Literaturkompetenz: 35. Lyrik heute
Fakten zur Lyrik der 70er Jahre
1. Vorgeschichte: die Geburtsstunde des neuen Ich-Gefühls aus
dem Zerfall der Studentenbewegung
Der vielbeschworene Tod der Literatur, der während der Studentenrevolte
die Gemüter bewegte, griff besonders das zarteste Pflänzchen, die Lyrik
an. Die Parole lautete:
"Holen wir die geschriebenen Träume von den brechenden Bücherborden
der Bibliotheken herunter und drücken wir ihnen einen Stein in die
Hand" (Peter Schneider zitiert nach Volker
Hage S.4).
Es galt, Flugblätter zu formulieren und Sprechchöre zu reimen, und
daher bleib den engagierten Schriftstellern auch einfach nicht viel Zeit
zum Dichten:
"Solange ich aktiv an der Revolte teilnahm, habe ich außer
Flugblättern und Reden nichts Nennenswertes zustande gebracht"
bekennt Peter Schneider im Rückblick und das galt nicht nur
für ihn. Die unmittelbare revolutionäre Praxis bündelte
die Kräfte vieler Geister, und erst als deutlich wurde, dass es mit
der großen erhofften Revolution nichts wurde, zu Beginn der 70er
Jahre, entstand eine neue lyrische Bewegung, die bald unter dem Schlagwort
"neue Subjektivität" ver- und gehandelt wurde:
"Was diese Poeten, ungeachtet ihrer individuellen Spielfarben,
verwandt erscheinen läßt, ist die meist recht unzimperlich
selbstbewußte Herauskehrung eines Ich von ziemlich gleicher Herkunft
(klein- bis mittelbürgerlicher), ähnlichem sozialen Status
(literarisches Wanderarbeitertum) und vergleichbarem politischen Werdegang
... Fast bei allen in Frage stehenden Autoren datiert die Geburtsstunde
des neuen Ich-Gefühls mit Zerfall der Studentenbewegung."
(Peter Rühmkorf zitiert nach Hage
S.7)
Inzwischen sind sich die Literaturwissenschaftler einig, dass die so genannte
"neue Subjektivität" der 70er Jahre nicht allein als Reaktion
auf die Studentenrevolte zu verstehen ist. Denn das Programm dieser
bereits 1967 treffend als Alltagslyrik bezeichneten Dichtung entstand
erstens bereits um 1965 bis 68 und richtete sich zweitens vor allem gegen
die Lyrik der Nachkriegszeit, weniger gegen die engagierte politische
Dichtung der 60er von Erich Fried, Yaak Karsunke und Hans Magnus Enzensberger.
Letztere wurde übrigens auch schon zur Zeit ihrer Entstehung verspottet:
1966 hieß es in einem poetischen Kommentar von Günter Grass:
"sie kommen ans Ziel, sie kommen ans Ziel:
zuerst ins Feuilleton und dann in die Anthologie:
Die Napalm-Metapher und ihre Abwandlungen
im Protestgedicht der sechziger Jahre"
(zitiert nach Hage S.9f.)
2. Alltagslyrik der 70er Jahre: gegen die Monologe und Sprachmagie
der Nachkriegszeit
Nicolas Born war es, der in seinem ersten Gedichtband Marktlage 1967
proklamierte, was sich dann in den 70er Jahren als "poetischer Alltagsrealismus"
durchsetzte: die "rohe unartifizielle Formulierung" (Born zitiert
nach Briegleb S.432). Born forderte
und sprach eine Sprache, die sich von allen traditionellen Stilmitteln,
Metaphern und Symbolen befreit, um den "unmittelbaren Zugriff auf
die alltägliche Erfahrungswelt zu ermöglichen" (ebd. S.432).
"Weg von der alten Poetik, die nur noch Anleitung zum Poetisieren
ist, weg von Symbol, Metapher, von allen Bedeutungsträgern; weg
vom Ausstattungsgedicht, von Dekor, Schminke und Parfüm. Die Gedichte
sollen roh sein, jedenfalls nicht geglättet; und die rohe unartifizielle
Formulierung, so glaube ich, wird wieder Poesie, die nicht geschmäcklerisch
oder romantisierend ist, sondern geradenwegs daher rührt, daß
der Schreiber Dinge, Beziehungen, Umwelt direkt angeht, das heißt
also, Poesie nicht mit Worten erfindet." (Born zitiert nach Briegleb
S.432)
Gefordert war eine neue Natürlichkeit, ein Abwerfen aller künstlichen
Gesten und Hemmungen und ein Ende der Mystifikation des Dichters. Rolf Dieter
Brinkmann fand die Vorbilder dafür bei amerikanischen Poeten wie Frank O'Hara,
William Seward Burroughs und Charles Bukowski. Das Gedicht sollte sich öffnen
für die filmische Montagetechnik, für die Produkte der die Alltagswelt
prägenden Kulturindustrie, für Pop und Werbung:
"Ich bin keineswegs der gängigen Ansicht, daß das Gedicht
heute nur noch ein Abfallprodukt sein kann, wenn es auch meiner Ansicht
nach nur das an Material aufnehmen kann, was wirklich alltäglich
abfällt. Ich denke, daß das Gedicht die geeignetste Form
ist, spontan erfaßte Vorgänge und Bewegungen, eine nur in
einem Augenblick sich deutlich zeigende Empfindlichkeit konkret als
'snap-shot' festzuhalten." (Brinkmann 1968 in seinem Gedichtband
Piloten, zitiert nach Briegleb
S.435)
Ob Snap-shot einer Empfindung oder Alltagsnotiz, ganz gleich wie man
es nennt, die unmittelbare Momentaufnahme prägte die Lyrik der 70er
Jahre insgesamt. Das wird schon in den Titeln deutlich wie bahnhof
lüneburg, 30. april 1976 von Nicolas Born oder Am 7. September
von Hannelies Taschau.
