Medienkompetenz: 1. Medien im gesellschaftlichen und historischen Kontext
Erich Kästner – Zensur und Bücherverbrennung
Erich Kästner (23.2.1899 – 29.7.1974), der sich in der Weltbühne
und der Neuen Leipziger Zeitung als bissiger Satiriker, Mahner
und erklärter Hitlerfeind hervorgetan hatte, fiel 1933 bei seinen
Zeitgenossen urplötzlich in Ungnade – selbst bei denen, die ihn vorher
mit höchstem Lob bedachten wie der Germanist Heinz Kindermann (vgl.
Sarkowicz/Mentzer S. 9ff. und 220ff.). Seine Romane (Fabian
1931) und Gedichtbände (Herz auf Taille 1928, Gesang zwischen
den Stühlen 1932), wurden als destruktiv, als "Asphaltliteratur"
und "Trümmerhaufen" diskreditiert. Allein Das Fliegende Klassenzimmer
konnte 1933 noch ungehindert erscheinen. Die Neue Leipziger Zeitung
druckte seit dem Februar 1933 seine Artikel höchstens noch unter
Pseudonym. So begann seine traurige Karriere als "unerwünschter"
und "verbotener" Schriftsteller.
Am 10. Mai 1933 musste Kästner in Berlin mit ansehen,
wie Studenten Bücher der (geheim gehaltenen) "Schwarzen
Liste" verbrannten – neben den Werken von Sigmund Freud, Heinrich
Mann, Kurt Tucholsky, Alfred Kerr und von Erich Maria Remarque auch seine
eigenen. Goebbels hatte die Bücherverbrennung zwar nicht initiiert,
hielt aber im Angesicht der Flammen eine programmatische Rede, die der
Deutschlandfunk live übertrug.
Kästner, einst im Hauptvorstand des SDS, des Schutzverbandes
deutscher Schriftsteller, wurde aus diesem Verband, der bereits am
11. März gleichgeschaltet wurde, ausgeschlossen. Im Handel und in
den Bibliotheken wurden alle Bücher von ihm beschlagnahmt.
Um den SDS mit anderen Schriftstellerverbänden zu fusionieren,
gründete Goebbels im Juni 1933 den Reichsverband deutscher
Schriftsteller. Dieser Verband entschied bis 1935, als er in die Reichsschrifttumskammer
integriert wurde, wer publizieren durfte und wer nicht.
Kästner, der nach eigenem Bekunden wegen seiner Mutter in Deutschland
ausharrte, bat mehrmals vergeblich um Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer.
Nur im Ausland konnte er noch publizieren: In Zürich erschienen zwischen
1934 und 1938 sieben Bücher (u.a. Drei Männer im Schnee,
Die verschwundene Miniatur und Till Eulenspiegel), die
alle politisch unverfänglich waren und weltweit für den Deutschunterricht
herangezogen wurden.
Allerdings behielt Kästner auch nach 1933 noch gute Kontakte zur
Filmindustrie. Überraschend beauftragte Goebbels ihn 1941, das Drehbuch
für den Ufa-Jubiläumsfilm Münchhausen zu schreiben
– allerdings unter dem Pseudonym Berthold Bürger.
Als Hitler von Goebbels’ Sondergenehmigung für Kästner erfuhr,
wurde er offiziell auf die Liste der verbotenen Autoren gesetzt, was bedeutete,
dass ihm nun auch im Ausland jegliche schriftstellerische Tätigkeit
untersagt wurde. Bis 1945 schrieb Erich Kästner nur noch für
die Schublade, irgendwann sollte daraus ein großer NS-Roman werden.
Dazu ist es nie gekommen. Selbst das im Februar 1945 begonnene "Kriegstagebuch"
erschien erst im Jahr 1961 – in stark überarbeiteter Form unter dem
Titel Notabene 1945.
|