Literaturkompetenz: 32. Drama: Das epische Theater
Fakten zum epischen Theater
Bertolt Brecht hat das "epische Theater" nicht im Alleingang erfunden,
er hatte Vorläufer und Mitstreiter. Er setzte sich in seinen zahlreichen
Schriften zum Theater mit ihnen auseinander und entwickelte dabei seine
eigene Position. Hier, kurz kommentiert, ein paar Kostproben daraus.
- Vorläufer und Mitstreiter des epischen Theaters
- Unterhaltung versus Belehrung: Situation des
zeitgenössischen Theaters
- Verzicht auf Einfühlung
- Kunstgenuss durch Verfremdung
- Ziel der Verfremdungseffekte: eine neue Haltung
zur Welt.
1. Vorläufer und Mitstreiter des epischen Theaters
Der bedeutendste Vorläufer und Mitstreiter Brechts war der Regisseur
und Theaterleiter Erwin Piscator (1893-1966). Der politisch engagierte
Theatermacher wirkte zunächst beim Aufbau eins "proletarischen
Theaters" mit und experimentierte dann in einem eigenen Theater mit
der Einbindung anderer Medien auf der Bühne (siehe dazu Beutin
S.358ff). Aus der Emigration zurückgekehrt, inszenierte er u.a. die
Uraufführungen von Kipphardts Oppenheimer, von Weiss' Ermittlung
und Hochhuths Stellvertreter. Piscator ist der Wegbereiter des
politisch-dokumentarischen Theaters.
Brecht schließt ausdrücklich an Piscators frühe Theaterexperimente
an und formuliert dabei zugleich, wen und was er mit dem epischen Theater erreichen
will: den politisch mündigen Zuschauer, der entschieden die Gesellschaft
mitbestimmen will.
"Der radikalste Versuch, dem Theater einen belehrenden Charakter
zu verleihen, wurde von Piscator unternommen ... Für Piscator war
das Theater ein Parlament, das Publikum eine gesetzgebende Körperschaft.
Diesem Parlament wurden die großen, Entscheidungen herbeiführenden,
öffentlichen Angelegenheiten plastisch vorgeführt. Anstelle
der Rede eines Abgeordneten über gewisse unhaltbare soziale Zustände
trat eine künstlerische Kopie dieser Zustände. Die Bühne
hatte den Ehrgeiz, ihr Parlament, das Publikum instand zu setzen, auf
Grund ihrer Abbildungen, Statistiken, Parolen politische Entschlüsse
zu fassen. Die Bühne Piscators verzichtete nicht auf Beifall, wünschte
aber noch mehr eine Diskussion. Sie wollte ihrem Zuschauer nicht nur
ein Erlebnis verschaffen, sondern ihm noch dazu einen praktischen Entschluß
abringen, in das Leben tätig einzugreifen."
(Brecht Über experimentelles Theater, zitiert nach Staehle
S.82)
2. Unterhaltung versus Belehrung: Situation des
zeitgenössischen Theaters
Wie insbesondere die Dreigroschenoper (mehr dazu Zusammenfassung)
zeigt, wollte Brecht bei allem Aufklärungswillen keineswegs auf das Moment
der Unterhaltung verzichten. D.h. Unterhaltung und Belehrung bleiben für
ihn genauso wie für die "bürgerliche revolutionäre Ästhetik",
die Diderot und Lessing begründeten, die "konstituierenden Elemente
des Dramas und des Theaters" (Brecht ebd. zitiert nach Staehle
S.83).
Belehrung und Unterhaltung: Was sich bei Diderot und Lessing noch ganz
gut vertrug, spitzte sich nach Brecht im zeitgenössischen Theater
zu einem heftigen Konflikt zu: In der Dreigroschenoper stehen,
wie Brecht selbst diagnostiziert, Belehrung und Unterhaltung auf "Kriegsfuß"
(zitiert nach Staehle S.85).
"Je mehr wir das Publikum zum Mitgehen, Miterleben, Mitfühlen
brachten, desto weniger sah es die Zusammenhänge, desto weniger
lernte es, und je mehr es zu lernen gab, desto weniger kam der Kunstgenuß
zustande."
3. Verzicht auf Einfühlung
Warum trägt die Beherrschung der Natur, bei der wir es so weit gebracht
haben, so wenig dazu bei, dass auch die Menschen besser, glücklicher
miteinander leben? Das fragte sich schon der Physiker Albert Einstein.
Und Brecht schließt (vgl. Staehle
S.88) ausdrücklich an die Worte des Physikers an, wenn er nun fordert,
die wissenschaftliche Betrachtungsweise auf die Natur der Menschen zu
richten, um sie genauso in den Griff zu bekommen wie die äußere
Natur.
Die wissenschaftliche, den Menschen und seine Mit- und Umwelt objektivierende
Betrachtungsweise aber widerstreitet der Einfühlung, dem "Grundpfeiler
der herrschenden Ästhetik". Brecht gibt diese, in der "großartigen
Poetik des Aristoteles" (so Brecht zitiert nach Staehle
S.89) formulierte Basis nicht leichten Herzens auf. Er sieht aber keine
andere Möglichkeit, die Welt zu verändern. Denn dazu ist es
nötig, ihre gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten zu erkennen
und erkennbar zu machen.
