- Medien und ihre Wirkung aufs Gehirn
Da wir alle schließlich mehr sind als bloße Medienrezipienten,
lässt sich kaum exakt fassen, was an uns, welches Tun, Sinnen und
Trachten, auf die Wirkung von Medien zurückgeht. Am exaktesten
sind da noch die Ergebnisse der Gehirnforschung, die untersucht, wie
wir welche Medienreize aufnehmen, verarbeiten und behalten.
Wir lesen Bücher, hören Radio und sehen fern. Das Gehirn
übersetzt all diese Reize, die unsere Sinnesorgane aus den Massenmedien
aufnehmen, in Nervenimpulse.
Was passiert dabei in unserem Gehirn, welche Gehirnfunktionen werden wobei
beansprucht?
"Beim Lesen muss man zwei Formen unterscheiden, Sinnlesen – also eine
Bedeutung erfassen und, wenn ich einen Roman lese, ein Bild zu generieren,
also ein Bild mit Phantasie zu produzieren; da wird die rechte Gehirnhälfte
aktiv. Lesen ist ein viel komplexerer Vorgang als Radio hören oder
Fernsehen. Sehr viel mehr Zentren im Gehirn sind beteiligt. Beim Radiohören
ist ja nur eine sprachliche Kommunikation simuliert und beim Fernsehen
ist es dann der visuelle Kanal, wo mir etwas vorgesetzt wird, die Bilder
wurden gemacht." So Professor Dr. Ernst Pöppel, Gehirnforscher
am Humanwissenschaftlichen Institut der LMU.
Die Informationen werden beim Lesen von dem primären Seh-Wahrnehmungsfeld,
das im hinteren Gehirnteil liegt, zu anderen Hirnregionen weitergeleitet,
zu Assoziationsfeldern. In ihnen werden die Informationen sozusagen
verarbeitet und ausgewertet. Es gibt z. B. ein Feld, das für Farb-
und Formerkennen, und eines, das für das Erkennen von Gesichtern
zuständig ist.
Wie für das Sehen, so haben wir auch jeweils für das Hören,
Tasten, Riechen und Schmecken primäre Wahrnehmungsfelder. Dadurch,
dass es gleichzeitig mehrere Informationen verarbeiten kann, ist unser
Gehirn dem "Siliziumgehirn" eines Computers haushoch überlegen
und dementsprechend komplex in seinen Funktionen:
In dem gesamten Netz von rund 125 Milliarden Nervenzellen, den Neuronen,
sind viele Gehirnregionen und -funktionen daran beteiligt, dass die
Impulse aus den primären Wahrnehmungsfeldern weitergeleitet und
verarbeitet werden können:
Zunächst das Rückenmark, das Nachhirn und die Brücke.
Diese bildet mit dem Mittelhirn den so genannten Hirnstamm. Ferner das
Zwischenhirn, die Schaltstelle für Sinnesinformationen, wo die
Reize aus dem Großhirn weiterverarbeitet werden. Und schließlich
der so genannte Balken, der unsere beiden Hirnhälften miteinander
verbindet. Unser Sprachsinn und unser Sprachvermögen ist in der
linken Hirnhälfte lokalisiert, während sich in der rechten
der Orientierungssinn und das Erinnerungsvermögen, z.B. für
Stimmen und Gesichter, befindet.
Wissenschaftler haben herausgefunden, dass wir am besten behalten,
was wir gelesen haben. Am schlechtesten sieht es mit unserer Erinnerung
an Fernsehsendungen aus: Eine Studie ergab, dass wir uns von den Nachrichten
im Schnitt nur die ersten beiden Meldungen und dann den Schluss, den
Wetterbericht merken.
"Der Unterschied liegt darin, dass wir beim Lesen aktiv sind und beim
Radiohören und Fernsehen passiv sind, und das ist eine der wesentlichen
Erkenntnisse der Lerntheorie. Aktivität ist entscheidend für
die Behaltensleistung. Hinzu kommt die stärkere Konzentration beim
Lesen. Ich muss mich viel stärker mit einem Sachverhalt beschäftigen,
übrigens nicht alles beim Lesen behalte ich. Es ist nur behaltenswert,
wenn es meine Emotionalität anspricht, wenn es für mich etwas
bedeutet", so Professor Pöppel.
