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Johannes Calvin – Der Genfer Reformator
Hintergrund
Lichtgestalt mit Schattenseiten Leben und Lehre
Das Umfeld Das Gedankengebäude
Das Genfer Experiment Der Fall Servet
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Lichtgestalt mit Schattenseiten

"Wie durch einen plötzlichen Lichtstrahl erkannte ich, in welchem Abgrund von Irrtümern ich mich befunden hatte. So tat ich, o Herr, was meine Pflicht war und begab mich, erschreckt und mit Tränen mein früheres Leben verdammend, auf deinen Weg" – so umschreibt Johannes Calvin sein Erweckungserlebnis zum reformierten Glauben in einem Brief aus dem Jahr 1539. Seine Bekehrung lag da bereits ein halbes Jahrzehnt zurück und obwohl Calvin gerade erst 30 Jahre alt war, hatte sein Leben schon viele Wendungen genommen: aus dem Gefühl der Geborgenheit in der katholischen Kirche war Abkehr geworden, er hatte – teils unter dramatischen Umständen – fliehen müssen, seine ersten Schriften waren erschienen und das ungeheure Talent als Prediger bescherte dem schmächtigen Mann ein immer größer werdendes Publikum. Bis heute faszinieren vor allem die Gegensätze des Johannes Calvin: die Ernsthaftigkeit und Bescheidenheit mit der er die Reformation lebte, der Eifer und die Unerbittlichkeit, mit der er andere unter einen Glauben zwingen wollte, der doch "Von der Freiheit eines Christenmenschen" (so der Titel einer Luther-Schrift) ausgeht.

 
Leben und Lehre

Calvin wird als Jean Cauvin am 10. Juli 1509 in Noyon geboren und wächst im Schatten der Kathedrale auf. Seine streng katholische Mutter stirbt, als er fünf Jahre alt ist. Der begabte Junge besucht die Lateinschule und erhält ab 1521 ein Viertel der Einkünfte eines Kaplans als Pfründe zur Finanzierung seines Studiums. Zunächst studiert Calvin die sogenannten sieben klassischen Künste ("septem artes liberales"), nach kurzer Zeit wendet er sich auf Druck des Domkapitels von Noyon der Theologie zu. Ob diese Einmischung Einfluss auf seine Abkehr vom Katholizismus gehabt hat? Klar ist jedenfalls, dass Calvin auf Wunsch des Vaters ab 1528 in Orléans ein Jura-Studium beginnt. Wegen einer Erbschaftsfrage war Vater Cauvin so gründlich mit Noyons Domkapitel aneinander geraten, dass der so genannte kleine Kirchenbann über ihn verhängt wurde. Als Gerard Cauvin 1531 starb, verweigerte man dem langjährigen Kirchenmitarbeiter die Totenmesse – ein schwerer Schlag für den Sohn. Zugleich wachsen Calvins Zweifel, ob er mit seinem Glauben vor Gott bestehen könne: "Sooft ich mich nämlich in mich vertiefte oder das Herz zu Dir erhob, erfasste mich eine wahnsinnige Angst, von der mich keine Sühnemittelchen und keine Bußwerke heilen konnten. Inzwischen trat eine erheblich hiervon abweichende Form der Lehre ans Licht, die uns zwar nicht vom christlichen Herkommen abbrachte, sondern die uns zu seiner Quelle zurückleitete. Sie gab der Heilslehre wie einer vom Schlamm gereinigten Gestalt die ursprüngliche Gestalt wieder", schrieb Calvin.

Schon in Orléans war er über den Griechischlehrer und Humanisten Melchior Volmar in Berührung mit Luthers Überzeugung gekommen, dass allein der Glaube ("sola fide") und Gottes Gnade zum Seelenheil führten. Vom Züricher Reformator Huldrych Zwingli übernahm Calvin die Überzeugung eines "Gnadenbundes" zwischen Gott und seinem Volk. Im Mittelpunkt seines Glaubens stand für Calvin die Beschäftigung mit der Heiligen Schrift, deren Bücher des Alten wie des Neuen Testaments inspiriert vom Heiligen Geist geschrieben worden seien. Trotz der Unfehlbarkeit ihrer Inhalte, sei die Bibel doch von fehlbaren Menschen verfasst. Hier setzt Calvins Exegese an. In mehr als 30 Bänden legt er den Sinn der Bibeltexte frei und schafft damit die geistigen Grundlagen des Calvinismus.

