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Literaturkompetenz:
35. Lyrik heute

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Dichter und Denker: Gottfried Benn Probleme der Lyrik (1951)

Probleme der Lyrik lautete der Titel eines Vortrags, den Benn 1951 in Marburg hielt und der nachhaltig bestimmen sollte, was als "moderne Lyrik" – d.h. als eine der Moderne angemessene, zeitgemäße Lyrik – gelten kann und was nicht. Benns zentrale Thesen in diesem bahnbrechenden Vortrag sind:

  • Ein Gedicht entsteht nicht, es wird gemacht. Benn betont das Artistische des Gedichts und wendet sich explizit gegen die landläufige Vorstellung, "da ist eine Heidelandschaft oder ein Sonnenuntergang, und da steht ein junger Mann oder ein Fräulein und hat eine melancholische Stimmung, und nun entsteht ein Gedicht. Nein, so entsteht kein Gedicht. Ein Gedicht entsteht überhaupt sehr selten – ein Gedicht wird gemacht. Wenn Sie vom Gereimten das Stimmungsmäßige abziehen, was dann übrigbleibt, wenn dann noch etwas übrigbleibt, das ist dann vielleicht ein Gedicht." (Benn, Probleme der Lyrik S.318)
  • Als Kunstprodukt ist Lyrik selbstreflexiv: Sie thematisiert ihre eigene Hervorbringung. Benn schließt damit an Paul Valery an, der die rhetorische Frage stellte: "Warum sollte man nicht die Hervorbringung eines Kunstwerks ihrerseits als Kunstwerk auffassen?" (Benn S.319)
  • Artistik ist das Charakteristikum des modernen Gedichts: Damit meint Benn eine Künstlichkeit, die nichts mit Spielerei und Oberflächlichkeit zu tun hat, sondern: "Artistik ist der Versuch der Kunst, innerhalb des allgemeinen Verfalls der Inhalte sich selber als Inhalt zu erleben und aus diesem Erlebnis einen neuen Stil zu bilden, es ist der Versuch, gegen den allgemeinen Nihilismus der Werte eine neue Transzendenz zu setzen: die Transzendenz der schöpferischen Lust." (Benn S.323)
  • Vier Kriterien des nicht modernen, d.h. in der Moderne obsoleten Gedichts: 1. Gedichte, die der unbelebten Natur die Stimmung des Dichters "andichten", 2. die den Wie-Vergleich bemühen, 3. die sich in Farbbeschreibungen ergehen, ("... diese Farben sind ja reine Wortklischees, die besser beim Optiker und Augenarzt ihr Unterkommen finden", Benn S.327) und 4. der seraphische Ton, d.h. das schwärmerische Abheben in esoterische Gefilde und Sentimentalitäten: "Der große Dichter aber ist ein großer Realist, sehr nahe allen Wirklichkeiten – er belädt sich mit Wirklichkeiten, er ist irdisch, eine Zikade, nach der Sage aus der Erde geboren, das athenische Insekt." (ebd. S.328)
  • Das Entscheidende des wahrhaft modernen Gedichts ist die Form: Inhalte, Stimmungen, Empfindungen sind nur von Belang, wenn sie Form werden: "Ich verspreche mir nichts davon, tiefsinnig und langwierig über die Form zu sprechen. Form, isoliert, ist ein schwieriger Begriff. Aber die Form ist ja das Gedicht. Die Inhalte eines Gedichtes, sagen wir Trauer, panisches Gefühl, finale Strömungen, die hat ja jeder, das ist der menschliche Bestand, sein Besitz in mehr oder weniger vielfältigem und sublimem Ausmaß, aber Lyrik wird daraus nur, wenn es in eine Form gerät, die diesen Inhalt autochthon macht, ihn trägt, aus ihm mit Worten Faszination macht. Eine isolierte Form, eine Form an sich, gibt es ja gar nicht. Sie ist das Sein, der existentielle Auftrag des Künstlers, sein Ziel. In diesem Sinne ist wohl auch der Satz von Staiger aufzufassen: Form ist der höchste Inhalt." (S.330f.)
  • Das moderne Gedicht setzt ganz auf die schöpferische Macht der Worte: Es bildet nicht die gegenwärtige Welt und das Bewusstsein ab, sondern schafft eigene Welten, ruft vergangene und transzendente Sphären herbei, ist Mysterium (ebd. S.337).
  • Das moderne Gedicht ist monologisch. Es ist das Selbstgespräch des gebrochenen lyrischen Ichs mit sich selbst und öffnet sich nicht dem Dialog mit anderen. Es geht ihm um "die monologische Kunst, die sich abhebt von der geradezu ontologischen Leere, die über allen Unterhaltungen liegt und die die Frage nahelegt, ob die Sprache überhaupt noch einen dialogischen Charakter in einem metaphysischen Sinne hat. Stellt sie überhaupt noch Verbindung her, bringt sie Überwindung, bringt sie Verwandlung, oder ist sie nur noch Material für Geschäftsbesprechungen und im übrigen das Sinnbild eines tragischen Verfalls? Gespräche, Diskussionen – es ist alles nur Sesselgemurmel, nichtswürdiges Vorwölben privater Reizzustände, in der Tiefe ist ruhelos das Andere, das uns machte, das wir aber nicht sehen. Die ganze Menschheit zehrt von einigen Selbstbegegnungen, aber wer begegnet sich selbst? Nur wenige und dann allein." (Benn S.351f.)

Dieser extreme Zweifel an der Dialogfähigkeit der Menschen und der Sprache mag biografische Gründe haben. Darauf lässt zumindest ein Ausspruch Benns von 1949 schließen, in dem er seinen Rückzug aus dem öffentlichen Diskurs begründet und aus dem tiefe Gekränktheit und Selbstmitleid sprechen.

"Wenn man wie ich die letzten fünfzehn Jahre lang von den Nazis als Schwein, von den Kommunisten als Trottel, von den Demokraten als geistig Prostituierter, von den Emigranten als Überläufer, von den Religiösen als pathologischer Nihilist öffentlich bezeichnet wird, ist man nicht so scharf darauf, wieder in die Öffentlichkeit einzudringen..." (1949)

Über das Leben und Werk Gottfried Benns informiert zuverlässig die Karlsruher Uni unter: http://www.uni-karlsruhe.de/~za874/homepage/benn.htm

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Stand: 03.07.2010