Neben dem Gefühlswert (mehr dazu Dichter
& Denker) spielen auch Geschlecht und individuelle Veranlagung eine
Rolle bei der Auffassungs- und Erinnerungsgabe von Informationen. Manche
Menschen erfassen und behalten alles eher durch Bilder, andere prägen
sich etwas am besten ein, wenn sie es hören und wieder andere,
wenn sie es begreifen – im wahrsten Sinne des Wortes: an- und umfassen.
- Medien und Gewalt
Hat die steigende Gewaltbereitschaft von Jugendlichen mit unseren
Medien zu tun? Mit den unzähligen Fernsehkrimis, Gewaltvideos
und brutalen Computerspielen?
Diese so brisante wie schwer zu beantwortende Frage treibt Eltern,
Pädagogen, Politiker und Soziologen zwar schon lange um. Virulent
und zum heißen Diskussionsstoff wurde sie immer, wenn entsetzliche
Massaker geschahen.
- Am 20. April 1999 töteten zwei Jugendliche 12 Mitschüler
und einen Lehrer der Columbia Highschool Littleton.
- Am 9.November 1999 tötete in Meißen ein Schüler
mit 22 Messerstechern seine Lehrerin.
- In Brannenburg (Oberbayern) erschoss am 16. März 2000 ein Schüler
seinen Lehrer und danach sich selbst.
Dachte man dabei bisher vor allem an die USA als den Ort jugendlicher
Gewaltverbrechen, so holte uns in Deutschland spätestens dieses
Jahr die furchtbare Realität ein:
- Am 26. April 2002 tötete ein Schüler in Erfurt 12 Lehrer,
zwei Mitschüler, eine Sekretärin und einen Polizisten, bevor
er sich am Ende selbst erschoss.
Er hatte vor seiner Tat monatelang das Videospiel Counterstrike
gespielt. Der Zusammenhang mit dem Amoklauf war offensichtlich. Eine
so hitzige wie ohnmächtige Debatte entbrannte in den Wochen und
Monaten danach. Die Suchmaschine Google listete allein für
die Stichwörter "Erfurt" und "Massaker" im
August 2002 fast 4.000 Links. Konkrete Folgen hatte die tiefe Betroffenheit
nicht. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften
sah sich nach eingehender Prüfung nicht einmal in der Lage, das
so genannte Killer-Spiel zu indizieren, weil es den objektiven Kriterien
für ein solches Verbot nicht genüge.
Allein etwa 5.000 wissenschaftliche Untersuchungen gibt es inzwischen
zu diesem Thema, aber keine eindeutige Feststellung. Dennoch neigt heute
eine Mehrheit der Medienwissenschaftler zu der Ansicht, Gewaltdarstellungen
fördere die Aggressionsbereitschaft. Immer weniger teilen die Katharsis-These,
dass nämlich die mediale Gewalt die Aggressionen der Zuschauer
eher ableite und kanalisiere, also reale Gewalt eher verhindere als
befördere. Sichere Aussagen wagen die wenigsten seriösen Fachleute.
Die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen lässt sich eben nicht
monokausal auf Medienkonsum zurückführen. Das zeigt die Ohnmacht
der Betroffenen sowie von Politikern und Pädagogen genauso wie
die Unentschiedenheit der wissenschaftlichen Forschung. Soziales Umfeld,
individuelle psychische Konflikte, allgemeine Zukunftschancen und -ängste,
gesellschaftliche Werthaltungen, Angebote zur Sinnfindung: All das prägt
Jugendliche mindestens genauso wie Medienkonsum.
Der 15-jährige Schüler Daniel Schmidt meint, dass massive
Probleme mit Mitschülern und in der Familie, nicht aber Filme der
Hauptgrund für die Gewalt der Jugendlichen sei.
Auch eine weltweite Studie der UNESCO sieht keinen zwingenden Zusammenhang
zwischen Gewaltbereitschaft und Medien:
"Unter bestimmten Umständen können Medien Gewalttätigkeit nach
sich ziehen. Immer dann, wenn am Modell gelernt wird, wenn die Identifikation
mit diesen so genannten Aggressoren in dem jeweiligen Film stattfindet,
kann es durchaus sein, dass Gewalt einen Nachahmungseffekt nach sich
zieht. Das kann, aber das muss nicht sein. In der überwiegenden
Zahl der Fälle ist es glücklicherweise nicht der Fall. Aber
immer da, wo im Alltag Gewalt zu einem festen Bestandteil geworden ist,
ist die Gefahr hoch, dass Kinder aus diesem Milieu Gewalt auch tatsächlich
nachahmungsmäßig anwenden." So Thomas Krug, Jugendbeauftragter
der Stadt München über die Ergebnisse der UNESCO-Studie.