"Faßt man nämlich die Menschheit mit all ihren Verhältnissen,
Verfahren, Verhaltensweisen und Institutionen nicht als etwas Feststehendes,
Unveränderliches auf und nimmt man ihr gegenüber die Haltung
ein, die man der Natur gegenüber mit solchem Erfolg seit einigen
Jahrhunderten einnimmt, jene kritische, auf Veränderung ausgehende,
auf die Meisterung der Natur abzielende Haltung, dann kann man die Einfühlung
nicht verwenden. Einfühlung in änderbare Menschen, vermeidbare
Handlungen, überflüssigen Schmerz und so weiter ist nicht
möglich ...
Kam der Verkehr zwischen Bühne und Publikum auf der Basis der Einfühlung
zustande, dann konnte der Zuschauer nur jeweils so viel sehen, wie der
Held sah, in den er sich einfühlte ...
Die Einfühlung ist das große Kunstmittel einer Epoche, in der der Mensch
die Variable, seine Umwelt die Konstante ist."
4. Kunstgenuss durch Verfremdung
Der im Namen der objektivierenden Erkenntnis vollzogene Abschied von der Einfühlung,
vom Mitreißen des Zuschauers in das dramatische Geschehen, stellte Brecht
vor die Frage:
"Ist Kunstgenuß überhaupt möglich ohne Einfühlung
oder jedenfalls auf einer anderen Basis als der Einfühlung? ...
Was konnte an die Stelle von Furcht und Mitleid gesetzt
werden, des klassischen Zwiegespanns der aristotelischen Katharsis?
Welche Haltung sollte der Zuhörer einnehmen in den neuen Theatern,
wenn ihm die traumbefangene, passive, in das Schicksal ergebene Haltung
verwehrt wurde? Er sollte nicht mehr aus seiner Welt in die Welt der
Kunst entführt, nicht mehr gekidnappt werden; im Gegenteil sollte
er in seine reale Welt eingeführt werden, mit wachen Sinnen."
(Brecht zitiert nach Staehle S.92)
Die gesuchte neue Basis des Kunstgenusses fand er in der Verfremdung:
Das Prinzip des neuen Dramas besteht darin, das undurchschaubare Knäuel der
Faktizität aufzulösen und es durchsichtig, verständlich zu machen,
indem man es in alternative Möglichkeiten des Seins und Handelns überführt.
"Das Prinzip besteht darin, anstelle der Einfühlung Verfremdung herbeizuführen.
Was ist Verfremdung?
Einen Vorgang oder Charakter verfremden hießt zunächst einmal,
dem Vorgang oder Charakter das Selbstverständliche, Bekannte, Einleuchtende
zu nehmen und über ihn Staunen und Neugierde zu erzeugen. Nehmen
wir wieder den Zorn des Lear über die Undankbarkeit seiner Töchter.
Vermittels der Einfühlungstechnik kann der Schauspieler diesen
Zorn so darstellen, daß der Zuschauer ihn für die natürlichste
Sache der Welt ansieht, daß er sich gar nicht vorstellen kann,
wie Lear nicht zornig werden könnte, daß er mit Lear völlig
solidarisch ist, ganz und gar mit ihm mitfühlt, selber in Zorn
verfällt. Vermittels der Verfremdungstechnik hingegen stellt der
Schauspieler diesen Learschen Zorn so dar, daß der Zuschauer über
ihn staunen kann, daß er sich noch andere Reaktionen des Lear
vorstellen kann als gerade die des Zorns. Die Haltung des Lear wird
verfremdet, das heißt, sie wird als eigentümlich auffallend,
bemerkenswert dargestellt, als gesellschaftliches Phänomen, das
nicht selbstverständlich ist. Dieser Zorn ist menschlich, aber
nicht allgemein menschlich, es gibt Menschen, die ihn nicht empfänden.
Nicht bei allen Menschen und nicht zu allen Zeiten müssen die Erfahrungen,
die Lear macht, Zorn auslösen. ... der Zorn, der sich so äußert
und eine solche Ursache hat, ist zeitgebunden. Verfremden heißt
also Historisieren, heißt Vorgänge und Personen als historisch,
also als vergänglich darstellen." (Brecht ebd.)
5. Ziel der Verfremdungseffekte: eine neue Haltung
zur Welt. Menschen, die die gesellschaftlichen Prozesse so meistern
wie die 'äußere' Natur.
"Was ist damit gewonnen? Damit ist gewonnen, daß der Zuschauer
die Menschen auf der Bühne nicht mehr als ganz unveränderbare,
unbeeinflußbare, ihrem Schicksal hilflos ausgelieferte dargestellt
sieht. Er sieht: dieser Mensch ist so und so, weil die Verhältnisse
so und so sind. Und die Verhältnisse sind so und so, weil der Mensch
so und so ist. Er ist aber nicht nur so vorstellbar, wie er ist, sondern
auch anders, so wie er sein könnte, und auch die Verhältnisse
sind anders vorstellbar. Damit ist gewonnen, daß der Zuschauer
im Theater eine neue Haltung bekommt, ... dieselbe, die er als Mensch
dieses Jahrhunderts der Natur gegenüber hat. Er wird auch im Theater
empfangen als der große Änderer, der in die Naturprozesse
und die gesellschaftlichen Prozesse einzugreifen vermag, der die Welt
nicht mehr hinnimmt, sondern sie meistert. Das Theater versucht nicht
mehr, ihn besoffen zu machen, ihn mit Illusionen auszustatten, ihn die
Welt vergessen zu machen, ihn mit seinem Schicksal auszusöhnen.
Das Theater legt ihm nunmehr die Welt vor zum Zugriff." (Brecht
zitiert nach Staehle S.93f.)
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