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Literaturkompetenz:
35. Lyrik heute

Zusammenfassung Fakten Nachgefragt  
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Zusammenfassung

Ein Neuanfang aus Trümmern war auch in der Lyrik nach dem Zweiten Weltkrieg angesagt. Nach den traumatischen Erfahrungen des Nationalsozialismus suchten Dichter nach einer neuen, nach einer zeitgemäßen Sprache. Die traditionellen Bilder und Formen schienen verbraucht. Doch auch in der Lyrik verquickten sich Bruch und Kontinuität, auch hier gab es nicht pur die berühmte "Stunde Null", in der alles ganz neu anfing.

Gäste im Studio: Prof. Dr. Georg Braungart und Raoul Schrott

Themen

  1. Lyrik nach 1945
  2. Lyrik der 50er und 60er Jahre
  3. Lyrik der 70er Jahre
  4. Lyrik heute

 

1. Lyrik nach 1945

Paul Celan
Die verstörenden Erfahrungen von Krieg und Nationalsozialismus bestimmten die deutschsprachige Nachkriegslyrik nachhaltig. Die einen – vorwiegend die Dichter der so genannten "inneren Emigration" wie Albrecht Goes, Friedrich Georg Jünger und Gertrud von Le Fort, Elisabeth Langgässer – traten nun erst Recht die Flucht vor der Wirklichkeit an und zogen sich auf eine romantisierende Naturpoesie und den Kult der Innerlichkeit zurück (vgl. Beutin S.532 und 542ff.). Für die anderen waren die Konzentrationslager und der Holocaust die einzig bestimmende Wirklichkeit, die aber kaum mehr in Worten zu fassen war – dies gilt vor allem für die Lyrik Paul Celans und Nelly Sachs'. Ihre Lyrik wird daher oft als "hermetisch" bezeichnet.

"Hermetisch ist oft ein Ausdruck dafür, dass man nicht so genau hinschauen muss, aber das ist falsch. Es handelt sich bei Celan und Sachs vielmehr um eine extrem verdichtete Lyrik, was den Zugang erschwert, aber um eine Lyrik, die ganz und gar nicht antikommunikativ ist. Die Koordinaten dieser Lyrik sind die Traumata von Auschwitz. Celan hat dort seine Familie fast komplett verloren. Ausdrucksnot – für diese beispiellosen Gräuel Worte zu finden – und Ausdruckszwang – diesen Zivilisationsbruch festzuhalten, zu erinnern, die Wunde offen zu halten – erwachsen aus dem Thema und bedingen die komplizierte Kommunikationsstruktur dieser Dichtung", erläutert Georg Braungart.
Bei seiner Rede anlässlich der Entgegennahme des Literaturpreises der Freien Hansestadt Bremen erläuterte Celan die Sprache seiner Gedichte: "Erreichbar, nah und unverloren blieb inmitten der Verlusten dies eine: die Sprache. Sie, die Sprache, blieb unverloren, ja, trotz allem. Aber sie mußte nun hindurchgehen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten , hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen, durch tausend Finsternisse todbringender Rede. Sie ging hindurch und gab keine Worte her für das, was geschah; aber sie ging durch dieses Geschehen. Ging hindurch und durfte wieder zutage treten, 'angereichert' von all dem" (Paul Celan. Ausgewählte Gedichte. Frankfurt a.M. 1979 8. Aufl. S.127f.).

Hier zwei Beispiele, ein Ausschnitt aus Celans berühmtem Gedicht Todesfuge und ein Gedicht von Nelly Sachs, die 1966 den Nobelpreis für Literatur erhielt:

 

Paul Celan aus: Todesfuge

....

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau...

 

Das Gedicht komplett finden Sie unter:
http://www.celan-projekt.de/

Nelly Sachs: In der Flucht

In der Flucht
welch großer Empfang
unterwegs –

Eingehüllt
in der Winde Tuch
Füße im Gebet des Sandes
der niemals Amen sagen kann
denn er muß
von der Flosse in den Flügel
und weiter –


Der kranke Schmetterling
weiß bald wieder vom Meer –
Dieser Stein
mit der Inschrift der Fliege
hat sich mir in die Hand gegeben –


An Stelle von Heimat
halte ich die Verwandlungen der Welt –

 

Gottfried Benn
Gottfried Benn hingegen, dessen Expressionismus nach dem Krieg wieder populär wurde, propagierte eine Lyrik, die die prosaische Wirklichkeit hinter sich lässt und eine eigene poetische Wirklichkeit schafft und vertritt (mehr dazu Dichter & Denker). Auch diese Flucht in den Raum zweckfreier, reiner Poesie lässt sich als Reaktion auf den Nationalsozialismus verstehen, mit dem Benn anfangs selbst sympathisierte.
"Für Benn ist die ästhetische Form, die ganz für sich selbst steht und nicht vereinnahmt werden kann, die einzige Rettung nach Auschwitz", erklärt Professor Braungart.