Ausschlaggebend
für die Nachahmungsbereitschaft von Gewalt ist hiernach das soziale
Umfeld der Kinder. Dabei fängt Gewalt schon beim Umgangston,
nicht erst bei den Umgangsformen an: Wo verbale Gewalt angewendet wird,
sei dies per Handy oder direkt, wo Mobbing und wo Ausdrücke aus
dem Fäkalienbereich Usus sind, da ist körperliche Gewalt nicht
fern.
Das Internet ist eine weitere Nachahmungsquelle für Gewalt: rassistische
volksverhetzende Inhalte, Gewaltdarstellungen, "Pornographie in allen
Variationen und Abartigkeiten".
"Also im Internet finden wir all die Dinge, von denen der Jugendschutz
und die Jugendschutzbestimmungen primär berührt werden", so
Rainer Richard, Internetsheriff bei der Kripo (mehr dazu Nachgefragt).
- Mediensucht
So schwer messbar und dingfest zu machen die Wirkung der Medien ist,
bemerkbar macht sie sich da, wo Menschen gar nicht mehr von ihnen lassen
können, wo Entzugserscheinungen auftreten.
Es gibt Fernsehsüchtige:
"Wir kennen extreme Fälle von Menschen, die fahren in den Urlaub und
bitten ihre Mutter, dass sie die Serie aufnimmt für 14 Tage und
nehmen sich dann ein Wochenende, um 30 Stunden am Stück die Serie
abzuschauen. Als ob sie getrieben wären, da dabei sein zu müssen.
Und dieses ‚Muss’ ist ein Kennzeichen dieser Sucht", so der Diplom-Psychologe
Dr. Stefan Lermer.
Ein TV-Junkie, eine fernsehsüchtige junge Frau beschreibt die
typischen Probleme der Süchtigen, die zwar wissen, wie schädlich
ist, was sie machen, aber nicht davon ablassen können: "Alle zwischenmenschlichen
Beziehungen sind schon den Bach runtergegangen, weil ich nur noch fernsehen
will ... Ich weiß gar nicht, wie ich aus diesem Kreislauf wieder
herauskommen soll".
Da helfen nur Selbstkontrolle und Selbstbestimmung: selbst auferlegte
Fernsehabstinenz mindestens ein Mal pro Woche und die gezielte Auswahl
der Sendungen, die man wirklich sehen will.
Es gibt Internetsüchtige:
Viele Menschen verbringen weite Teile ihrer Freizeit vor dem Bildschirm.
Statt direkt mit anderen Menschen zu sprechen, begeben sie sich in Chatrooms.
Statt mit anderen zu spielen oder etwas zu unternehmen, leben sie ihre
Spiel- und sonstigen Triebe mit Computerspielen und den Pornographieseiten
im Netz aus. Zu Letzterem tendieren eher Männer, zu Ersterem –
dem Chatten – die Frauen.
Ein Internetsüchtiger bekennt: "Man fängt also an zu spielen,
lädt das Spiel hoch, steigt ein, ist interessiert. Man bleibt dann
auch 17 Stunden am Stück – war mein Maximum – drin. Man ignoriert
in der Zeit die anderen Grundbedürfnisse wie Hunger und teilweise
auch Durst und zockt halt einfach rum."
Übermäßige Internet-Nutzung führt zu Wirklichkeitsverlust,
finanziellem Ruin und sozialer Isolation. Im Netz selbst wird schon
das Gegengift gegen die Sucht angeboten: Der Verein "Hilfe zur Selbsthilfe
für Online-Süchtige" H.S.O. kann als erste Anlaufstelle aufgesucht
werden, sinnvoll therapiert wird dann aber eher offline.
Der Reutlinger Diplom-Psychologe Friedrich Gocht erklärt, wie so
etwas abläuft:
"Im Prinzip ist es so, dass man versucht, im Rahmen einer Therapie andere
Aktivitäten zu besprechen, mithilfe derer jemand in der Lage ist,
neue Lebensinhalte, neue Lebensziele aufzubauen und auf diese Weise
eine Konkurrenz zu bilden zu der ständigen Beschäftigung mit
dem Netz."