 
Das Umfeld

Die Widerstände gegen die Reformation waren massiv: nicht nur von Seiten der katholischen Kirche, die ihren Anspruch auf den rechten Glauben einbüßte und der die Anhänger scharenweise davonliefen. Auch viele Fürsten und Könige fürchteten um ihre Anerkennung als von Gott eingesetzte Obrigkeit. Denn nach Calvins Prädestinationslehre müssen sich die Mächtigen für die verliehene Macht rechtfertigen. Wer als Tyrann regiert, verwirkt seinen Herrschaftsanspruch. Die Ideen enthalten sozialrevolutionären Sprengstoff: Sie stärken die Position des Bürgers und Untertanen, weil sie ihm die Verantwortung für sein Leben zurück übertragen. Und es ist von "Rettern" die Rede, die das "unterdrückte Volk aus Elend und Qual befreien".
Ein erster Schritt zu dieser Befreiung war, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Dazu gehört Mut und Überzeugung – Eigenschaften, mit denen Calvin trotz seiner "linkischen Natur" (so ein Selbstzeugnis) gesegnet war. Mehrfach geriet er in ernsten Konflikt mit den Mächtigen, zum Beispiel im Jahr 1533, als sein Freund Nikolaus Cop zum Rektor der Pariser Universität berufen wurde. Cop und Calvin formulierten eine Antrittsrede, die Luthers Lehren gegen die gängige Scholastik in Schutz nahmen. Die Rede löste einen Tumult aus: die Freunde gelangten über zusammengeknotete Leintücher ins Freie. Calvin musste aus Paris fliehen und gelangte nach Strassburg und Basel. Dort konnte er seiner, neben dem Predigen, zweiten Leidenschaft nachgehen: dem Schreiben.

 
Das Gedankengebäude

Unter den vielen Schriften, die Calvin verfasst hat, darunter mehr als 2.000 Predigten, Bibelauslegungen und Hunderte Briefe, ragt die "Instititutio christianae religionis" heraus. Dieser "Unterricht in der christlichen Religion" erschien zuerst 1536, doch hat Calvin sein Lehrbuch bis zum Ende seines Lebens ständig fortgeschrieben und umgearbeitet. Die "Institutio" gliedert sich in vier Teile. Das erste Buch mit dem Titel "Von der Erkenntnis Gottes als des Schöpfers" handelt von der wichtigen Rolle der Bibel als "Leiter und Lehrer" des Menschen in der Gottes- und Selbsterkenntnis. Beide Vorgänge stehen in Beziehung zueinander und eröffnen die Möglichkeit der persönlichen Entwicklung. Im zweiten Teil ("Von der Erkenntnis Gottes als des Erlösers in Christo") geht es um die Erlösung. Aus eigener Kraft kann der Sünder keine Erlösung erlangen, erst durch Jesus Christus als Mittler findet er Gnade. Im dritten Buch stehen Glaubensfragen im Mittelpunkt: Was sind gute Werke, wie sollen wir beten, was bedeutet die Erwählung, kann es eine Rechtfertigung geben? Die Kirche, ihre Ämter und Mitarbeiter, Organisation und Autorität, ist Thema des letzten Teils, hier geht es auch um das Verhältnis von Kirche und Staat.