Gottfried Benn: Wer Allein Ist

Wer allein ist, ist auch im Geheimnis,
immer steht er in der Bilder Flut,
ihrer Zeugung, ihrer Keimnis,
selbst die Schatten tragen ihre Glut.
Trächtig ist er jeder Schichtung
denkerisch erfüllt und aufgespart,
mächtig ist er der Vernichtung
allem Menschlichen, das nährt und paart.

Ohne Rührung sieht er, wie die Erde
eine andere ward, als ihm begann,
nicht mehr Stirb und nicht mehr Werde:
formstill sieht ihn die Vollendung an.

2. Lyrik der 50er und 60er Jahre

Hans Magnus Enzensberger
Der Einfluss von Gottfried Benn ließ schließlich Mitte der 50er Jahre nach und die Lyrik wandte sich allmählich von der monologisierenden sprachmagischen Dichtung, die ihre eigene Wirklichkeit schafft, weg und wieder der Wirklichkeit zu. Viele Dichter der jetzt sich durchsetzenden literarischen Moderne gehörten der Gruppe 47 an, in der jegliches Pathos als verdächtig galt und eine neue Sachlichkeit gefragt war. Vergangenheitsbewältigung und konkrete Gegenwartskritik prägten diese neue lyrische Bewegung, die sich zunehmend als politisch verstand und keine "Inhalte" – auch nicht die prosaischsten wie Staubsauger und Fahrpläne – mehr ausschloss:

"Das Gedicht ist schon insofern ein Politikum, als es nicht die gewöhnliche Sprache spricht. Natürlich kann das Gedicht von allem reden. Es kann ebensogut von Politik reden wie von Staubsaugern und Nachtigallen", so Hans Magnus Enzensberger in den frühen 60er Jahren.
In den Gedichten von Enzensberger, Peter Rühmkorf, Günter Grass machte sich die zunehmend politisierte Realität und der Protest breit, insbesondere seit dem Vietnamkrieg. Der Ton dieser engagierten Gedichte orientierte sich nun eher an Brecht als an Benn. Einen Höhepunkt der politischen Lyrik bildet das Werk von Erich Fried, z.B. Die Drahtzieher oder Gewalt (mehr dazu Fakten). Je stärker die Lyrik der 68er-Bewegung politisierte und protestierte, desto größer wurde der Generalverdacht gegen die lyrische Form und ihre Gesetze. Trotzdem dürfe man hier nicht von einem Ende der Lyrik reden, erklärt Georg Braungart. Die Sprachspiele, Sprachakrobatik und der poetische Ton, etwa Erich Frieds, zeige, dass sich all diese Reaktionen gegen die traditionellen Formen der Lyrik noch explizit der poetischen Sprache bediene.

Ernst Jandl
Eine ganz andere Art der Auseinandersetzung mit der Tradition bildete sich in den 60er Jahren heraus, die Konkrete Poesie. "Darunter versteht man die Bewegung, die von der Sprache als dem eigentlichen Material des Gedichts ausgeht und auf das phonetische Potenzial setzt", erläutert Georg Braungart. Die Konkrete Poesie, die durch Ernst Jandl – etwa in dem Band Laut und Luise (1966) – und Eugen Gomringer 33 Konstellationen (1960) populär wurde, lebt von der Performance, der Aufführung. Das wird schlagartig deutlich, wenn Ernst Jandl das Gedicht Im Reich der Toten vorliest.

Hier ein weiteres Gedicht von Ernst Jandl, schtzngrmm, das ganz auf Vokale verzichtet und gerade dadurch das Getöse des Schützengrabens vernehmbar macht:

Ernst Jandl

schtzngrmm
schtzngrmm
t-t-t-t
t-t-t-t
grrrmmmmm
t-t-t-t
s--------c--------h
tzngrmm
tzngrmm
tzgrmm
grrmmmmm
schtzn
schtzn
t-t-t-t
t-t-t-t
schtzngrmm
schtzngrmm
tssssssssssssssssssss
grrt
grrrrrt
grrrrrrrrrt
scht
scht
t-t-t-t-t-t-t-t-t-t
scht
tzngrmm
tzngrmm
t-t-t-t-t-t.t-t-t-t
scht
scht
scht
scht
scht
grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr
t-tt

(Ernst Jandl. Laut und Luise S.38)

So schräg dieses Gedicht auf den ersten Blick aussieht und klingt – es ist Nonsens mit Sinn. Spielerisch wird das Wortmaterial in dem – wie in diesem Fall des Kriegsgedichts – Politisches mitschwingt, weiterverarbeitet und verselbstständigt zum Klingen gebracht. Wenn man indes in Jandls Gedichten das Gesagte platt rückübersetzt, wird es banal – das Geheimnis dieser Gedichte ist die unauflösbare Einheit von Inhalt, Stoff, sprachlichem Material und Form.

