"Als ich im Winter 1896 geboren wurde, war der Rhein, so erzählt man,
zugefroren, so fest, dass zu Silvester bei Fackelschein auf seiner Mitte getanzt
wurde und dass später der Mainzer Fastnachtszug über ich ging. Es war
Sonntagabend, drei Tage nach Weihnachten, als ich in dem rheinhessischen
Dörfchen Nackenheim zur Welt kam, in dem mein Vater eine kleine Fabrik für
Weinflaschenkapseln betrieb."
Heimat war um ihn, sein Leben lang, und das dauerte immerhin 80 Jahre und
führte ihn nach Berlin, dann ins Salzburgische, in die USA und endlich in die
Schweiz, doch überall war er der Naturbursche, warmherzig wie ein
Tierdoktor, kräftig wie ein Holzfäller - und er liebte die Menschen wie die
Tiere, seine Farm in den grünen Bergen von Vermont, nahe der kanadischen
Grenze wie das mächtige, holzummantelte in Saas-Fe, im Wallis-Hochgebirg:
"Dass ich mich hierher zurückgezogen habe, ist keine Weltflucht. Nirgends
fühle ich mich so sehr inmitten der lebendigen Welt."
Die "lebendige Welt"- das war ihm Bruder Baum und Schwester Katze, waren
die Handwerker, seine Tochter Winnetou, seine Frau Alice, war Sonntagsbraten
und Rotwein am Abend, war Dichten und Hühnerfüttern und Wandern und
Dachausbessern.
"Ich hänge an dem, was mir Heim und Heimat heißt, wie die Katze am Haus.
Ich bin sesshaft, aber mir fehlt das Sitzfleisch. Und öfters habe ich das Gefühl
von einer persönlichen Verwandtschaft mit dem Geschlecht der Pferde. (...) Das
Anschauen der Natur lehrt uns die gelassene Verehrung und die liebende
Hingabe an alles Sein, das Leben und Tod umschließt."
Ein naturgläubiger Heimatschriftsteller, katholisch, aus dem trinkfesten
Rheinhessen, mit seinem Theaterstück über diese Gegend und ihre derben,
dampfenden Sitten, wurde er über Nacht berühmt: "Der fröhliche Weinberg"
wurde das meistgespielte Stück der Weimarer Republik, eine Saft- und
Kraftkomödie, deren Uraufführung, zwei Tage vor Weihnachten 1925, das Ende
des Expressionismus markiert, die "saukomische" Alternative zum Schrei- und
Anklagetheater. Ein Aufatmen, ein Auflachen brach sich Bann:
"Ich verderbe den Spaß nicht. Warum? Weil er das Theater heute vielleicht vor
dem hemmungslosen Literatenmist rettet: vor der anspruchsvollen Unmacht, vor
dem sabbernden Chaos."
...befand der Kritiker Alfred Kerr, bloß den Nazis war selbst dieses krachende
Volksstück wieder nicht recht, in dem natürlich auch ein deutschnationaler
Saufidiot vorkam. Der "Völkische Beobachter" in München schäumte:
"Das Ganze ist eine geist- und witzlose Schweinerei. Import aus Berlin! Was
kann aus Berlin Gutes kommen? Dem ärgsten Judennest Europas."
Mit Berlin und also mit Asphaltliteratur hatten Carl Zuckmayer und sein mehr
als fröhlicher Weinberg mitsamt seinen Lieder und Misthaufen schon überhaupt
nichts zu tun, und genauso wenig sein nächstes Stück über den
Räuberhauptmann Schinderhannes oder das folgende über eine Zirkusfamilie
"Katharina Knie". Der "Hauptmann von Köpenick" immerhin spielte dann in
der Großstadt, aber doch unter kleinen Leuten, in Zilles Milljöh sozusagen näher
am Volk gings ja kaum. Es war alles egal: die Nazi-Schläger hatten ihn auf dem
Kieker und sobald sie konnten, bürgerten sie den undeutschen Schmieranten
Zuckmayer aus seiner Heimat aus, und so ging er, mit Familie, Hund und dem
Eisernen Kreuz 1. und 2. Klasse samt hessischer Tapferkeitsmedaille nach
Amerika und dachte beim Holzhacken in den Bergen über sein Vaterland nach,
wo jetzt in alle Richtungen geschossen und gesiegt und dann zerbombt wurde.
Selbst hier, zwischen amerikanischen Farmern und Trappern, arbeitete er schon
1942 über ein deutsches Gegenwartsproblem: über Schuld und Verführbarkeit
durch die Macht. Aber er machte das Thema nicht an dem Theaterstar Gustaf
Gründgens fest, wie Klaus Mann, der ihm den "Mephisto" gewidmet hatte,
sondern Zuckmayer verbiss sich im Schicksal seines Freundes Ernst Udet, mit
dem er einst in Berlin so viele Abende durchgetrunken hatte und der, als
"Generalluftzeugmeister" des Dritten Reiches so plötzlich verunglückt und per
Staatsbegräbnis beerdigt worden war. Ein Attentat oder Selbstmord oder
Sabotage? Was war da passiert mit Udet, in Udet?
"Ich fragte mich, wie wäre dein eigenes Verhalten, dein eigenes Los, mit deinem
Naturell, Temperament, Leichtsinn, hättest du nicht das Glück einer
"nichtarischen" Großmutter und stündest mitten drin!"
Daraus entstand "Des Teufels General", und als er 1947 aufgeführt wurde, gab's
einen ziemlichen Radau, dass einer derart viel Verständnis für die Nazizeit
aufbrachte. Verständnis nicht Anerkenntnis.