Literaturkompetenz: 37. Literarische Textanalyse am Beispiel Drama
Fakten zu Schiller und Büchner
Die Übungsaufgaben in dieser Sendung zeigten: Spätestens, wenn Sie
den zentralen Konflikt oder die Gesamtabsicht eines Stücks bestimmen sollen,
ist es mit der reinen Textimmanenz vorbei, dann müssen Sie auf Hintergrundwissen
über den Autor, auf das, was Sie im Unterricht erfahren haben, auf Lexika
und sonstige Sekundärliteratur zurückgreifen.
In diesem Fall liefern z.B. Gelfert und Beutin
wissenswerte Hintergrundinformationen zu den Themen dieser Sendung: zu dem Grundkonflikt
im Don Carlos einerseits und zu Büchners dramatischem Schaffen andererseits.
Die wichtigsten Informationen daraus stellen wir zusammen:
- Zum Grundkonflikt des Don Carlos: Wann
ist historisches Handeln legitim?
- Widersprüchliche Reflexe auf die französische
Revolution
- Georg Büchner Materialist
und Revolutionär
- Büchner versus Schiller
1. Zum Grundkonflikt des Don Carlos: Wann
ist historisches Handeln legitim?
Jeder Dichter schreibt lebenslänglich nur an einem Gedicht. D.h. in der
Vielfalt der Stoffe und Welten, die Dichter entwerfen, zieht sich meist ein zentrales
Problem, eine einzige Frage durch, die nach immer neuen Lösungen sucht.
Bei Schiller ist es das "Problem der Legitimität von historischem
Handeln", das Gelfert als ein Grundproblem aller Dramen dieses großen
Dichters ausmacht. Das Bestechende an Gelferts Interpretation dieses zentralen
Motivs ist, dass er damit einen Bogen schlägt von den frühen
Dramen und bürgerlichen Trauerspielen zu den historischen Dramen
der Weimarer Klassik, die sich von dem beschränkten Stoff
(Familie) und dem leidenschaftlichen Pathos der frühen absetzen:
Don Carlos 1787 erschienen, d.h. nach seiner Sturm-und-Drang-Periode
und vor der Weimarer Klassik, ist die Schnittstelle dieses
Übergangs:
"Schon in den Räubern hatte Schiller das Grundmodell aller
seiner späteren Stücke entfaltet. Hier stehen sich zwei feindliche
Brüder gegenüber, von denen sich der böse das Vertrauen
des Vaters und damit die reale Legitimation erschlichen hat, während
der gute und damit moralisch legitimierte nur ohne die gesetzliche Legitimität,
nämlich als Räuber, in das Geschehen eingreifen kann, um die
historische Realität mit den Forderungen der Moralität in
Übereinstimmung zu bringen. Dieses Grundmuster kehrt in besonders
prägnanter Form in Don Carlos wieder. Dort ist ein
schwacher Prinz der Anwärter auf den Thron eines auf Mißtrauen
und Repression begründeten Regimes. Der von edlem Freiheitspathos
beseelte Marquis Posa hätte die moralische Qualität und das
persönliche Charisma, um Spanien aus der politischen Finsternis
herauszuführen. Aber da er nicht Thronerbe ist, fehlt ihm jede
Legitimation. Er kann nur versuchen, dem Prinz Carlos die eigenen Ideen
einzuflößen und durch ihn hindurch zu handeln. Dies tut er
auch, aber er scheitert an der Schwäche und Unentschlossenheit
des Prinzen. In Wallenstein wird das Grundmuster noch detaillierter
ausgeführt. Hier stehen sich zwei Lager gegenüber: das des
historisch legitimierten Kaisers und das Wallensteins, der die persönliche
Qualifikation hätte, das Reich aus der verworrenen Lage zu retten
und ihm eine neue Zukunft zu eröffnen. Aber Wallenstein kann dies
nur, indem er sich gegen den Kaiser wendet und damit zum Rebellen wird."
(Gelfert S.106f.)
In Demetrius, in Maria Stuart, ja selbst in Kabale und Liebe
entdeckt Gelfert diese Problemstruktur: Das Auseinanderdriften und den tragische
ausgehenden Konflikt von historisch legitimierten Machthabern und den moralisch
legitimierten Individuen, die unter den widrigen Bedingungen ihrer Zeit zu Rebellen
werden.
2. Widersprüchliche Reflexe auf die französische
Revolution
Unter dem Eindruck des blutigen Ausgangs der französischen Revolution
hatte Schiller diese Sicht der Geschichte entwickelt, "als ihm klar wurde,
zu welchen Folgen der nicht legitimierte Eingriff in den Geschichtsprozeß
führt." Wie Goethe lehnte Schiller bald entschieden die Revolution
ab und setzte ganz auf eine allmähliche Evolution: Insbesondere seine
theoretischen Entwürfe, die stark von Schillers Auseinandersetzung
mit Kant zeugen, warnen vor dem gewaltsamen Eingreifen moralisch sittlicher
Individuen in den historischen Prozess:
Nun ist aber der physische Mensch wirklich, und der sittliche nur problematisch.