Brinkmanns Gedicht über das Ende des Sommers in einer westdeutschen Kleinstadt
endet mit der Wendung:
"Ich
schrieb das schnell auf, bevor
der Moment in der verfluchten
dunstigen Abgestorbenheit Kölns
wieder erlosch"
(zitiert nach Hage)
Wie in diesen Zeilen tauchen in den Gedichten der 70er Jahre immer wieder
die Autoren als Dichter auf, die betont "nebenbei", ohne viel
Aufhebens dichten, was da steht. Auffallend ist auch der "erzählende,
ja bisweilen plaudernde Ton dieser Lyrik ... Man spricht den Leser an.
Der monologische Zug, der noch für Benn beim modernen Gedicht außer
Zweifel stand, fehlt fast völlig ... Die Wörter bezeichnen in
den Gedichten der siebziger Jahre weitgehend und vor allem das, was man
auch im Alltagsgespräch unter ihnen versteht, ... das einzelne Wort
ist aus seiner Bedeutungsschwere entlassen und steht nicht mehr zunächst
und vor allem in einem Verweisungszusammenhang." (Hage
S.13f.)
Das betont Unartifizielle in Sprache und Thema, ja in der Komposition
des Ganzen das den Alltagslyrikern bald den Vorwurf der "plumpen
Vertraulichkeit" (Schneider) einbrachte, richtete sich gegen die
Sprachmagie und Monologisierung der Nachkriegsdichtung. Die war im Wesentlichen
von zwei Gestalten geprägt: von Gottfried Benn und Hugo Friedrich.
In Rätseln und Chiffren hatten hiernach die Dichter zu sprechen,
was sie bequemerweise auch davon entband, wirklich über das "Vergangene"
zu reden.
"Benn verbot unter anderem den Wie-Vergleich (statt sein Haar
war weiß wie Schnee durfte der Lyriker knapp vom Schnee
des Alters reden) und definierte das Gedicht generell als 'das Unübersetzbare'.
Friedrich verkündete kategorisch: 'Moderne Lyrik scheidet nicht
nur die private Person, sondern auch die normale Menschlichkeit aus'."
(Hage S.8)
Ohne die Leistungen von Ingeborg Bachmann, Günter Eich oder Karl
Krolow schmälern zu wollen stellt Hage fest, dass die Lyrik der 50er
und 60er Jahre sich "immer mehr auf die Andeutung, die Aussparung,
auf Verknappung und Dunkelheit" kaprizierte. Hiergegen setzte sich
die Lyrik der 70er Jahre zur Wehr, für die sich inzwischen der Titel
"Alltagslyrik" statt "neue Subjektivität" eingebürgert
hat. Sie umfasst um abschließend die Definition Jürgen
Theobaldy zu bemühen all
"die Gedichte, in denen ein von der 'Studentenbewegung' geprägtes
Subjekt seine alltäglichen Gedanken und Erfahrungen, Stimmungen
und Gefühle" thematisiert (zitiert nach Briegleb
S.430).
Mehr zu Gottfried Benn und seiner programmatischen Schrift Probleme der
Lyrik unter Dichter & Denker.
Jenseits der hier thematisierten Tendenzen der 70er Jahre und der Nachkriegslyrik
im Allgemeinen gab es natürlich immer wieder DichterInnen, die ihre
eigenen Vorstelllungen von Poesie ziemlich unbehelligt von den Trends
weiterführten. Das gilt für viele bereits besprochenen Poeten
wie Ernst Jandl und Peter Rühmkorf, das gilt aber auch für viele,
die noch unerwähnt blieben und nur in kleineren Kreisen bekannt und
gefeiert werden, eben weil sie nicht im Trend liegen. Um nur ein paar
dieser Perlen zu nennen: Es gibt ganz großartige Gedichte aus der
Zeit von Rose Ausländer, z.B. in dem Band Die Musik ist zerbrochen
(Frankfurt a.M. 1984), oder die hermetische, sich nah an die
letzten existenziellen Fragen heranwagende Lyrik von Ernst Meister Ausgewählte
Gedichte (Darmstadt 1979), die Gedichte von Christoph Meckel und Hilde
Domin sowie die z.T. herrlich eigenwilligen Gedichte von Michael
Krüger. Und diese Reihe jenseits der Trendsetter ließe sich
noch lange fortsetzen.
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