Literaturkompetenz: 37. Literarische Textanalyse am Beispiel Drama
Dichter und Denker: Zur Tragödie
Sophokles
Viele versuchten umsonst das Freudigste freudig zu sagen
Hier spricht endlich es mir, hier in der Trauer sich aus.
Friedrich Hölderlin. StA, Band 1, Seite 305
Die Tragödie war für Hölderlin die höchste aller Formen.
Im tragischen Untergang offenbart sich nach ihm das "Göttliche"
unmittelbar, "geradeheraus", und setzt einen geschichtlichen
Übergang frei. Hölderlins spekulative Tragödientheorie
ist so großartig wie tiefsinnig und wird daher höchst kontrovers
interpretiert. Wir können sie hier nicht auseinander legen, aber
wollen wenigstens an sie erinnern, bevor wir uns einer anderen noch viel
berühmteren Tragödientheorie widmen: dem Konzept des Tragischen
von Hölderlins Jugendfreund Georg Wilhelm Friedrich Hegel.
Hegel sagt in seiner Ästhetik über die Antigone des
Sophokles:
"Von allem Herrlichen der alten und modernen Welt ich kenne
so ziemlich alles, und man soll es und kann es kennen erscheint
mir nach dieser Seite die Antigone als das vortrefflichste, befriedigendste
Kunstwerk." (G.W. F. Hegel. Ästhetik Bd. 2, Teil 3,
c, S.568).
Was faszinierte den Philosophen so an dieser Tragödie? Er entdeckte
in ihr das Modell seines eigenen dialektischen Denkens, das sich quasi
tragisch entwickelt: Wir kamen im letzten Trimester
schon auf das Schema: Mit der These ist der Stachel zur Negation der These,
also die Antithese gesetzt. Beide, These und Antithese, heben sich in
ihrer Gegensätzlichkeit auf, gehen unter und über in die versöhnende
Synthese. Einen analogen Dreischritt entdeckt Hegel in der Tragödie:
Er begreift sie als die Urform der tragischen Kollision, des Aufeinanderprallens
zweier völlig gleichberechtigter, aber einseitiger Mächte und
Interessen: Kreon ist für ihn legitimer Vertreter des Staates, er
handelt ganz im Namen "des öffentlichen Lebens und Gemeinwohls"
(Hegel ebd. S.565). Kreon verbietet die Bestattung von Polineikos, der
im Kampf gegen diesen Staat gefallen ist, und das ist schematisch gesagt
die These, mit der das Drama beginnt. Antigone, die Schwester des Polineikos,
hält sich nicht an das Gebot Kreons. Sie handelt nach Hegel ganz
im Namen des Familienrechts, der Blutsbande, des Privaten. Sie bestattet
den Bruder, damit er nicht zum Fraß der Vögel werde, was schematisch
gesehen die Antithese der dramatischen Handlung ist, womit die Kollision/der
Wiederstreit in Gang kommt.
So prallen in der Antigone nach Hegel zwei fundamentale sittliche
Mächte zusammen, Mächte, die eigentlich harmonisch zusammengehören
und für alle Individuen bindend und verbindlich sein müssen
in einem funktionierenden Gemeinwesen: die Familie als "natürliche
Sittlichkeit" und der Staat, die "geistige Allgemeinheit"
(Hegel, S.564). Das Resultat dieser tragischen Kollision der beiden sittlichen
Mächte ist der Untergang qua Aufhebung und Versöhnung der Gegensätze
auf einer höheren Ebene, die Synthese:
"Das Resultat endlich der tragischen Verwickelung leitet nun keinem
anderen Ausgange zu, als daß sich die beiderseitige Berechtigung
der gegeneinander kämpfenden Seiten zwar bewährt, die Einseitigkeit
ihrer Behauptung aber abgestreift wird und die ungestörte innere
Harmonie ... zurückkehrt, welche allen Göttern ungetrübt
die gleiche Ehre gibt. Die wahre Entwicklung besteht nur in dem Aufheben
der Gegensätze als Gegensätze, in der Versöhnung
der Mächte des Handelns, die sich in ihrem Konflikt wechselweise
zu negieren streben. Nur dann ist nicht das Unglück und Leiden,
sondern die Befriedigung des Geistes das letzte, insofern erst bei solchem
Ende die Notwendigkeit dessen, was den Individuen geschieht als absolute
Vernünftigkeit erscheinen kann und das Gemüt wahrhaft sittlich
beruhigt ist: erschüttert durch das Los der Helden, versöhnt
in der Sache.
