Literaturkompetenz: 27. Was ist eigentlich Literatur?
Zusammenfassung
Worauf kommt es in der Literatur abgesehen von den "schönen Worten"
(Hans Castorp in Thomas Manns Zauberberg) noch an? Um diese Frage dreht
sich das Telekolleg Deutsch in diesem Trimester. Zunächst aber ist grundsätzlicher
zu klären: Was ist eigentlich Literatur?
Gäste im Studio: Professor Dr. Wolfgang Frühwald
und Dr. Martin Hielscher
Themen:
- Literatur was ist sie, was kann sie, was
soll sie?
- Erfolgreiche Gegenwartsschriftsteller
- Literatur und Markt
1. Literatur was
ist sie, was kann sie, was soll sie?
In einer Reihe von Archivaufnahmen zeigt das Telekolleg die verschiedenen Literaturauffassungen
namhafter Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts:
- Jean Paul Sartre (1905-1980), der große französische Existentialist,
vertritt in seinem 1947 erschienen Essay Was ist Literatur? entschieden
die littérature engagée: Der Schriftsteller soll,
wie der Philosoph sagt "die Welt aus der Warte der Befreiung
des Menschen darlegen." Literatur dient der Emanzipation und muss
die Möglichkeit ergreifen, die Welt zu verändern.
- Günter Grass (geb. 1927), der mit seiner Blechtrommel
für einigen Aufruhr in der ausgehenden Adenauerzeit gesorgt hat,
zeigt sich skeptisch, was die unmittelbaren Wirkungen der Literatur
auf die Gesellschaft angeht. "Aber ich glaube, eine langfristige
Wirkung ist der Literatur nicht abzusprechen. Und ich glaube auch, das
ist die Stärke der Literatur, dass sie nachhaltig wirken kann."
- Als
1968 im Zuge der Studentenbewegung wieder einmal "das Sterbeglöcklein
für die Literatur" geläutet wurde (H.M. Enzensberger
im legendären Kursbuch vom 15 November 1968, S.168) schätzte
der Herausgeber dieses engagierten Heftes die Möglichkeiten der
Literatur wie folgt ein: "Eine revolutionäre Literatur existiert
nicht, es wäre denn in einem völlig phrasenhaften Sinn des
Wortes. Das hat objektive Gründe, die aus der Welt zu schaffen
nicht in der Macht der Schriftsteller liegt. Für literarische Kunstwerke
lässt sich eine wesentliche Funktion in unserer Lage nicht angeben.
Daraus folgt, dass sich auch keine brauchbaren Kriterien zu ihrer Beurteilung
finden lassen."
Enzensberger betont das aus der Funktionslosigkeit resultierende "Risiko,
das fortan zum Schreiben von Gedichten, Erzählungen und Dramen
gehört: das Risiko, daß solche Arbeiten von vornherein, unabhängig
von ihrem Scheitern und Gelingen, nutz- und aussichtslos sind. Wer Literatur
als Kunst macht, ist damit nicht widerlegt, er kann aber auch nicht
mehr gerechtfertigt werden." (Hans Magnus
Enzensberger S.195)
- "Literatur
ist für mich alles, was geschrieben ist und irgendwie von Träumen
motiviert ist." So der Schweizer Schriftsteller Urs Richle, ein
Vertreter der neuen deutschsprachigen Literatur, die wieder das Erzählen
entdeckt hat und die schöne Literatur als eine "gigantische
Traumfabrik" begreift.
- Die "Lust am Fabulieren, am freien Fluss der Assoziationen"
ist es, die Maike Wetzel an der Literatur reizt. Mehr zu der jungen
Schriftstellerin: 2. Trimester Folge 7 Beispiel.
- "Was wird Literatur?" fragt der Essayist Lothar Baier in
seinem gleichnamigen Essayband, der die Frage nach der Zukunft der Erzählformen
im Anschluss an Sartres Essay Was ist Literatur neu aufrollt.
Baiers Buch ist im Antje
Kunstmann Verlag erschienen.
Weitere Bestimmungen der Literatur finden Sie unter Nachgefragt.
Unsere Gäste im Studio ergänzen diese Momentaufnahmen und fundieren
sie literaturgeschichtlich und aus der Perspektive des Verlagswesen:
"Literatur ist die Gesamtheit alles Geschriebenen, die Geschichte
der Literatur reicht etwa 5000 Jahre zurück. Mit der Schrift
wurde eine neue Welt geschaffen, die bevölkert ist mit Menschen,
die nicht wirklich aus Fleisch und Blut sind, aber die so sind, als wären
sie aus Fleisch und Blut: Effi Briest, Judith, Madame Bovary. Diese Menschen
leben mit uns, arbeiten mit uns und wir erkennen uns in diesen Gestalten
wieder. Darüber hinaus ist Literatur etwas, was man das kollektive
Gedächtnis der Menschheit nennen könnte", erklärt
Professor Dr. Wolfgang Frühwald.
