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Kalenderblattvom 29. September 2000
29.09.1920: zurück weiter
Lord Barmbeks größter Coup
Autor: Stefan Wilfert
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Ich gebe gleich zu, einen echten und wahren Lord kenne ich nicht persönlich. Kann ja noch werden. Weiß man, wen man noch so alles kennen lernt? Und wie's bei Lords aussieht, wissen wir auch, denn wir lesen alle einschlägigen Gazetten. Schließlich gehen wir ständig zum Zahnarzt, Friseur oder zur Fußpflege und wissen alles über Lord Snowdon. Und wir merken, dass es ausreicht, die Lords von Ferne zu kennen. Früher, ja früher da wollten wir den Lords nahe sein. Aber das war eine Popgruppe gleichen Namens und die haben immer so klasse gerock'nrollt und meistens ihren besten Song "Poor Boy" gespielt. Dabei haben wir dann eine Lord Extra geraucht. Und weiter: natürlich ist uns noch bekannt der Little Lord Fauntleroy, Lord Peter Wimsey und auch der unnachahmlich gesungene "Mylord" von Edith Piaf. Dann gab's da noch den kleinen Gaylord, der morgens um sieben immer was anstellte, aber das war nur so ein kleiner unnötiger Buch- und TV-Bengel. Ein anderer sehr bekannter Lord war aber der Lord von Barmbek, der heute eigentlich eher noch den alten Hamburgern und den Kriminalisten bekannt ist.

Eigentlich hieß er Julius Adolf Petersen und war ein Deutscher und darum kein richtiger Lord. Aber er kleidete und benahm sich wie ein Lord. Das heißt, das sich benehmen wie ein Lord, das darf man nicht so wörtlich nehmen. Seine Haupteinnahmequelle bestand nämlich darin, sich sein Leben mit Raubüberfällen zu finanzieren. Und sein Leben war relativ aufwändig. Er trug immer maßgeschneiderte Anzüge aus feinem englischen Tuch, dazu Seidenhemden, Gamaschen nach dem letzen Schrei, einen Stock und einen edlen melonenartigen Hut. Ein eleganter, gut aussehender Mann war es, der da in Barmbek residierte. Und so wurde er eben der "Lord von Barmbek" genannt. Er herrschte über eine Mannschaft von etwa 200 Mann, die ihm blind ergeben war. Einige dieser ehrenwerten Mitarbeiter nannten sich "Lockenfietsche", "Rabenmax" oder "Schlachterkarl". Der Lord von Barmbek war das Vorbild für viele Filme und Geschichten, in denen die Verbrecher noch so etwas wie Ganovenehre hatten. Wurde einer seiner Mitgauner geschnappt, sorgte der Lord für einen guten Verteidiger und für die Familie zu Hause. Niemand brauchte sich auch um die Verteilung der Beute zu kümmern, das besorgte der Lord. Und er baldowerte auch die Raubzüge aus, die randvoll gefüllten Safes, die er mit seinem Spezialwerkzeug knackte wie unsereins Nüsse. Das Werkzeug nannte er liebevoll "Knabbergeschirr". Aber nicht nur Safes wurden geleert, geklaut wurde alles, was man zu Geld machten konnte: Schmuck, Pelze, Tuchwaren, Lebensmittel. Seinen größten Coup landete der Lord von Barmbek am 29. September 1920.

Der "Fuchs", mit bürgerlichem Namen Arnold Lau, war sein Kumpel dabei. Beide überfielen sie das 6. Hamburger Postamt in der Susannenstraße. Das war zwar geschlossen und es gab auch einen Wachmann. Doch der störte nicht. Der Lord hatte herausgefunden, dass der Wachmann seine diversen Gespielinnen immer auf das Postamt brachte, um sie dort zu vernaschen. Nachdem die Braut des Abends das Amt verlassen hatte, war der Wachmann gar nicht mehr so wach und ließ sich leicht überwältigen. "Ich gab dem Wächter die Hand und sagte, ihm geschähe nichts", erinnerte sich der Lord später. Nach einer knappen Stunde war der Post-Safe aufgeschweißt und über 220.000 Mark in Bargeld und 350.000 Mark in Briefmarken wechselten den Besitzer. Wie immer verteilte der Lord von Barmbeck barmherzig seinen Beute. Auch seine Freundinnen und Ex-Frauen kamen nicht zu kurz. Einer schenkte er sogar eine ganze Pension im Zentrum Hamburgs. Ein Schicksalsgeschenk, denn dort wurde er 1921 verhaftet und später zu sechzig Jahren Zuchthaus verurteilt. Er kommt zwar nach elf Jahren frei, kehrt aber sofort wieder wegen eines neuen Deliktes nach Santa Fu, Zelle 185, zurück. Ein Jahr später erhängte er sich mit einem Strick aus zusammengeknoteten Strümpfen und Taschentüchern.

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