"Zwar weiß ich viel, doch möchte’ ich alles wissen."
Mit diesem Zitat aus Goethes Faust (mehr dazu Übung)
leitete Volker Matthies die 12. Folge ein. Die Sendung beleuchtet, was
der Weimarer Dichterfürst noch nicht ahnen konnte: dass die exponentiell
steigende Flut von Informationen schon heute kaum mehr zu bewältigen
ist.
- Information und Zeit
Immer schneller wird uns immer mehr Information verfügbar, immer
mehr Reize strömen unausgesetzt aus immer mehr Kanälen auf
uns ein.
Verschwindet das Wissen in dieser Datenflut? Welche Strategien sind
nötig, um das zu verhindern?
"Wir
leben in einem hochspezialisierten Zeitalter, das gleichzeitig dabei
ist, die klassischen Disziplinen aufzulösen. Wir werden an dieser
Stelle auch neue Unsicherheiten kriegen, weil keine Grenzziehungen mehr
möglich sind. Und wir werden das Zeitalter des Enzyklopädismus,
wo sich ein allumfassendes Weltwissen in einer Person konzentriert,
endgültig hinter uns lassen", prophezeit Tom Lamberty, Personalentwicklung
Siemens.
Zuverlässige Informationen sind das A und O jeglicher freier Entscheidungsfindung.
Welche Informationen legen z.B. Topmanager ihren Handlungen zugrunde?
Auf welche Weise bereiten sie sich auf wichtige Entscheidungen vor?
Darüber bestehen laut Lamberty falsche Vorstellungen. "So
als hätte ein Topmanager Heerscharen von Zuliefern – wie früher
ein König Berater –, und als würde er seine Entscheidung auf
dem Grunde wohl aufbereiteter Informationen gründen. Es scheint
aber so zu sein, dass die Entscheidungen anders getroffen werden. Aufgrund
einer zufälligen Lektüre im Flugzeug oder durch Gespräche.
Die Entscheidungsfindung passiert offenbar weniger nachvollziehbar und
weniger steuerbar als man das bisher dachte."
- Orientierung in der Informationsflut
Die Redakteure von Presse und Hörfunk nehmen uns zum großen
Teil die Entscheidung ab, welche Neuigkeit wichtig ist, und welche nicht.
Von den Agenturmeldungen, die in den Redaktionen täglich eingehen,
erreicht uns nur die Spitze:
"Über die Agenturen kommen am Tag so etwa 2000 Meldungen
aus ungefähr 100 verschiedenen Themengebieten. Davon bleiben im
Nachrichtensender bestenfalls 15 übrig. Das heißt also, die
Kunst des Nachrichtenmachens ist auch die des Wegwerfens", erläutert
Günter Scharff, Nachrichtenredakteur beim Bayerischen Fernsehen.
Weil die rapide anwachsende Informationsflut auch jede Menge Infomüll
enthält, ist es zunehmend schwieriger geworden, gezielt an die
gewünschte, vertiefende Information zu kommen. Da Journalisten
und Redakteure von Haus aus im Auswählen und Wegwerfen geübt
sind, spannen inzwischen viele Unternehmen Mediendienste ein, um die
gewünschten Inhalte zu erhalten.
Was den Umgang mit den neuen Medien so erschwert, ist, dass von außen
kaum zu erkennen ist, was sie bieten. Walter Reithmayer, Medienexperte
bei Siemens:
"Ein in Leder gebundenes Buch vermittelt uns eine gewisse Wertigkeit.
Eine CD, vielleicht sogar eine gebrannte, sagt uns von ihrem Aussehen
her nichts: ist da Musik, ist da probehalber eine Demonstration von
einem Spiel oder ist da ein wertvolles Lexikon drauf. Wir müssen
lernen bei den neuen Medien die Wertigkeit zu erkennen und schnell auszusuchen."
Wer sich orientieren und gezielt recherchieren will, sollte sich für
alle Medien offen halten und von Fall zu Fall entscheiden, welches am
effektivsten ist (mehr dazu: Fakten).