Hebt also die Vernunft den Naturstaat auf, wie sie notwendig muß,
wenn sie den ihrigen an die Stelle setzen will, so wagt sie den physischen
und wirklichen Menschen an den problematischen sittlichen, so wagt sie
die Existenz der Gesellschaft an ein bloß mögliches (wenngleich
moralisch notwendiges) Ideal von Gesellschaft. (...)
Wenn der Künstler an einem Uhrwerk zu bessern hat, so läßt er
die Räder ablaufen; aber das lebendige Uhrwerk des Staates muß gebessert
werden, indem es schlägt, und hier gilt es, das rollende Rad während
seines Umschwunges auszutauschen.
(Friedrich Schiller zitiert nach Gelfert S.108 aus: Über
die Ästhetische Erziehung des Menschen, 3. Brief)
Jenseits der idealistisch inspirierten theoretischen Schriften bleibt Schiller
aber höchst ambivalent:
"Als Philosoph machte Schiller Front gegen die Französische
Revolution, die er anfangs begrüßt und die ihn danach entsetzt
hatte. Als Dichter aber konnte er gar nicht anders, als für die
großen, edlen, wenngleich schuldbeladenen Individuen Partei zu
ergreifen, die in das Räderwerk der Geschichte eingreifen und dabei
selbst unter die Räder kommen. Sein Herz schlug für Maria
Stuart, nicht für Elisabeth, für Wallenstein, nicht für
Octavio Piccolomini, und es kann gar keinen Zweifel daran geben, daß
er sich einen Don Carlos mit dem Geist von Marquis Posa auf dem Thron
Philipps ... gewünscht hätte. Als Philosoph begründete
er die metaphysische Legitimität des Staates, als Dichter hingegen
zeigte er charismatische Menschen, die sich gegen diese Legitimität
stellen und die an der Spitze des Staates die Unmenschlichkeit der abstrakten
Macht mit natürlicher Menschlichkeit versöhnt hätten,
wenn sie im Besitz des einen gewesen wären, das ihnen fehlte: der
historischen Legitimation." (Gelfert
S.110)
Gelferts Analyse von Schillers ambivalentem Verhältnis zur Revolution
als Dichter und Denker zeigt auch, dass es nicht damit getan ist, die theoretischen
Statements und Absichtserklärungen von Dichtern einfach auf ihre Dichtungen
zu übertragen, auch hier gilt es genau hinzuschauen, ganz nach Hölderlins
Motto: Unterschiedenes ist gut.
3. Georg Büchner Materialist
und Revolutionär: "Magenfrage" statt "Preßfreiheit"
Gerade einmal 24 Jahre alt ist Georg Büchner geworden, einer der
größten deutschsprachigen Dramatiker, der heute als ein "unzeitgemäßer
Moderner" (Beutin S.232) gefeiert wird:
Naturalisten wie Expressionisten, das politische wie das absurde Theater
stellen sich in die von ihm begründete Tradition. Aber Büchner
war nicht bloß Schriftsteller: Sein Engagement galt zunächst
der Medizin und der Politik: Der Solidarität mit der unterdrückten,
geschundenen, gebeutelten Kreatur, dem Versuch, sie zu unterstützen
und zu befreien.
Am 17. Oktober 1813 im hessischen Goddelau als erster Sohn eines Arztes geboren,
schlug Büchner zunächst die Profession seines Vaters ein und studierte
Medizin in Straßburg und Gießen (später auch in Zürich,
wo er promovierte). Schon in Straßburg notierte der Student:
"Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt. Wir
wissen, was wir von unseren Fürsten zu erwarten haben. Alles, was
sie bewilligen, wurde ihnen durch die Notwendigkeit abgezwungen. Und
selbst das Bewilligte wurde uns hingeworfen wie eine Gnade und ein elendes
Kinderspielzeug, um dem ewigen Maulaffen Volk seine zu eng geschnürte
Wickelschnur vergessen zu machen." (Büchner zitiert nach Beutin
S.233)
Gleichzeitig kündigte er an, sich selbst aus revolutionären
Aktionen zurückhalten zu wollen, weil er für sie im gegenwärtigen
Deutschland keine Chance sah, "weil ich ... nicht die Verblendung
derer teile, welche in den Deutschen ein zum Kampf für sein Recht
bereites Volk sehen." (Büchner zitiert nach Beutin S.233)
Entsetzt über die Schikanen der Obrigkeit und die Gewalt in Hessen,
gründete er dennoch mit dem bedeutenden Demokraten und Pfarrer Ludwig
Weidig die subversive Gesellschaft für Menschenrechte, die
mächtig wurde "im Kontext der republikanischen und frühproletarischen
Agitation nach der Julirevolution" (Beutin
S.232f.).
