Literaturkompetenz: 37. Literarische Textanalyse am Beispiel Drama
Nachgefragt: Wie analysiert man eine Szene?
Um bestimmte Fragen wie nach der Konstellation zweier Figuren, ihren
moralischen Prinzipien, und der Botschaft des Autors beantworten zu können,
muss man ein gewisses Verständnis des ganzen Dramas, seiner Form
und seines Aufbaus haben. Hier wieder ein paar Fragen und Tipps, die dem
Verstehen auf die Sprünge helfen können.
Fragen bei der Lektüre
- Lesen Sie das Drama ganz durch, das ist unumgänglich, und lesen
Sie die zu analysierende Szene mehrmals.
- Überlegen Sie, welche Funktion die Szene im Rahmen des Gesamtdramas
hat. Dazu eigenen sich Fragen wie:
- Wo und wann spielt die Handlung? Was ging dieser Szene voraus?
- Wer, welche Personen treffen aufeinander? Waren sie schon eingeführt,
wenn ja, wie? Wie begegnen sie sich jetzt?
- Zeigen die Figuren jetzt überraschende Züge ihres Charakters,
oder kommt nur heraus, was man von Anfang an ahnte?
- Sprechen die Figuren in Dialogen oder offenbaren sie ihr Sinnen und Trachten
in Monologen?
- Geben Regieanweisungen des Autors (Angaben zu Mimik und Gestik, zu Handlungen
auf der Bühne) zusätzlich Aufschluss über die Figuren?
Reflexionen über Aufbau und Form
- Machen Sie sich klar, um welche Dramenform es sich handelt,
dann können Sie den Stellenwert der Szene besser bestimmen.
- Ist das Gesamtdrama geschlossen und wie eine Pyramide mit zunächst
ansteigendem und dann absteigendem Spannungsbogen aufgebaut? Wenn
ja, dann erklären Sie, ob die Szene entweder zum 1. Akt, der Exposition,
gehört, wo die Handlung eröffnet wird, oder aber zum 2. Akt,
wo die Handlung ansteigt und bestimmen Sie den dafür typischen
"erregenden Moment", wo sich der Konflikt zuspitzt, oder ob
sie zum 3. Akt gehört und wenn, inwiefern die Handlung hier zu
einem Höhe- und Wendepunkt (Peripetie) kommt, oder ob sie zum 4.
retardierenden Akt gehört und inwiefern sie die Handlung
verzögert, oder aber, ob und wie sie die Katastrophe am Ende, im
5. Akt hervortreten lässt. Dieses Aufbauschema hilft indes nur
bei den klassischen Dramen von den antiken griechischen Tragödien
bis zu Schiller.
- Handelt es sich um ein analytisches oder synthetisches Drama?
Entfaltet/entfacht die dramatische Handlung den Konflikt oder enthüllt
sie ihn nur?
Wenn hier ein analytisches Enthüllungsdrama vorliegt, bei dem das
entscheidende, für die gesamte Handlung bestimmende Ereignis in
der Vorgeschichte der gezeigten Handlung liegt, dann zeigen Sie, was
das Spezifische ist, das in dieser Szene enthüllt oder aber noch
verschleiert wird. Ein prominentes Beispiel für das analytische
Drama ist übrigens Lessings Nathan der Weise (mehr dazu
Folge 5).
Wenn Ihnen ein synthetisches Entfaltungs- oder Zieldrama vorliegt, bei
dem das entscheidende Ereignis der dramatischen Handlung am Schluss
liegt, dann bestimmen Sie den Stellenwert der entsprechenden Szene hinsichtlich
der Hinführung zum Schluss: Welches Tempo legt sie vor, verzögert
sie, deutet sie etwa schon den Schluss an? Klassische Beispiele dieser
Dramenform sind Schillers Maria Stuart und Wallenstein.
