Also, die Schuhe, jeden Tag neue. Die getragenen bekamen die Kammerfrauen. Ein Paar rotseidene, prächtig bestickt, aus dem Besitz der Fürstin lässt sich noch heute bestaunen. Anna Amalias Gang, so schwärmt ein Zeitgenosse, war ein Wandeln, "und die Treppen stieg sie hinauf leicht und sicher trotz Stöckelschühchen." Leichtigkeit und Sicherheit waren hart erarbeitet, von Kindesbeinen an. Das Leben einer Rokokoprinzessin war geprägt von Disziplin, Gottesfurcht und Gehorsam. "Nicht geliebt von meinen Eltern," erinnert sich die 33Jährige, "immer zurückgesetzt, meinen Geschwistern in allen Stücken nachgesetzt, nannte man mich den Ausschuss der Natur." Mädchen galten nicht viel in dieser Zeit.
"Ein feines Gespür...machte, dass ich sehr empfindlich die harte Begegnung fühlte. Es brachte mich öfters zur Verzweiflung sogar, dass ich mir einmal das Leben nehmen wollte. Durch diese harte Unterdrückung zog ich mich ganz in mich selbst...ich bekam eine gewisse Standhaftigkeit, die bis zum Starrsin ausbrach.(Ich ließ mich mit Geduld schimpfen und schlagen, und that doch so viel wie möglich nach meinem Sinn.)" Individualität, persönliche Wünsche und Ziele, eigene Glücksvorstellungen wurden bei der Erziehung nicht berücksichtigt. Die Regeln des höfischen Zeremoniells, Französisch, Musik, Tanz und die Fächersprache mussten gelernt werden. Darüberhinaus galt der Braunschweiger Hof als geistiges und musisches Zentrum. Eine Mitgift der besonderen Art, wie sich herausstellen wird.
Knapp 16, wird Anna Amalia mit dem 18jährigen Herzog Ernst August Constantin von Sachsen-Weimar-Eisenach vermählt, ein zarter kränkelnder Gatte, kein Haudegen und Fremdgänger. Eine gute Partie, befindet die Familie, angesichts der Tatsache, dass die Prinzessin keine Schönheit war. Die Residenzstadt Weimar ist ein armes Nest, Schlamm und Unrat auf den Straßen, strohgedeckte Häuser. Die Untertanen ziehen zum Empfang des Paares das einzige heile Hemd an, was sie besitzen. Die Bettler sind von der Straße verbannt.
"Die erste und reichste Freude" für Anna Amalia, die Geburt des Stammhalters Carl August. Bei der Geburt des zweiten Sohnes, Constantin, ist sie bereits Witwe. "In meinem 18ten Jahre, fing die größte Epoche meines Lebens an... die schnellen Veränderungen machten einen solchen Tumult in meiner Seele, dass ich nicht zu mir selber kommen konnte." Sie ist Obervormünderin ihrer Söhne und Regentin.
Menuett tanzen hatte sie gelernt, regieren nicht. Sie fühlt sich überfordert, untüchtig, wie gelähmt und spricht von Zeiten "des Nebels und der Finsterniß." Dann besinnt sie sich auf ihre Chance, "unabhängig schalten und walten zu können." Natürlich braucht sie zuverlässige Ratgeber, ihr Vater ist auch dabei. Doch die Hauptlast trägt sie. Tag und Nacht studiert sie Akten, Erlasse und Verordnungen, um sich in die Materie einzuarbeiten. Zudem ist Krieg. Anna Amalia muss alle Register ziehen, um vom Onkel - Friedrich dem Großen - nicht untergebuttert zu werden. Sie behält nicht nur den Überblick über die Finanzen, sondern kümmert sich auch um das Sozialwesen, fördert die Künste und Wissenschaften. Wo das Geld nicht reicht, greift sie in ihre Privatschatulle. Den Bürgern ermöglicht sie den kostenlosen Besuch des Theaters und öffnet ihnen ihre Bibliothek. Sie gründet eine Feuerversicherung und sorgt für die Verbesserung des Geburtswesens.
("Da ich unter anhoffendem göttlichen Beistand und Segen...die Regierung dieses Landes angetreten habe, um sie zum Nutzen und Bestand meiner unmündigen Prinzen und deren Land zu führen, so bin ich...der mir obliegenden schweren Verantwortung eingedenk.") Zeit für die Kinder bleibt da kaum. Carl August und Constantin werden Hofmeistern anvertraut, die sie der Mutter entfremden. Erst mit Christoph Martin Wieland kann Anna Amalia ein Herz und eine Seele sein. Dessen Berufung gilt als die Geburtsstunde des Weimarer Musenhofes. Als der 18-jährige Carl August den jungen Goethe nach Weimar holt, ist Anna Amalia entzückt. Auch Goethe hängt zeitlebens an ihr. Die Fürstin weiß den genialen; bürgerlichen Draufgänger auch bei ihren pikierten Ministern durchzusetzen.
Mit der Regierungsübernahme des Sohnes beginnt für Anna Amalia der unbeschwertere Teil des Lebens. Im Liebhabertheater in Ettersburg und Tiefurt werkelt sie mit ihren Hofdamen und Goethe um die Wette, wenn es gilt, ein neues Stück auf die Bühne zu bringen. Und bei den Tafelrunden im Wittumspalais geht es recht lustig zu. Die großen Geister Wieland, Goethe, Herder, Schiller dichten, deklamieren, streiten, basteln und musizieren. Manchmal spielen sie auch Karten oder Blindekuh. Anna Amalia malt, schreibt, übersetzt und komponiert. Und steht ihren Söhnen mit Rat und Tat bei Seite, akzeptiert deren Macken und unstandesgemäßen Affairen samt Folgen.
(An den Sonntagen zeigt sie sich bei schönem Wetter mit ihrem Gefolge auf der Esplanade. Sie liebt die Bälle und Redouten. Langersehnter Höhepunkt: eine Reise nach Italien. Besonders der Vesuv hat es ihr angetan. Auch sie ist ja eine eigenwillige Erscheinung, temperamentvoll, impulsiv und bei aller Sensibilität und Zierlichkeit auch stark.)
Als Napoléon das alte Europa vernichtet, (Preußens Glanz und Gloria zerstört, das Herzotum ihrer Vorfahren, Braunschweig, auslöscht und die französischen Truppen auch Sachsen-Weimar-Eisenach bedrohen,) sinkt Anna Amalias Lebensmut.
Sie stirbt am 10. April 1807 in Weimar. "Das Sterbekleid war von weißem Atlas," der Mantel "von karmesinrothem Sammt mit Hermelin aufgeschlagen." - Von den Schuhen steht nichts geschrieben. - Wir aber denken, dass die Schuhnärrin Anna Amalia, ihren letzten Gang nicht barfuß angetreten haben wird.