Ja, stimmt genau. London hat wirklich von allem etwas. Von manchem vielleicht eher zu viel. Nein, wir meinen jetzt nicht diese mit Sägespänen gefüllten Frühstückswürstchen. Wir meinen auch nicht die allgegenwärtigen Telefonhäuschen der British Telecom - so bizarr hässlich, dass, wie einmal überdeutlich aber wahr ausgedrückt, "den Vandalen schon die ganze Arbeit abgenommen wurde. Sie brauchen nur noch hineinzupinkeln." Nein, nein, meinen wir nicht.
Wir meinen vielmehr den Londoner Nebel. Kann gut sein, dass Mailand noch längeren, noch dichteren kennt - eines aber ist der Nebel von London bestimmt: tödlicher. Hat damit zu tun, dass das Meer rund um England wie eine Art Ringstraße funktioniert - und so kam seit dem 17. Jahrhundert die Kohle aus dem Norden schnell und billig nach London. Zum Nutzen der Gewerbe, die viel Energie brauchen: Bäcker, Bierbrauer, Seifensieder und Eisenschmelzer. Sie alle zog es in die Metropole. So entstand im Winter, wenn auch die privaten Haushalte kräftig nachlegten, jene berüchtigte Wolke aus Steinkohlerauch, Ruß, Nebel und Niesel, die sich erstickend über die ganze Stadt legte. Über das feine Mayfair ebenso wie über das noch feinere Belgravia oder das nicht so feine East End.
Natürlich, dem Nebel ließ sich auch allerhand abgewinnen. Feinsinnige Menschen haben seine Farbe verglichen mit der von altem Madeira-Wein; seinen Geruch gepriesen als "eine Freude für die Nüstern" und "reichsten aller Düfte", und wie romantisch war es, sich in seinem alles verhüllenden, alles verzaubernden Schutz vom Lichtkreis einer Laterne voranzutasten bis in den Lichtschein der nächsten - besonders wenn man zu zweit war - , die Freundschaft gerade mit Austern und Bier gestärkt hatte und wusste, dass garantiert niemand den 7-Sekunden-Kuss an der Haustür beobachten würde.
Zauberisch, romantisch - es war aber auch unheimlich, wie der Nebel die Stadt in eine fahl beleuchtete Welt der Schatten verwandelte. Schatten, die womöglich ein Messer unter dem Mantel trugen, solide gefertigt aus dem guten Stahl von Sheffield mit zart eingeschliffener Blutrinne. Doch ein Killer noch ganz anderer Art war unterwegs in Londons verwinkelten Straßen und Gassen - mit mehr auf dem Kerbholz als alle Jack the Rippers zusammen - und nicht zu fassen, weder von Scotland Yard noch von Sherlock Holmes, Dr. Watson & Co., das war der Nebel selber, der Killer Nummer Eins der Stadt, dem allein in der Woche bis zum 7. Februar 1880 an die 2000 Menschen hustend und erstickend zum Opfer fielen.
Es war nicht die einzige Katastrophe dieser Art. Sie wiederholte sich nahezu regelmäßig - bis dann Jahrzehnte später die so genannten "Clear Air Acts" kamen, rigorose Gesetze, die alle Betriebe zu Filteranlagen verpflichteten. Und so hat London zu Big Ben und Harrod's, zum Hyde Park und den Spice Girls, zu Frühstückswürstchen und den Wundern der British Telecom - heutzutage auch das noch: im Winter manchmal einen blassblauen Himmel über all seinen Kaminen.