- Handelt es sich um ein offenes Drama? D.h. ein Drama, das keinen
bestimmten Anfang und keinen bestimmten Ausgang hat, ein Drama, in dem
die Katastrophe in jeder Szene bereits präsent ist und nur aus
verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet wird? Wenn ja, dann erörtern
Sie den bestimmten Blickwinkel der zu analysierenden Szene und interpretieren
Sie, was sich daraus für die Situation der Protagonisten ergibt.
Ein prominentes Beispiel eines solchen offenen, modernen Dramas ist
Büchners Woyzeck (mehr dazu Zusammenfassung).
Reflexionen über den dramatischen Konflikt
- Handelt es sich um eine Tragödie oder um eine Komödie?
Bei klassischen Dramen ist das noch recht einfach zu unterscheiden,
je nachdem ob wir es wie Aristoteles sagt mit "edlen
Charakteren" und Handlungen zu tun haben, oder eher mit allzumenschlichen
Schwächen, die dem Gelächter und dem Spott ausgesetzt werden.
Aber je moderner das Drama, desto verzwickter ist die Entscheidung.
Einen Anhaltspunkt mag folgende Differenzierung geben:
- Die klassische Tragödie mit fünf Akten und strengem Versmaß
orientiert sich an den Dramen der Griechen, besonders an Sophokles und
Aischylos, und entfaltet oder enthüllt den unumgänglichen,
d.h. schicksalhaften Untergang der Protagonisten.
- Die gemischte Tragödie mixt komische mit tragischen Elementen,
hält sich meist nicht an die drei Einheiten, mischt gebundene Rede
und prosaische und bindet volkstümliche Elemente ein: Ihr Vorbild
ist Shakespeare, Goethes Götz folgt dem Vorbild.
- Das bürgerliche Trauerspiel entdeckt das Tragische in der Sphäre
der Bürger und der Keimzelle des Bürgertums, der Familie.
Beispiele sind Lessings Miß Sara Sampson und Emilia
Galotti und etwas sozialkritischer: Die Kindermörderin von
Heinrich Leopold Wagner.
- Das soziale Drama behandelt den Untergang seiner Protagonisten nicht
mehr als unumgängliches tragisches Geschick, gegen das nichts auszurichten
ist, sondern als ein unter besseren gesellschaftlichen und politischen
Bedingungen vermeidbares und zu vermeidendes Unglück. Sein Thema
ist die Entlarvung der Missstände und der Scheinheiligkeit in der
herrschenden Gesellschaft: Die erscheint hier als Gegenstand des Spotts
und der Lächerlichkeit. Prominenter Vorläufer dieses entlarvenden
Dramas ist Büchners Woyzeck, weitere Beispiele sind etwa
die Dramen Gerhart Hauptmanns, z.B. Vor Sonnenaufgang und Die
Weber.
- Wie kommt der dramatische Konflikt zustande?
- Handelt es sich um eine tragische Schuld, d.h. wurde der Protagonist
, wie es so schön heißt, "unschuldig schuldig",
d.h. ohne eigenes Zutun und ohne eigene Absicht? Exponent dieser Schuld,
die dem Protagonisten nicht zuzurechnen ist, ihn aber dennoch untergehen
lässt, ist Sophokles Ödipus, der ohne eigenes Wissen
zum Mörder seines (ihm unbekannten) Vaters wurde.
- Handelt es sich um eine persönliche Schuld, die eine Person durch ihre
Handlungen, die auch anders hätten ausfallen können, zu verantworten
hat? Eine solche Schuld für sein Tun und damit den tragischen Untergang nimmt
z.B. der Marquis von Posa in Schillers Don Carlos auf sich.
- Kommt der tragische Konflikt durch Irrtümer, Lügen oder
einfach nur Missverständnisse zustande? Das ist der Fall bei Shakespeares
Othello, den Bürgerlichen Trauerspielen Lessings
und des frühen Schiller, z.B. Kabale und Liebe.
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