Im Juli 1834 brachte er zusammen mit Weidig den Hessischen
Landboten heraus, ein Flugblatt, das die hessische Landbevölkerung
zum Aufstand gegen die Unterdrückung aufrief. Über dieses revolutionäre
Flugblatt schrieb Büchners erster Herausgeber, Karl Emil Franzos
1878:
"Zum erstenmale in Deutschland tritt darin ein Demokrat nicht
für die geistigen Güter der Gebildeten ein, sondern für
die materiellen der Armen und Unwissenden; zum erstenmale ist hier nicht
von Preßfreiheit, Vereinsrecht und Wahlcensus die Rede, sondern
von der 'großen Magenfrage'; zum erstenmale tritt hier an die
Stelle politisch-demokratischen Agitation die social-demokratische Klage
und Anklage." (Zitiert nach Beutin
S.233)
Nach dem Scheitern der im Hessischen Landboten geplanten Aktionen
viele Verteiler wurden verhaftet, auch Büchner selbst musste
vor den Untersuchungsrichter, die Revolution blieb bekanntlich aus
zog sich Büchner aus der Arbeit im politischen Untergrund zurück
und wurde literarisch ungeheuer produktiv. Zwischen Januar 1835 und Winter
1836/37 schrieb er Dantons Tod, Lenz, Leonce und Lena,
seine medizinische Promotion über das Nervensystem der Fische und
den Woyzeck. Am 19. Februar starb er in Zürich an Tuberkulose.
Für all seine Dramen ist bestimmend, was Beutin bezeichnet als "Spannung
von praktisch folgenreicher Erkenntnis (herrschender Gewaltzustand, Notwendigkeit
von Gegengewalt, aktive Rolle des Volkes ...) und der resignativen Einsicht,
'daß nichts zu tun ist', weil das Kräfteverhältnis gegenwärtig
so ungünstig ist" (Beutin S.233).
4. Büchner versus Schiller
Kaum verwunderlich bei diesem so wachen und illusionslosen, so kämpferischen
wie resignierten Blick auf das gesellschaftliche und politische Unrecht
ist, dass dieser engagierte Dichter mit den weltflüchtigen Romantikern
genauso wenig anfangen konnte wie mit Schiller. Letzteren kritisierte
Büchner scharf als "Idealdichter" und bekämpfte seine
Prinzipien als "schmählichste Verachtung der menschlichen Natur"
(Büchner zitiert nach Beutin S.234).
Seine eigenes dramatisches Schaffen sah er vor allem in der Nachfolge
Shakespeares:
"Wenn man mir übrigens noch sagen wollte, der Dichter müsse
die Welt nicht zeigen, wie sie ist, sondern wie sie sein solle, so antworte
ich, daß ich es nicht besser machen will, als der liebe Gott,
der die Welt gewiß gemacht hat, wie sie sein soll. Was noch die
sogenannten Idealdichter anbetrifft, so finde ich, daß sie fast
nichts als Marionetten mit himmelblauen Nasen und affektiertem Pathos,
aber nicht Menschen von Fleisch und Blut gegeben haben ... Mit einem
Wort, ich halte viel auf Goethe oder Shakespeare, aber sehr wenig auf
Schiller." (Büchner, Brief vom 28. Juli 1835 an seine Familie,
zitiert nach Gelfert S.122)
Das pralle Leben ist es, was ihn bei Shakespeare so fasziniert, eine
Sympathie für alles, was sich regt, sei es nun schön oder hässlich.
Diese Leidenschaft legt Büchner dem Sturm-und-Drang-Dichter
Lenz in der gleichnamigen Novelle in den Mund und legt damit zugleich
den Grundstein für eine "Ästhetik des Häßlichen"
(Beutin S.234).
"Ich verlange in allem Leben, Möglichkeit des Daseins,
und dann ist's gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön,
ob es häßlich ist. Das Gefühl, daß, was geschaffen
sei, Leben habe, stehe über diesen beiden und sei das einzige Kriterium
in Kunstsachen. Übrigens begegnet es uns nur selten: In Shakespeare
finden wir es, und in den Volksliedern tönt es einem ganz, in Goethe
manchmal entgegen; alles übrige kann man ins Feuer werfen ... Man
muß die Menschheit lieben, um in das eigentümliche Wesen
jedes einzudringen; es darf einem keiner zu gering, keiner zu häßlich
sein, erst dann kann man sie verstehen; das unbedeutendste Gesicht macht
einen tiefern Eindruck als die bloße Empfindung des Schönen,
und man kann die Gestalten aus sich heraustreten lassen, ohne etwas
vom Äußern hineinzukopieren, wo einem kein Leben, keine Muskeln,
kein Puls entgegenschwillt und pocht." (Büchner, Lenz)
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