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Kalenderblattvom 19. Mai 2000
19.05.1771: zurück weiter
Rahel Varnhagen wird geboren
Autor: Herbert Becker
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Doch, die Emanzipation der Frau hat in den letzten paar Jahrzehnten deutliche Fortschritte gemacht. Nirgendwo wird das klarer als im Fernsehen. Man denke nur an all die Moderatorinnen die uns da mit Fragen unserer Zeit konfrontieren, und an die vielen Talk-Masterinnen, die uns bei so brisanten - und grad für die Emanzipation so wichtigen - Themen weiterhelfen wie "Er schlägt mich, doch ich liebe ihn", "Hilfe, mein Busen ist ihm zu klein" und dergleichen. Welche Voraussetzungen muss so eine Kommunikationskünstlerin eigentlich mitbringen? Ein abgeschlossenes geisteswissenschafliches Studium ist sicher nicht zwingend erforderlich. Auf den Mund gefallen darf sie natürlich nicht sein, klar. Und: Sie muss was gleichschauen. Eine pummelige, unproportionierte Person in schlecht sitzenden Klamotten kommt von vorn herein nicht in Frage.

Genau so aber wird uns eine Frau beschrieben, die Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschlands Gelehrtenkreisen von sich reden machte - und zwar als ... tja ... als Kommunikatorin, wie man heute, im Medien-Zeitalter vielleicht sagen würde. Einen "Menschenmagneten" nannten sie ihre Bewunderer von damals. Ihr Name war Rahel Varnhagen.

Am 19. Mai 1771 kam sie zur Welt - und zwar als Tochter eines jüdischen Bankiers. Das allein war ein schweres Schicksal, denn als Frau und noch dazu als Jüdin war sie von vorn herein unterprivilegiert. Außerdem litt sie darunter, dass sie, wie sie selber sagte, "keinen hübschen Zug im Gesichte" trug. Ihr Leben lang war sie von Selbstzweifeln geplagt - und doch waren alle, die ihr begegneten, hingerissen. Franz Grillparzer zum Beispiel. Der Dichter, ein nörglerischer, häufig übellauniger Mensch, war während eines Besuches in Berlin von seinem Freund, dem Legationsrat Karl August Varnhagen von Ense in dessen Wohnung eingeladen worden. Er hatte keine Lust darauf, einer Dame vorgestellt zu werden, aber es ließ sich nicht vermeiden - Grillparzer musste Frau Varnhagen begrüßen. "Nun fing aber", schrieb er später in seiner Autobiografie, "die alternde, vielleicht nie hübsche, von Krankheit zusammengekrümmte, etwas einer Fee, um nicht zu sagen einer Hexe ähnliche Frau zu sprechen an, und ich war bezaubert. Meine Müdigkeit verflog oder machte vielmehr einer Trunkenheit Platz. Sie sprach bis gegen Mitternacht, und ich weiß nicht mehr, haben sie mich fortgetrieben, oder ging ich von selbst fort. Ich habe nie in meinem Leben interessanter und besser reden gehört."

Grillparzer war nicht der einzige, der solche Lobeshymnen auf Rahel sang. Jean Paul sagte, sie sei die einzige Frau, bei der er "ächten Humor gefunden" habe, und Heinrich Heine nannte sie gar "die geistreichste Frau des Universums". In ihren "Salons" - der erste war überhaupt nur ein Dachstübchen, der zweite zwar etwas komfortabler, aber ebenfalls betont schlicht ausgestattet - gingen die illustersten Persönlichkeiten ihrer Zeit ein und aus: Die Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt, der Gartenbauarchitekt Fürst Hermann von Pückler-Muskau, der Historiker Leopold Ranke, der Schriftsteller und Shakespeare-Übersetzer Friedrich Schlegel, die Dichterin Bettine von Arnim, der Theologe Friedrich Schleiermacher, der Preußenprinz Louis Ferdinand, und viele andere. Bei Rahel Varnhagen trafen sich Künstler und Literaten, Diplomaten und Wissenschaftler, es trafen sich Romantik und Aufklärung. Man diskutierte über Gott und die Welt, und konnte man nicht beisammen sein, schrieb man sich Briefe.

Briefe! Für Rahel waren sie das wichtigste Medium der Auseinandersetzung mit den Themen ihrer Zeit. Mit ihrem scharfem Verstand und einer Sprache voll poetischer Kraft erhob sie den Brief zum literarischen Kunstwerk. Die größten Anliegen waren ihr die Gleichberechtigung der Juden und die Rechte der Frauen.

Gelegentlich wird gesagt, dass heute jeder ihren Namen kennen würde, wenn sie ein Mann gewesen wäre. Kann gut sein. Wirklich interessant zu wissen aber wäre, welchen Bekanntheitsgrad sie hätte, würde sie heute leben. Daran ließe sich vieles ablesen - vor allem der tatsächliche Stand der Emanzipation.

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