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Literaturkompetenz:
30. Epische Kurzformen

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Gäste im Studio: Dr. Walter Hettche und Maxim Biller

Walter Hettche

Walter Hettche ist Akademischer Rat am Institut für Deutsche Philologie der LMU München.

1957 in Offenbach am Main geboren, studierte Hettche Anglistik und Germanistik für das Lehramt, bevor er 1985 mit einer Dissertation über Heinrich von Kleists Lyrik promovierte. Der Schwerpunkt seiner Lehre und Forschung liegt im 19. Jahrhundert: bei den Romanen Fontanes, der Lyrik und den Novellen Storms und der Erzählkunst der Biedermeierzeit (Stifter, Droste-Hülshoff, Gotthelf) und des Bürgerlichen Realismus' (Storm, Raabe, Keller).

Die Liste seiner Publikationen und umfangreichen Herausgebertätigkeit finden Sie unter
http://www.germanistik.uni-muenchen.de/ndl/hettche.html.

Der Roman ist im 20. Jahrhundert beliebter als die kurzen epischen Formen. Woran liegt das?, fragt Volker Matthies den Literaturwissenschaftler.

"Zum einen, weil sie ihren (Erscheinungs-)Ort verloren haben. Die zahlreichen literarischen Zeitschriften des 19. Jahrhunderts, die damals von großer Bedeutung waren, aber heute kaum mehr existieren. Zum anderen, weil deutsche Leser vermutlich meinen: Der Roman ist dick, da habe ich was fürs Geld. Schließlich ist der Roman auch in der Tat ein viel größeres Gefäß für mehr Thema."

Aber passen denn nicht Erzählungen und Kurzgeschichten viel besser in unsere kurzlebige Zeit?

"Nein. Denn bei einer Kurzgeschichte ist höchste Konzentration angesagt, da darf einem kein Satz entgehen. Das ist bei Romanen anders."

Wird sich der Literaturbegriff durch das Internet wirklich dramatisch verändern?

"Nicht dramatisch, es ist etwas Neues, aber das Alte hört nicht auf. Der Literaturbegriff ist ohnehin schon so weit, dass sich da nichts Grundlegendes ändern wird."

Maxim Biller

Maxim Biller ist Schriftsteller und Journalist

Maxim Biller wurde 1960 in Prag geboren. Nach dem Prager Frühling floh seine jüdischstämmige Familie und zog 1970 nach Hamburg. Das Leben der Juden im Land der Täter – insbesondere der zweiten Generation, der Kinder der Holocaustüberlebenden – ist ein zentrales Thema von Billers erzählerischem Werk.

Mit seiner Kolumne "100 Zeilen Hass" im Zeitgeist-Magazin "Tempo" machte sich Biller in den 80ger Jahren einen Namen als glänzender Stilist und unverbesserlicher Provokateur. Seine Polemik gegen die "Akademikerprosa in Minimalauflagen" und seine Forderung nach einem neuen Realismus, der auf der journalistischen Recherchetechnik fußt, heizt seit Anfang der 90er Jahre große literarische Debatten an (mehr dazu Folge 2 Nachgefragt).

Als Buch veröffentlichte Biller eine Sammlung seiner Kolumnen, Die Tempojahre (1991), zwei Erzählbände Wenn ich einmal reich und tot bin (1991), Land der Väter und Verräter (1994) und einen Roman: Die Tochter (2000).

Warum haben Sie als Ihre literarische Ausdrucksform gerade die Kurzgeschichte und die Erzählung gewählt?, möchte Volker Matthies von dem Schriftsteller wissen.

"Ich habe einfach das Leben runtererzählt. Nicht bewusst Erzählungen geschrieben. Und damit ist der Erfolg meiner Erzählungen zu erklären. Die Leute wollen was vom Leben erfahren und nicht von einer spezifischen Gattung", erklärt Biller.

Welche Rolle spielt dabei Ihre journalistische Tätigkeit?

"Was ich im Journalismus gelernt habe, war für mich ganz wichtig. Zum Beispiel, so zu schreiben, dass der Leser dran bleiben muss, und dass der Autor alles dafür tun muss. Ich bin nicht der Meinung, dass der Leser auch noch was dazu tun muss. Dies journalistische Prinzip widerspricht der gespreizten Intellektuellen-Literatur, die davon ausgeht, die Wahrheit muss zwischen den Zeilen sein, nicht in den Zeilen."

Internet und Literatur. Wie ist ihre Meinung dazu?

"Wollen Sie die Wahrheit hören?", versichert sich Biller, bevor er mit ihr herausrückt. "Ich umgehe das Internet. Es lädt zu Spielereien ein. Literatur auf mehreren Ebenen mit Hyperlinks, das erinnert mich an das dreidimensionale Schach bei Enterprise. Das wird es nicht geben. Sie wollen als Leser und Autor nur eines: In etwas versinken, wo Sie nicht wieder rauskommen. Und das schafft man nur mit den alten literarischen Mitteln. Das Internet wird nicht die Ästhetik verändern, aber wir werden über das Internet erzählen. Es ist für uns da."

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Stand: 03.07.2010