in der Wortmeldung vorab
kommen soll, wie die Beitrag aufgebaut, welche O-Töne, welche Statements
sie enthalten sollen.
- Wortredakteure texten sorgfältig die Meldungen, während
in der MAZ-Zentrale passende Bilder von Agenturen und Auslandskorrespondenten
aus aller Welt einlaufen.
- Erst kurz vor Sendebeginn fügt die Bild-Redakteurin das Wort-
und Film-Material zusammen.
- Das A und O des Journalismus ist die Recherche, nie sollte sich ein
Journalist auf eine einzige Quelle verlassen. Die Redakteure der Tagesschau
überprüfen den Wahrheitsgehalt der Quellen, indem sie die
Vielzahl internationaler Agenturmeldungen vergleichen. Wo Übereinstimmung
herrscht, kann man auf die Verlässlichkeit der Daten eigentlich
vertrauen. Darüber hinaus wird in der Regel die Meldung noch durch
einen der vielen Auslandskorrespondenten der ARD abgesichert.
- Sonderfälle sind indes die Kriegsberichterstattung etwa vom Kosovo
oder Golf, wo "ganz gezielt versucht wird, zu desinformieren". Da sind
"plötzlich Bilder und Fakten auf dem Markt, die in der Schnelle
und im Hinblick auf die nächste Sendung ... nicht zu überprüfen
sind", sagt Leclerq. In dem Fall verzichte die ARD darauf sie zu senden
(mehr zur Kriegsberichterstattung: Gäste).
- Bis zum Wetterbericht herrscht Anspannung in der Redaktion, denn bis
zur letzten Minute können Änderungen eingebracht werden. Doch
selbst danach ist noch nicht Feierabend für das Team.
- Direkt nach der Sendung versammelt sich die Redaktion zur abendlichen
Kritikkonferenz, auch "Flurschelte" genannt (mehr dazu: Übung).
"Sehr objektiv informieren" (Leclerq), heißt demnach, über das informieren, was durch mehrere Quellen zuverlässig bezeugt ("wahr") und für die Tagesschau "interessant" ist.
Für die Tagesschau und das ZDF ist etwas anderes interessant als für die Nachrichten der kommerziellen Sender.
3. Nachrichten eines Tages im Vergleich. Was hält welcher Sender für wichtig?
Ein Vergleich der Hauptnachrichten von Pro Sieben, RTL, SAT 1, ARD
und ZDF an ein und demselben Abend zeigt:
- Außer bei der ARD beginnen alle mit einem Überblick, der
alle Themen schlagzeilenartig vorstellt.
- SAT 1 und Pro Sieben fangen mit einem "Human-Touch-Thema" an, das
den Voyeurismus der Zuschauer befriedigt und ihre Emotionen weckt: das
Schicksal der entführten Wallerts auf den Philippinen.
- RTL macht das Formel 1 Rennen – die Tränen Michael Schuhmachers
wegen des tragischen Unfalls eines Feuerwehrmanns – zur Topmeldung
des Tages.
-
ARD
und ZDF machen die steigenden Benzinpreise zum wichtigsten Thema: Sie
beginnen mit einem Bericht über das OPEC-Treffen, lassen verschiedene
Politiker zu Wort kommen, zeigen nach und nach die Gründe für
die steigenden Benzinpreise auf und blenden dann erst den wachsenden
Unmut der Betroffenen ein, der Spediteure etc.
- SAT 1 verzichtet ganz auf die Hintergründe dieser Nachricht,
blendet bloß die wütende Bevölkerung ein und titelt
die Nachricht als Kommentar: Benzinpreiserhöhung ist "Ärgernis
Nummer 1".
- Pro Sieben schildert die Proteste in den anderen europäischen
Staaten, lässt Politiker zu Wort kommen, spricht einfach und mit
vielen ausgesuchten Bildern und bringt am Ende einen Beitrag mit Service-Charakter:
über die Vor- und Nachteile von Biodiesel.
-
Die privaten Sender mischen ihre Nachrichten mit bunten unterhaltsamen
Themen, Klatsch und Kuriosem aus aller Welt: RTL z.B. mit einem Duschwettbewerb:
Wer hält es am längsten unter dem Wasserstrahl aus? In ihren
Hauptnachrichten verzichten ARD und ZDF auf solche soft news.
- Während die ARD viele Nachrichten auch nur verlesen lässt,
präsentieren die Privaten fast alle mit Kurzfilmen.
So verschieden die Sender, so unterschiedlich das Profil ihrer Nachrichten. Dennoch lässt sich tendenziell festhalten:
ARD und ZDF informieren vorrangig über politische und gesellschaftliche
Ereignisse und deren Hintergründe, die entweder selbst öffentlich
bedeutsam sind oder die einschneidende Folgen für die Allgemeinheit
haben. Wichtig heißt hier: für alle nützlich zu wissen.
Die Privaten definieren die Wichtigkeit ihrer Nachrichten eher im Blick
darauf, was ihr Publikum interessiert und unterhält: Themen mit human
touch, Prominenz und Kuriositäten haben hier ein größeres
Gewicht (mehr zum Unterschied zwischen wichtig und interessant Nachgefragt).
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