24.06.2003
Das Kalenderblatt in Bayern2Radio
Harry Partch geboren (24.06.1901)
Autor: Xaver Frühbeis
Redaktion: Renate von WalterEnde der 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts erwartete die Besucher eines Anwesens in San Diego, Kalifornien, an der Tür ein Schild: "Vorsicht! Der Bewohner ist ein ungläubiger Chinese. Hinter dieser Tür warten die Witwe des Kaisers und ein zweiter Boxeraufstand. Bitte nicht stören! Besuche von Missionaren auf gar keinen Fall zwischen elf und zwei!"
Hinter dieser Tür wohnte ein alter Mann namens Harry Partch. Harry Partch war Komponist. Allerdings komponierte er seltsame Musik. Musik, die man nur auf seinen eigenen, selbst erfundenen und selbst gebauten Musikinstrumenten aufführen konnte. Weil Partch unsere gemeinhin gebräuchliche zwölfstufige Tonleiter nicht mochte, hatte er eine eigene Tonleiter mit 43 Tonschritten erfunden. Allerdings konnte er diese Musik auf keinem Instrument der Welt aufführen. Also baute Partch vollkommen neue Instrumente, über fünfzig unwiederbringliche Unikate mit fantasievollen Namen: "Blue Rainbow", "Diamond Marimba", "Chromelodeon". Der Knabe Harry Partch erblickt das Licht der Welt am 24. Juni 1901 in Kalifornien. Seine Eltern, ein Missionarsehepaar, sind gerade aus China zurückgekehrt. Der Vater sammelt Musikinstrumente, der junge Harry studiert die Musik der einheimischen Indianer und hört Edison-Phonographwalzen: Mit 14 fängt er an zu komponieren, mit 22 gibt es Klavierkonzerte und Streichquartette, mit 28 verbrennt er alles und beschließt, etwas völlig Neues zu machen. Doch zuvor trifft ihn die Weltwirtschaftskrise. Acht Jahre lang ist Harry Partch als Landstreicher unterwegs, entlang der Eisenbahnschienen, vorzugsweise unter Lebensgefahr zwischen den Achsen der Wagons liegend. Harry Partch wird zum Hobo, ein Aussenseiter der Gesellschaft, mittellos und ohne festen Wohnsitz.
"Ich arbeitete als Tellerwäscher, als Gepäckträger, Stallknecht und Baumwollpflücker. Es war eine schreckliche Zeit. Aber ich schlief draußen in den Feldern, und die Hobos waren meine Freunde. Und meine Musik hatte ich dabei, wohin ich auch ging: in meinem Hobo-Bündel." In dieser harten Zeit schreibt Harry Partch an seinem Lebenswerk, einem dicken musikwissenschaftlichen Buch, handelnd von Entstehung und Theorie seiner selbsterfundenen Musik. 1943 erhält der Eisenbahntramp und Komponist Harry Partch zum ersten Mal finanzielle Unterstützung. Ein Guggenheim-Stipendium erlaubt ihm, seinen Instrumentenpark zu bauen. Fast 20 Jahre lang lebt Partch hauptsächlich vom spärlichen Erlös seiner Schallplatten, die er eigenhändig per Post verschickt. In den 60er-Jahren schließlich wird die Musikmäzenin Betty Freeman auf Partch aufmerksam.
"Ich bin seither nie wieder so einem Menschen begegnet. Partch war ein absolut eigenständiger Denker, und das färbte ab. Es gibt nicht viele Menschen, die einen zum selbstständigen Denken anregen. Als schlimmste Untat in der Musikgeschichte bezeichnete er das „Wohltemperierte Klavier“ von Johann Sebastian Bach." Ein halbes Jahr, bevor Partch starb, sagte ein Freund:
"Er hat es niemandem leicht gemacht, weder sich noch anderen. So was hat ihn nie interessiert. Sogar jetzt, wo sich halb Amerika um ihn kümmert, schert er sich einen Dreck drum!"
Und als man ihn nach einem Faktor fragte, der sein Lebenswerk entscheidend geprägt hatte, da sagte Partch nur ein einziges Wort: Einsamkeit.© Bayerischer Rundfunk 2003