"Literatur ist die andere Geschichtsschreibung"
so bringt Dr. Martin Hielscher seine Auffassung der Literatur auf den
Punkt: "Literatur ist Kunst. Sie ist das Ensemble von Geschichten
über das Leben, von Geschichten, die immer neu erzählt werden
müssen, weil das Leben endlich ist."
2. Erfolgreiche Gegenwartsschriftsteller
Benjamin
Lebert verbuchte 1999 mit Crazy einen sensationellen Erfolg. Der autobiografisch
gefärbte Roman erzählt von der Pubertät eines 17-jährigen
"Krüppels", der links gelähmt ist an Arm und Bein. Im Interview
zeigt sich der junge Autor amüsiert und stolz darüber, dass die großen
Feuilletons darüber debattieren, ob dieser Roman nun gute Literatur ist oder
nicht.
Wolfgang Frühwald würde diesen Roman durchaus schon in die
Schicht der "höherrangigen Literatur" einordnen, nicht
allein deswegen, weil er zur Schullektüre "erhoben" wurde.
Die Problematik des empfindsamen Pubertierenden, der in eine als feindlich
empfundene Erwachsenenwelt hineinwächst, ziehe seit der Romantik
eine breite interessierte Leserschaft an. Auf dieser Thematik und der
sensiblen Zeichnung der Charaktere beruhe der Erfolg dieses Buches.
Anders
indes ist der Erfolg des Popliteraten Benjamin von Stuckrad-Barre zu erklären.
Er beruhe weniger auf dem Text in unserem Fall Soloalbum
als darauf, wie er seinen Text präsentiert. Stuckrad-Barre inszeniert
seine Lesungen als Show. Er steht in der Tradition der englischen und
amerikanischen Popliteraten, die den Waren- und Fetischcharakter der Kunst
betonen und das Elitäre in der Rezeption der Kunst abschaffen wollen.
3. Literatur und Markt
Der Buchmarkt bestimmt wesentlich mit, was als Literatur erscheint und was
nicht. Hier spielt nicht Qualität eine Rolle, sondern die Kalkulation
Literatur ist Ware. Um auch qualitativ gute, aber schlecht verkäufliche
Werke zu produzieren, praktizieren die Verlage gern die so genannte Mischkalkulation:
Der Droemer Weltbild Verlag z.B. finanziert mit zuverlässig gut gehenden
Ratgebern die riskantere anspruchsvolle Belletristik.
Antje
Kunstmann hat mit ihrem gleichnamigen so kleinen wie engagierten Verlag eine echte
Marktlücke entdeckt: den Bestseller-müden Leser. Ihr ansprechendes Programm
richtet sich mit großem Erfolg an Kunden, die etwas Neues suchen, etwas
anderes, das sich etwas Abseits vom Allerweltsgeschmack bewegt.
Seit einiger Zeit spielen auch LiteraturagentInnen entscheidend mit bei der
Frage, was wo und mit welcher Auflage erscheint und was nicht. Obwohl sich vor
allem junge Berufsanfänger an sie wenden, um ihnen lästige Verhandlungen
mit den Verlagen zu überlassen, ist es für die AgentInnen natürlich
leichter, schon bekannte AutorInnen an den Mann, beziehungsweise zuerst einmal
an den Verlag zu bringen.
Zum einen erleichtern die LiteraturagentInnen den Verlagen die Arbeit, wie
Martin Hielscher erklärt. Denn sie sondieren schon einmal vor, was gut ist
und sich lohnen könnte. Andererseits aber erhöhen sie auch das Risiko
insbesondere der kleinen Verlage: Agenten werben denen gern die erfolgreichen
Autoren ab, um sie an besser bezahlende Konzerne zu vermitteln.
"Wenn der Turbokapitalismus in den Buchmarkt eindringt, kann der Literaturmarkt
durchaus als Haifischbecken bezeichnet werden", erklärt Wolfgang
Frühwald. Die Tatsache, dass viele Autoren von den kleinen Verlagen
weggekauft werden, habe auch Einfluss auf den Inhalt der Literatur. Beispielsweise,
wenn die AutorInnen dann zugleich angehalten werden, leicht übersetzbar
zu schreiben, damit sich das Werk auch international gut vermarkten lässt.
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