Literaturkompetenz: 35. Lyrik heute
Nachgefragt: Aufgeladenes Rauschen. Fragen zum Gedicht
Aufgeladenes Rauschen. Fragen zum Gedicht heißt der Titel einer
höchst anregenden Kritik der Lyrik der 80er und 90er Jahre, die der Dichter
Robert Gernhardt im Juli 1999 in der Netzzeitung Literaturkritik
publizierte. Mit dem für ihn so typischen Spagat zwischen Komik und dezidierter
Ernsthaftigkeit zeigt Gernhardt, wie man mit dem "dunklen Rauschen",
das einem aus den Anthologien der 80er und 90er Jahre entgegentönt, fertig
werden kann.
Denn um rätselhafte Texte mit vielen Sprachspielen und Sprachebenen
handelt es sich bei der Mainstream-Lyrik der 80er und 90er Jahre: Sie
hat sich von der unartifiziellen Alltagsprosa der 70er wieder entfernt
und sich auf die Tradition der Moderne zurückbesonnen: "Die
Literaturkritik diagnostizierte 1979/80 das Ende der Alltagslyrik und
die 'Wiederkehr der Formen'. In der Literaturkritik formierten sich die
Propheten der ästhetischen Restauration" (Briegleb
S.449).
Eine Gedichtkollage decouvriert die Beliebigkeit des neuen lyrischen Monologs
"Ein durchgehendes mürrisches Parlando" nennt Gernhardt
die Rückkehr zum dunklen Monologisieren der Lyrik seit den 80er Jahren.
Wie beliebig die stur, verschlossen, ohne Rücksicht auf Verständlichkeit
aneinander gereihten Wortfolgen dieser Gedichte zuweilen sind, das demonstrierte
Gernhardt einfach genial: Er nahm sich eine Anthologie der 80er Jahre
gründlich vor es handelt sich um die von Hans Bender 1988
herausgegebene Sammlung: Was das sind für Zeiten. Deutschsprachige
Gedichte der achtziger Jahre und hängte einfach Sätze
und Absätze aus vier Gedichten von einer Dichterin und drei Dichtern
so aneinander, dass das neu entstandene Gedicht "weder Kleb- noch
gar Bruchstellen aufwies" (so Gernhardt ebd.).
Gernhardts Gedichtkollage
Noch grün, die dürftige
Heimat, Deutschland
im Herbst, säuberlich
aufgeräumt wie immer.
Jetzt werden Ping Pong Tische
ins Freie gezogen
weiße Gartenmöbel
auf den Rasen gesetzt
Ein rosiges Licht über den Banktürmen
und Spatzen schwätzen an den Pfützen
Von weitem erkennen
einander Emigranten
Unterm Efeu Modergeruch
Wie sich Gras
über die Kindergräber wellt.
Die Kollage Gernhardts setzt sich aus Zeilen von Peter Hamm, Michael
Buselmeier, Ursula Krechel, wieder Hamm und abermals Buselmeier zusammen.
Das Resultat weist nicht mehr Brüche oder Unverständlichkeiten
auf, als die Gedichte, die das Ausgangsmaterial bilden und sozusagen aus
einem Guss sind, die aber mit so vielen Sprachspielerein und Impressionen
aufwarten, dass sie alles und nichts sagen. Oder hätten Sie erkannt,
dass dies "Gedicht" zusammengeklebt ist?
Vernichtende Kritik an der Lyrik der 80er Jahre
Gernhardt steht mit seiner Kritik an dem "mürrischen Parlando"
dieser Lyrik nicht allein da, er kann sich auf Hans Magnus Enzensberger berufen,
der pikanterweise selbst in der Anthologie vertreten war, aber natürlich
nicht als einer der typischern Vertreter des Mainstreams dieser Zeit:
"1990 war Hans Magnus Enzensberger nach der Lektüre von Benders
80er Jahre-Bilanz zu einem verheerenden Urteil gekommen: Der Großteil
der Gedichte sei unpolitisch, öde, harmlos, sturzbetroffen, tränentreibend
dilettantisch, kritischer Kindergarten, S-Bahngefasel, irgendwo zwischen
Tief- und Schwachsinn angesiedelt. Ein Verdikt, das naturgemäß
nicht allen Stimmen des Buches gerecht werden wollte und konnte
immerhin gehörte auch die Hans Magnus Enzensbergers zu ihnen ,
aber doch das traf, was man als den mainstream der von Bender versammelten
80er Jahre-Lyrik bezeichnen könnte."