3. Lyrik der 70er Jahre

Rolf Dieter Brinkmann
In der Lyrik der 70er Jahre treten das Ich und die subjektive Wahrnehmung der alltäglichen Gegebenheiten in den Vordergrund, als "Alltagslyrik" und Poetik der "Neuen Subjektivität" wurde sie bezeichnet. Vertreter dieser Bewegung waren so kontroverse Gestalten wie Rolf Dieter Brinkmann (Gras 1970, Westwärts 1 & 2, 1975) und Nicolas Born (mehr dazu Fakten).

Brinkmann war ein Fan der amerikanischen Beat- und Popliteratur und brachte einige erfrischend unkonventionelle Elemente in die deutsche Lyrikszene ein, wie der Anfang seines Gedichts Weit entfernte Sachen zeigt.

Rolf Dieter Brinkmann: Weit entfernte Sachen

Die am weitesten entfernten
Sachen z.B. am Morgen, kurz
nachdem man aufgestanden ist

eine große Dose Nivea-Creme
(Familiendose!), ein paar Nägel
die in die Wand geschlagen
werden müssen, damit man endlich
was zum Aufhängen hat

oder manchmal nur

der Kamm und die

Zahnbürste:

man muß ganz leer sein, um das von neuem zu begreifen und
schließlich dorthin zu gelangen,

wo alles wieder interessant wird,
was Leidenschaft erfordert

Kindersöckchen
Kondome "GH farbige 6"
Standardqualität

in der Psychofarbe "Nachtschwarz"

Wandung aus reinstem Naturkautschuk, 12 Stück – DM 4,70
....

Weitere Kostproben dieses 1975 in England bei einem Verkehrsunfall tragisch umgekommenen Dichters finden Sie unter http://www.lyrik.ch/lyrik/spuren2/brinkman/brinkmann.htm#gedicht.

Nicolas Born
Der sensiblere und stillere Nicolas Born dokumentiert in seinen Gedichten, was der gewöhnliche Alltag in der BRD alles zu sehen und zu empfinden gibt, und wie er – sensibel wahrgenommen – verstören kann:

Nicolas Born Horror, Dienstag

Die ruhenden
flüchtig überteerten Straßenbahnschienen –
wieder ein Warten auf alte Zeiten
wie Rückkehr zum Handschriftlichen

Plötzlicher Regen, es ist Nachmittag
nur wenig Licht gesammelt in Gesichtern
nieselnde Gräue, die Felder nah
dunkle Wassergräben, Bäume stehen tief

Nasser Kragen nasse Lippen
Kind mit nassen Zöpfen führt alten Mann

Zementsilos neben dem Abstellgleis
Vogelschwärme Banner sinken
Verkäuferin winkt durch die Glaswand ab

Neuer Stadtrand flackert auf um sechs
ich denke an fern ausgesetzte "Inseln des Gehirns"

Baukräne, zementhelle Öde
Blick in die aufsteigende Welt
die nun doch nicht überlebt hat

Die DDR verlor im Zuge der Ausbürgerung von Wolf Biermann 1976 ihre größten Lyriker: Zur Erinnerung: Namhafte Schriftsteller protestierten damals gegen Biermanns Ausbürgerung, woraufhin die SED mit Publikationsverboten und anderen Repressalien reagierte. Die Lyrik, die auch in der DDR einen größeren subjektiven Spiel- und Freiraum erlaubte als die stärker unter Zensur stehende Prosa, unterstand nun auch der strikten staatlichen Zensur. Günter Kunert, Sarah Kirsch, Jurek Becker und viele andere verließen die DDR.

 

Günter Kunert

Über einige Davongekommen
Als der Mensch
unter den Trümmern
seines
bombardierten Hauses
hervorgezogen wurde,
schüttelte er sich
und sagte:
nie wieder.

Jedenfalls nicht gleich.

Sarah Krisch

Elegie

Ich bin der schöne Vogel Phönix
Schüttle mich am Morgen, sage
Pfeif drauf! bekomme sie, meine Seele
Gänseblümchenweiss
Ich bin
Der schöne Vogel Phönix
Aber durch das
Flieg ich nicht wieder

4. Lyrik heute

Durs Grünbein
In den 80er und frühen 90er Jahren dümpelte die Lyrik etwas vor sich hin, kaum ein deutschsprachiger Dichter erreichte ein größeres Publikum. Durs Grünbein, der 1995 mit 33 Jahren für sein reiches poetisches Werk den Büchnerpreis erhielt, war eine Ausnahme, die diese Regel nur bestätigt (mehr dazu unter Nachgefragt).