Da Information noch lange nicht Wissen ist, sind Strategien gefragt,
die einem helfen, die gefundenen Informationen in Wissen zu transformieren,
d.i. zu strukturieren und sich anzueignen. Ulrich Müller, Privatdozent
an der Universität Eichstätt, hat mit seinen Studenten eine
fruchtbare Methode zur Strukturierung erprobt, das Mind-Mapping:
Das ist eine Gehirnlandkarte, die zunächst recht unübersichtlich
wirkt, aber organisch aufgebaut ist: wie ein in der Mitte der Krone
durchschnittener Baum, auf den man von oben sieht. Das zentrale Thema
bildet dabei den Stamm, fortführende Gedanken werden wie Äste
platziert, die aus dem Stamm herauswachsen, sich verzweigen etc.
"Diese Methode hilft einem, in einem Wissensgebiet die wichtigen
Aspekte auszuwählen und Detailinformationen dann diesen Grundstrukturen
zuzuordnen", so Ulrich Müller.
Doch trotzt aller Strategien zur Auswahl, gezielter Suche und Strukturierung
der Informationen, stößt unsere Aufnahmefähigkeit an
Grenzen:
"Nebenbei Informationen so aufzunehmen, dass sie auch hängen
bleiben, das gelingt nur sehr partiell und sehr dürftig. Das heißt,
wenn ich mir wirklich Zeit nehme und sage o.k., jetzt lese ich diesen
Fachartikel, dann gehe ich da auch aktiv ran. Dann bleibt sicherlich
viel mehr hängen, als wenn ich viele Dinge so nebenbei mache, parallel
laufen lasse", erklärt Reinhilde Beck, Professorin für
Sozialpädagogik in München. Man kann zwar jeden Artikel diagonal
lesen, dabei womöglich noch im Radio Nachrichten hören und
noch etwas drittes tun, aber das bringt nichts: "Das Gehirn nimmt
auch Informationen viel besser auf, wenn ich entspannt und aufmerksam
bin."
Wichtig ist also, ein Gefühl dafür zu entwickeln, welche
Informationen uns unentbehrlich sind. Dazu gehört auch: mal Pause
machen, abschalten und der Abschied nehmen von der Illusion, dass wir
Herr über die Informationsflut werden könnten (mehr dazu:
Nachgefragt und Kontrovers).
-
Verweigerung.
Alternativen zur Medienflut
Immer mehr Menschen hängen sich von morgens bis nachts gleich
mit mehreren Kabeln (PC, Radio, Fernsehen, Telefon) an den Nabel der
Welt, wie z.B. Paul Mülller. Er steht morgens mit Radiowecker auf,
liest gleich zwei abonnierte Zeitungen beim Frühstück quer
und lässt nebenbei das Radio dröhnen. Im Büro telefoniert
er, während er gleichzeitig die Börsennachrichten liest und
den PC bedient. Da fragt es sich doch, ob die Verweigerung der Medien
nicht eine echte Alternative ist.
Das Telekolleg besuchte Familie Bowler und ihre Nachbarn, Familie Schremp.
Sie gehören zu den rund zwei Millionen Menschen in der BRD, die
bewusst auf den Fernseh- und Internetkonsum verzichten. Ein Grund dafür
ist die Angst, durch das Fernsehen Zeit zu verlieren, ein anderer Grund
sind die Kinder.
Frau
Bowler: "Ich glaube, die Gefahr, dass die Kinder zu viel Fernsehen
und damit unkreativ werden und verlernen zu spielen, ist größer
als die Gefahr, dass sie später nicht lernen, mit dem Fernseher
umzugehen."
Familie wird bei den Bowlers großgeschrieben: Während andere
allein surfen oder zappen, wird in der Familie gemeinsam gebastelt,
gemalt und gelesen.
Ein Besuch bei einem Fernseh- und PC-Kurierten: Michael Träupel
weiß, warum er keinen Fernseher besitzt: Früher hat er über
PC und Fernsehen seine Freundschaften und alles mögliche vernachlässigt.
Heute lebt er mit seiner Freundin zusammen ohne Internet und Fernsehen.
An Informationen mangelt es ihnen trotzdem nicht: Sie hören viel
Radio und haben eine Tageszeitung abonniert. Auch an Vergnügen
nicht: Wie sie, so bezeichnen die meisten Medien-Asketen ihr Leben ohne
Fernbedienung als fröhlich und erfüllt.