Nur wenn man diese Einsicht festhält, läßt sich die
Tragödie begreifen. Wir dürfen deshalb solch eine Art des
Abschlusses auch nicht als einen bloß moralischen Ausgang auffassen,
demgemäß das Böse bestraft und die Tugend belohnt ist,
d.h. 'wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu Tisch'.
Auf diese subjektive Seite der in sich reflektierten Persönlichkeit
und deren Gut und Bös kommt es hier gar nicht an, sondern wenn
die Kollision vollständig war, auf die Anschauung der affirmativen
Versöhnung und das gleiche Gelten beider Mächte, die sich
bekämpften." (Hegel S.566)
In der Tragödie waltet nach Hegel mithin kein blindes Schicksal, sondern
die lebendige, die absolute Vernunft: Sie, die auf die Wiederherstellung
der Harmonie der im tragischen Streit aufeinander prallenden Mächte
aus ist, bestimmt den Untergang der Streitenden: "Das Fatum weist
die Individualität in ihre Schranken zurück und zertrümmert
sie, wenn sie sich überhoben haben" (Hegel S.567). Diese Kollision der Mächte und diese Hybris der Individuen hat
nun nach Hegel Sophokles in der Antigone am reinsten gestaltet:
Weil Antigone in Kreon etwas bekämpft und negiert, was sie selbst
ausmacht und bestimmt, muss sie notwendig untergehen und auch Kreon,
der in Antigone bekämpft, was Bedingung seines Seins ist (Blutsbande),
endet tragisch:
"Die vollständigste Art dieser (d.h. der tragischen) Entwicklung
ist dann möglich, wenn die streitenden Individuen, ihrem konkreten
Dasein nach, an sich selbst jedes als Totalität auftreten, so daß
sie an sich selber in der Gewalt dessen stehen, wogegen sie ankämpfen,
und daher das verletzen, was sie ihrer eigenen Existenz gemäß
ehren sollten. So lebt z.B. Antigone in der Staatsgewalt Kreons; sie
selbst ist Königstochter und Braut des Hämon (= Kreons Sohn,
Anm. I.B.), so daß sie dem Gebot des Fürsten Gehorsam zollen
sollte. Doch auch Kreon, der seinerseits Vater und Gatte ist, müßte
die Heiligkeit des Bluts respektieren und nicht das befehlen, was der
Pietät zuwiderläuft. So ist beiden an ihnen selbst das immanent,
wogegen sie sich wechselweise erheben, und sie werden an dem selben
ergriffen und gebrochen, was zum Kreise ihres eigenen Daseins gehört.
Antigone erleidet den Tod, ehe sie sich des bräutlichen Reigens
erfreut, aber auch Kreon wird an seinem Sohne und seiner Gattin gestraft,
die sich den Tod geben, der eine um Antigones, die andere um Hämons
Tod." (Hegel S.568)
Ob Sophokles seine Tragödie als einen geistig der Sache nach höchst
befriedigenden Hervorgang des Wahren und Vernünftigen begriff, ja,
ob er die "Mächte", die Antigones und Kreons Handeln bestimmen,
überhaupt für gleichberechtigt hielt, darf bezweifelt werden.
Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Hegel hier meisterhaft
und hoch differenziert vorführt, was eine tragische Kollision ist,
und dass er vor allem klar macht, was daran am Ende für den Zuschauer/das
Publikum so befriedigend sein soll. Letzteres, die kathartische Wirkung
des tragischen Untergangs, bestimmte in verschiedenen Varianten lange
die Tragödientheorie. Erst die realen Katastrophen und ungeheuren
Tragödien des 20. Jahrhunderts haben dazu geführt, dass die
Begeisterung Hegels, Hölderlins und Lessings für diese Kunstform
und ihr Credo, der tragische Untergang habe einen Katharsis-Effekt, nur
mehr schwer nachzuvollziehen ist.
Wer ein bisschen mehr wissen möchte über Hegels Ästhetik
kann sich informieren auf der Site der Uni Essen unter: http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/ Vorlesungen/literaturge/vaesthet.htm.
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