Lyrik der 90er Jahre: "eine lyrische Dauerwurst"
Gernhardts intensive Lektüre der Lyrikanthologie Michael Braun/Hans
Thill (Hg.): Das verlorene Alphabet. Deutschsprachige Lyrik der 90er Jahre.
Heidelberg 1998 führt zu einem ähnlich verheerenden Urteil
über die Qualität und Aussagekraft der Lyrik der 90er Jahre:
"Zum Aussehen der Gedichte: Linksbündige, unterschiedlich lange Zeilen,
wahlweise im Blocksatz, reihen sich ohne Leerzeile aneinander solange das Gedicht
dauert. Durchgehende Kleinschreibung, seit den 50ern über Jahrzehnte Beleg
unbedingt moderner Gesinnung, tritt nunmehr selten auf, dafür verwirrt in
vielen Gedichten eine, sagen wir mal, schwankende Zeichensetzung samt zweideutiger,
die grammatikalischen Bezüge verwischender Schreibweisen. Manchmal ... fehlen
beispielsweise satzbeendende Punkte, was zur Folge hat, daß der neue Satz
mitten in der Gedichtzeile kleingeschrieben anhebt, was für punktuelles Rätselraten
sorgt.
Der Form nach ist das mainstream-Gedicht der 90er also so etwas wie eine lyrische
Dauerwurst, die je nach Füllmasse mal kürzer, mal länger
ausfällt. Die idealtypische Füllmasse wiederum enthält
ebenfalls mainstream-Ingredienzen, man nehme: litaneihaft eingesetztes
Wortmaterial, Neologismen, Wortspiele, fremdsprachliche Einschlüsse
beispielhaft verbindet drei der vier Bestandteile der Titel des
Gedichtbands von Brigitte Oleschinsky "Your passport is not guilty"
und verrühre das solange, bis erkennbare Sprach- und Sinnbezüge
völlig in einem meist dunklen, oft zähen, stets schwer deutbaren
Zusammenhang aufgehen." (Gernhardt, Aufgeladenes Rauschen)
Besagte Anthologie von Braun und Thill versammelt nach Themen- und Motivgruppen
geordnet auf 256 Seiten 127 Autoren, die in den 90er Jahre dichteten, vom 1915
geborenen "Nestor der Poesie, Karl Krolow" bis zu Jan Konffke, Jahrgang
1960.
Gernhardt macht wieder die Probe aufs Exempel und testet aus, ob sich
hieraus wie aus der Anthologie der 80er Jahre "ein
ähnlich werk- und personenübergreifendes 90er-Jahre-Gedicht
destillieren bzw. zusammenkneten" (Gernhardt ebd.) lässt. Und
siehe da: Es klappt hervorragend. Das Konzept der Mainstream-Lyrik der
90er Jahre kommt dem Kollagieren noch mehr entgegen als das der 80er Jahre.
Denn die Gedichte bemühen schön postmodern die unterschiedlichsten
Sprachebenen und Sprechweisen und eignen sich in ihrem dunklen Rauschen
und Vorüberziehen der verschiedenen Stimmen und Töne vorzüglich
für die Kollagetechnik.
Aus den Gedichtanfängen von Hans Thill, von Dieter M. Gräf, Jahrgang
1960, Sabine Techel, Jahrgang 1953, und Hansjörg Schertenleib, Jahrgang
1957, schneidet Gernhardt ein neues zusammen, das in dieser Sammlung glatt
als eigenes Gedicht durchgehen könnte:
Speisen trifft der Vater, er lebt weiter:
im Messer, die sich auf weißem Tuch
ständig opfernde Mutter, sie dehnt
TRIFTIGE WASSER oberflach wie ein Spaten
in denen standen die Väter bis zum Hals.
Jedes Runzeln war ein kleiner Tod fehlte
Vater, du darfst nicht gegangen sein es
ist jetzt zuviel Frau im Haus. Überall Rohre
Von hinten her gestanzt Teil um Teil,
wird an den Müttern noch gearbeitet.
Damit ist wohl genug gesagt "zu den avanciertesten Positionen der 90er-Jahre-Lyrik,
die, das sei kurz angemerkt, denen nicht unähnlich sind, die ein Benn seit
den 20ern postulierte und praktizierte", wie Gernhardt feststellt.
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