Eine andere Art der Poesie ist indes im Kommen: Poetry Slam. Alltagslyrik, Selbstbespiegelung und Protest sind Gegenstand dieser Gedichte, die nicht mehr einfach gelesen, sondern von Profis und Amateuren virtuos artikuliert, aufgeführt, gefeiert und sinnlich erlebt werden. Aus New York erreichte diese Bewegung auch Deutschland, wo Ralf Schlatter, Oliver Möller und andere sich in der Performance perfektionieren.

Raoul Schrott
Wie es heute um die traditionelle Lyrik bestellt ist, dies verrät uns einer der vielseitigsten unter den deutschsprachigen Gegenwartsliteraten, unser zweiter Studiogast Raoul Schrott. Er ist Lyriker, Essayist, Romancier und Übersetzer und hat sich in den letzten 15 Jahren wie kaum einer dafür eingesetzt, dass die Poesie lebendig bleibt. Live liest er aus seinem Gedichtband Tropen (S.15) vor:

Raoul Schrott Physikalische Optik I

er kam aus dem november . der hagel brachte
ihn herab . all das wasser auf den flügeln
die nähte und die grate einer gußform

die im regen hing bis der wind sie kappte
und er dann an die scheibe schlug wie ein bügel
der aus seinem schloß schnappt . der ahorn

dort und seine äste . so schwarz war er
eisengrau der bauch . nur ein paar federn
zum schwanz hin heller doch kaum scheinbarer

als seine schwere nun plötzlich am balkon
in die sich die krallen hakten . norwegen
oder die tundra . kein anderes land dachte

ich mir ließ diese tarnung zu und dem schnabel
nach zu schließen war es wohl ein sperling
augen dunkel wie mangan und ein ring

ganz weiß und schmal fast wie abgeschabt
von diesem schauen . flüsse im winter wegwärts
ein erzeinschluß in den pupillen . das herz

ein flacher kiesel unter hagelschlossen
zurückgelegt in den oktober . aufgehoben
war er leicht und das wort 'vogel' eine vokabel

unklarer herkunft und von irgendwo im norden

innsbruck, 22.10.96

Dieses Gedicht über einen Vogel suchte Raoul Schrott aus, "weil ein Gedicht über einen Vogel unbedingt in das Repertoire eines Dichters gehört." Der Dichter analysiert sein Gedicht und beginnt mit dessen Aufbau:

"Da spielen mehrere Komponenten mit, zuerst die visuelle: Das Gedicht ist aus drei Strophen mit jeweils drei verschieden langen Zeilen zusammengesetzt. Das hängt mit der Architektur des Gedichts zusammen, die ergibt sich aus klanglichen Übereinstimmungen, die letztlich wieder Sinnzusammenhänge konstituieren. Seine strenge Form erhält dieses Gedicht durch Lautgestalt und Rhythmus, seine melodischen Sequenzen werden aufgebaut durch Stabreim, Endreim, Assonanzen und Konsonanzen, also durch bestimmte Lautfolgen: Flügel – Bügel etc. Hier wird immer wieder mit Lautwiederholungen und natürlich auch mit Verschiebungen solcher Wiederholungen gespielt, aus denen sich neue Sinneinheiten ergeben. Jedes Gedicht, wenn es halbwegs gut konstruiert ist, funktioniert wie eine Allegorie: Man spricht das eine und meint etwas anderes damit. Hier ist das Wort gußform die Stelle, wo der eine Sinn in den anderen übergeht", erklärt Raoul Schrott.

Robert Gernhardt
Das Schlusswort zur Lyrik heute hat der Schriftsteller, Lyriker und Mitbegründer des Satiremagazins "Titanic" (mehr zu und von Gernhardt unter Nachgefragt):

Robert Gernhardt: Der Alte und der junge Dichter

Betritt der alte Dichter den Raum
hat der junge Dichter den Traum:
So alt zu werden wie der!
So alt und berühmt wie er!

Liest der junge Dichter im Blatt,
daß der alte uns verlassen hat.
Neidet er ihm sein End,
weil ihn nun alle Welt nennt.

Liegt der alte dichter im Grab,
denkt der junge Dichter: Nun hab
ich den alten vom Hals.
Merkt er bald: keinesfalls.

Tote Dichter sind schlimm.
Je toter, desto besser bei Stimm.
Wünscht sich der lebende, er
wär bald so tot wie der.

(Robert Gernhardt. Lichte Gedichte. S.92)

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Stand: 03.07.2010