Den größten Widerspruch hat Calvins Prädestinationslehre hervorgerufen. Die Annahme, manchen Menschen sei das Heil sicher, während anderen die Verdammnis von Geburt an vorherbestimmt sei, stieß auf Kritik. Gott wäre damit der Urheber der Sünde und der Mensch aus der Verantwortung entlassen, so lautet der Vorwurf. Dagegen halten Calvinisten, dass Gott nicht zum Schlechten prädestiniert, sondern der Mensch durch eigenes Verschulden sündig wird. Zwar hätte er durch seine Unwürdigkeit den Tod verdient, doch retten ihn Gottes Liebe und Christi Fürsprache aus dieser Lage. Befreit von den Zwängen und Ängsten katholischer Glaubensauslegung und diszipliniert durch die strenge Genfer Moral und Kirchenzucht, zeichnet die "durch die reformierte Prädestinationslehre beeinflussten Gesellschaften eine bemerkenswert innovative, schöpferische, kluge und gewerbliche Betriebsamkeit" aus, so Léopold Schümmer. Die Geschäftigkeit, die dem Calvinisten manchmal zum Vorwurf gemacht wird, erscheint aus dieser Perspektive nur als Spielart der lutherischen "Freiheit eines Christenmenschen". Erst 350 Jahre nach dem Wirken des Reformators hat der Soziologe Max Weber das calvinistische Arbeitsethos als Grundlage des kapitalistischen Gewinnstrebens erkannt.

 
Das Genfer Experiment

Als Calvin 1536 das erste Mal Genf betrat, war er nur auf der Durchreise. Sein Ziel hieß Strassburg und dass er es nicht erreichte, lag an den Überredungskünsten des Predigers Guillaume Farel. Der Reformator fühlte sich mit der Neuorganisation der Kirche in der selbstbewussten Stadt überfordert. Er brauchte Ideen, um den neuen Glauben unter den Bürgern populär und wirksam zu machen: Calvin lieferte sie ihm. Zum Bleiben überredet, macht sich Calvin daran, das Verhältnis zwischen Kirche und Stadt neu zu bestimmen, das Rechtssystem zu erneuern und das Wohlfahrtswesen zu reformieren. Schließlich entwarf er ein Glaubensbekenntnis, das alle Genfer unterschreiben sollten. Der Wortlaut war für die katholischen Bürger ein Affront – hinzu kam eine Auseinandersetzung über die Osterpredigt. Nach zwei Jahren schien das Kapitel Genf beendet: Calvin verlässt 1538 die Stadt im Streit.

Dafür beginnt für Calvin als Prediger der Flüchtlingsgemeinde in Strassburg ein neuer Lebensabschnitt: Mit 31 Jahren heiratet er Idelette de Bure, die mit ihrem Mann Jean Stordeur 1538 zur Flüchtlingsgemeinde gehörte. Nachdem ihr Mann 1540 an der Pest gestorben war, vermittelte der Strassburger Reformator Martin Bucer die Ehe und Guilllaume Farel reiste aus Neuchâtel an, um das Paar zu trauen. Alles scheint bestens in Strassburg – bis die Hilferufe aus Genf immer lauter werden. Eine Delegation wird entsandt, Farel versucht sein Glück – es dauert länger als ein halbes Jahr, bis Calvin endlich zustimmt, wieder Genfer Boden zu betreten.

1541 beschließt der Genfer Stadtrat die von Calvin entworfene Kirchenordnung mit den vier Gemeindeämtern: Pastoren, Lehrer, Älteste und Diakone einzusetzen. Die Ältesten wirken als Bindeglieder zwischen Kirche und Stadtverwaltung. Ein Mittel zum Ziel der friedlich geeinten Gemeinde war die "Kirchenzucht". Darunter verstand Calvin praktische Maßnahmen, die den Zusammenhalt sicherstellen sollten. "Wie also die Heil bringende Lehre Christi die Seele der Kirche ist, so steht die Zucht in der Kirche an der Stelle der Sehnen: Sie bewirkt, dass die Glieder des Leibes, jedes an seinem Platz, miteinander verbunden leben "(Inistitutio IV, 12,1). Konkret sah diese Kirchenzucht, für den Finanzstandort Genf am Fallbeispiel einer Wuchernahme, so oder ähnlich aus: Beobachtete ein Gemeindemitglied eine überhöhte Zinsforderung, so konnte es den Wucherer zurechtweisen und auf eine Rücknahme drängen. Sollte der Geldeintreiber aber auf seinem Geschäft beharren, nahm sich der Kirchenrat der Sache an. Drei Strafmaßnahmen standen dem Konsistorium dann zur Verfügung: Ermahnung, Exkommunikation und Anzeige beim Genfer Stadtrat.

