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10.12.2009 |
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10.12.1799: |
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Frankreich bewahrt das Urmeter auf |
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Grämlich sah Karl der Große in seinen fränkischen Landen, wie jeder mit eigenen Maßen wog. Fasziniert von alter, römischer Präzision suchte er das Wiegen verbindlich festzulegen, und gab dafür das Pile de Charlemagne vor, zu Deutsch Stapel oder Block des Großen Karl. Richtig gewichtig wurde das Pile de Charlemagne nur in Frankreich und da sogar bis ins 18. Jahrhundert. Allerdings, und das war exakt, was der Karolinger Karl gerade vermeiden wollte, schwankte das Gewicht des Pile von Ort zu Ort und von Mal zu Mal zum Teil beträchtlich.
Also erging es dem Pile wie den vielen anderen Maßen und Gewichten in jenen langen vor-metrisch-finsteren Zeiten: Man maß nahezu von Dorf zu Dorf unterschiedlich, der Länge nach in Ellen, Spannen, Handbreit, Finger, Fuß, Doppelschritten und anderen Körpermaßen, ein Chaos also gemessener Maßlosigkeit. Immerhin vorteilhaft ausnahmsweise für die Kleinen, die als Verkäufer mit ihren Extremitäten messend kaum den Kürzeren zogen.
Gerechtigkeit ist eine ziemlich neue und teure Menschheitserfindung. Gerade gut 200 Jahre alt. Seit sie ein nicht nur abstrakter Begriff ist, schreit sie nach Vergleichbarkeit, Vereinheitlichung und Normierung. Der Meter musste her, dekretiert und eingeführt vom Terrorregime der Französischen Revolution. Wie passend. Vorbei das persönliche Ellen-, Fuß- und Handbreit-Maß, stattdessen nun ein abstrakt-einheitliches, gewissermaßen un-menschliches metrisches Maßsystem. Zuvor waren zwei Astronomen ausgeschickt worden, in der Geographie die unverrückbare Länge des Meters zu finden. Sie schritten den Längengrad zwischen Dünkirchen und Barcelona ab und vermaßen ihn. Astronomen sollten es sein, denn die waren der großen Zahlen mächtig. Die beiden brauchten Jahre, bis sie gemessen durch Stadt und Land, Gebirg und Tal, Wald und Sumpf geschritten waren, von Kirchturm zu Burgfried gepeilt hatten und am Ende auf gut 32 Millionen Kyrenaische Fuß gekommen waren. Das Ganze wurde nun durch zehn Millionen geteilt und das Ergebnis ein Meter genannt. Soweit die Rechnung.
Der Pariser Konvent war klug genug, es nicht dabei zu belassen, sondern in einem Gesetz festzulegen, dass dieser eine Meter als Urmeter zu gießen sei, und zwar in einem unbeugsamen, kaum schrumpfenden oder sich streckenden Platinlineal mit kreuzförmigem Querschnitt. Dieses urmetrische Gesetz wurde am 10. Dezember 1799 verabschiedet.
Die Pariser Ordre erwies sich als eine geradezu weitreichende Prophetie. Das metrische System hat es sich in vielen Köpfen so bequem eingerichtet, dass die folgsamen Neuronen bei allem nur noch gelten lassen, was eben mess- und zählbar zu sein scheint. War nun der Geist des Zählens und Messens erst aus der Flasche der Rationalität, ließ er sich nicht mehr einfangen. Natürlich gab man sich seit dem Pariser Gesetz nicht mehr mit einer Bruchzahl in Kyrenaischem Fuß zufrieden. Heute hat als ein Meter jene Strecke zu gelten, die das Licht im Vakuum in 1:299.792.458 Sekunden durchläuft. Daneben muss einem der Kyrenaische Fuß geradezu unmäßig vorkommen. Handlich muss diese Lichtgestalt von Meter ja nicht sein, uns Laien genügt ein vages Gefühl, um uns instinktiv auf die soziale Distanz von einem Meter zum Nächsten zu halten.
Das Urmeter wird aller inzwischen erreichten Altertümlichkeit zum Trotz immer noch in Paris verwahrt. Der Siegeszug des metrischen Systems hat allerdings, was manche für tröstlich halten, im Angloamerikanischen immer noch nicht jedes Dorf erreicht. Und so kommt es, dass gelegentlich für teuer Geld ein Satellit ins All geschossen wird und dort in der Weite des Weltraums ziel- und besinnungslos herumtrudelt. Der Grund: Die eine Software rechnet in Metern, die andere in Inches, und der kosmischen Erdbegleiter ist ganz wirr im Kopf. Eine kleine Ehrenrettung des Ungefähren in einer Welt, in der sonst nach wie vor der Geist des Großen Karl weht.
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