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Kalenderblattvom 23. November 1999
23. November 1996: Erbgutanalyse: Kaspar Hauser doch nicht Erbprinz von Bayern! zurück weiter
Autorin: Elke Endraß
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Im Fernsehen werden Kriminalfälle immer gelöst. Der Täter und manchmal auch die Täterin werden entlarvt und der gerechten Strafe zugeführt. Es bleiben keine Fragen offen. Nicht so im wirklichen Leben. Da sieht es leider ganz anders aus. Einer der berühmtesten unaufgeklärten Kriminalfälle ist der Mord an Kaspar Hauser.

Wir erinnern uns: Das war jenes Findelkind, das aus dem Nichts plötzlich in Nürnberg auftauchte und auf alle Fragen immer nur antwortete: "Weiß ich nicht". 1833 stirbt er an einer Stichverletzung in Ansbach. Und nun beginnt das große Rätselraten.Wer war der Täter? War es Mord oder vielleicht doch Selbstmord? Wenn es Mord war, dann brauchte man ein Motiv. Und wenn man keines hatte, dann musste man sich eben eins basteln.

Eingefleischte Hauserianer hatten denn auch bald eine Erklärung parat. Demnach sei Kaspar fürstlicher Abstammung gewesen. Genauer gesagt, der Sohn des Großherzogs Karl von Baden und seiner Frau Stephanie de Beauharnais. Und Kaspar sei das Opfer einer düsteren dynastischen Intrige geworden. Die Gräfin von Hochberg habe die Beseitigung des Erbprinzen veranlasst, um ihrer eigenen Linie die Erbfolge zu sichern. Historiker hatten auch ein plausibles Argument für diese Vermutung: Wer bitteschön hätte Kaspar denn sonst nach dem Leben trachten sollen, wenn er wirklich ein unbekanntes Nichts, ein dahergelaufener Niemand und somit für andere uninteressant war?

Zugegeben - diese Erklärung hatte was. Leider fehlte ihr etwas Entscheidendes, nämlich der Beweis. Den mussten die Historiker schuldig bleiben. Mehr als 160 Jahre nach Kaspars Ermordung sollte endlich etwas Licht ins Dunkel dieser Geschichte fallen. Dank Kaspars blutverschmierter Unterhose, die die Zeiten überdauerte und mancherorts zur Schau gestellt wurde. Und dank der Molekularbiologie. Und dank des "Spiegel" der diese aufwendige Untersuchung in Auftrag gab.

In Birmingham und München arbeiteten Rechtsmediziner fieberhaft daran, aus eben jenem Blut des Hauserschen Dessous einen genetischen Fingerabdruck zu ermitteln. Sodann musste man nur noch ein paar Nachkommen des badischen Fürstenhauses auftreiben. Nach monatelanger Suche hatte man endlich zwei Ur-Ur-Urenkelinnen der Herzogin Stephanie ausfindig gemacht, die Hausers Mutter gewesen sein soll. Man erzählte ihnen etwas von einem Gen-Muster, das in der mütterlichen Linie über Generationen hinweg nahezu unverändert bleibt. Mit dem Erfolg, dass sich beide schließlich zu einer Blutuntersuchung überreden ließen.

Für die eingefleischten Hauserianer war das Ergebnis dieser Analyse niederschmetternd. Am 23.11.1996 mussten sie erfahren, dass die Gen-Kurven der beiden vornehmen Damen geradezu identisch waren; das Blut aus der Hauserschen Unterhose jedoch zeigte ein völlig anderes Muster. Aus der Traum vom Hauserschen Adel.

Nichts war's mit der weitverbreiteten Theorie, er sei einem Erbfolgekomplott zum Opfer gefallen. Dennoch ist das Interesse am Mythos Kaspar Hauser ungebrochen. Tausende wallfahren nach wie vor auf seinen Spuren nach Ansbach. Und schon ist der Kampfgeist der Hauserianer von neuem erwacht. Der Gen-Test, meinen sie, beweise im Grunde überhaupt nichts. Schließlich sei Kaspar in die Brust gestochen worden. Was wolle man da mit seiner Unterhose? Da wäre das Hemd doch viel beweiskräftiger. Und das sei aber auf ungeklärte Weise abhanden gekommen.

Auf viele Fragen kann man wie Kaspar Hauser auch weiterhin nur antworten: "Weiß ich nicht." Das Rätsel bleibt ungelöst. Muss es wohl auch. Wie sonst sollte sich die Summe von einer Million Mark rentieren, die die Stadt Ansbach zum Gedenken an ihren berühmtesten Bürger investierte?

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