Ein System, das im besten Fall auf Anteilnahme und Diskretion baute, im schlechtesten auf Einmischung und Denunziation. Wie auch der ganze Mikrokosmos des Genfer Gottesstaates zwischen Paradies und Hölle auf Erden schwankt: bei freiwilliger Mitwirkung konnten die Bürger in Frieden leben und ungestört Geschäfte machen, bei schwächer entwickelter Moralität schlug die "Tyrannei der Tugend", so ein Buchtitel von Volker Reinhardt, mit aller Grausamkeit und Härte zu. Und der feinsinnige Gelehrte Calvin entwickelte sich zu dem, was er Herrschern ankreidete: zum Gewaltmenschen. Am Beispiel des Arztes Michael Servet tritt dieser Widerspruch scharf zutage.

 
Der Fall Servet

Ob sich in der Verbrennung des "Ketzers" Michael Servets ein Beleg für die Intoleranz und Inhumanität von Calvins Protestantismus finden lässt, ist bis heute umstritten. Zur Relativierung der Verbrechen der Inquisition eignet er sich sicher nicht. Tatsache ist, dass der Arzt Servet einer Art pantheistischem Glauben anhing, der mit den Inhalten der Reformation wenig zu tun hatte. Auch brüskierte Servet Calvin zwei Mal persönlich: 1534 versetzte er den jungen Gelehrten in Paris und kurz vor seinem Tod ironisierte er Calvins Werk "Institutio" mit der anonym herausgegebenen Schrift "Christianismi Restitutio", die Katholiken wie Protestanten herausforderte. Als Servet 1553 in Genf aufgegriffen wurde und sich weigerte zu widerrufen, verstößt er gegen die Kirchenzucht. Calvin plädiert für seinen Tod, wenn auch für den "humaneren" Tod durch Enthauptung. Am 27. Oktober 1553 wird Servet auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Die Hinrichtung Servets wirft bis heute einen Schatten auf das Bild Calvins, der doch so vielen Glaubensflüchtlingen eine geistige und geistliche Heimat in Genf geboten hatte. Erklärungen sind heute schwierig: Servets Tod müsse im Zusammenhang mit Calvins Bemühungen um eine Absicherung seiner Reformation in Genf gesehen werde, meint etwa der Historiker Christoph Strohm. Von innen, wie durch äußere Bedrohung war seine Autorität ständiger Unterwanderung ausgesetzt, auch sei es geltendes Recht gewesen, Gotteslästerer "an Leib, Leben oder Gliedern" zu bestrafen (Art. 106 der "Peinlichen Gerichtsordnung Karls V.). Sicher ist aber auch, dass Calvin bei dem forschen Theoretiker versäumt hat, worum es in vielen seiner Schriften geht – Gnade walten zu lassen.
Wie lange Calvin in Genf umstritten war, zeigt die Tatsache, dass er erst wenige Jahre vor seinem Tod die Bürgerrechte erhielt. Im gleichen Jahr, 1559, gründet er eine Akademie. Diese Hochschule des Calvinismus erweist sich als ein echter Segen: Unter der Leitung des Calvin-Schüler Theodor Beza wird die Genfer Akademie zum Magneten für Lehrende und Studenten – nach nur fünf Jahren sind es bereits 1500. Auch Calvin wird bis zu seinem Tod Vorlesungen halten. Er stirbt am 27. Mai 1564 und liegt auf dem Cimetière des Rois im Stadtviertel Plainpalais begraben.