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Die "Protokolle der Weisen von Zion" - Eine antisemitische Hetzschrift und die Folgen
Hintergrund
Der Beweis Die Verschwörung
Der Sündenbock Der Konflikt
Das Machwerk Die Folgen
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Der Beweis

Nicht wenige Neonazis, christliche und islamische Fundamentalisten, Palästinenser, ja: selbst manche esoterisch Bewegte glauben auch heute noch, hinter der Fassade unseres täglichen Lebens bestimme, als geheimes Räderwerk sozusagen, eine jüdische Verschwörerclique die Weltläufe. Einen scheinbaren Beleg dafür liefern die "Protokolle der Weisen von Zion". Kurz nach 1900 begleitete dieses Buch zuerst blutige Pogrome in Russland, inspirierte dann deutsche Nationalsozialisten – und beeinflusst heute noch Antisemiten in der ganzen Welt, vor allem in islamischen Ländern. In der Bundesrepublik Deutschland sind die "Protokolle" verboten.

 
Die Verschwörung

Es handelt sich dabei um die angebliche Wiedergabe von Ansprachen, die ein oder mehrere Ungenannte – Weise von Zion – vor einem Kreis Eingeweihter halten. Zion ist eine alte jüdische Bezeichnung für Jerusalem, die "Weisen von Zion" sind danach besonders einflussreiche Juden. Inhalt ihrer Ansprachen ist ein zynischer Plan zur Erringung der jüdischen Weltherrschaft – ein Vorhaben, das die Juden angeblich seit Jahrhunderten verfolgen. Als Mittel, zum Erfolg zu kommen, werden genannt: Freie Presse, Goldwährung und bestimmte Steuermaßnahmen, Liberalismus, Freimaurerlogen, Bestechung, Sprengstoffanschläge. All das sei geeignet, bestehende Staaten und Gesellschaften zu destabilisieren.

 
Der Sündenbock

Wie aber kommt es überhaupt zu so einem Traktat? Da gibt es zunächst eher allgemeine Voraussetzungen, die den modernen Antisemitismus überhaupt begründeten: Aufklärung und französische Revolution führten zunehmend zu liberalen und demokratischen Strömungen; die gleichzeitig sich entwickelnde industrielle Revolution vergrößerte die Bedeutung des Kapitals. Dies sowie die allgemeine Verstädterung begünstigten die outcasts von ehedem, die Juden, und führten diesen gegenüber zu Neid und Misstrauen. Die Juden waren seit jeher städtisch orientiert, mit Geldgeschäften vertraut, und unterstützten natürlich die aufklärerischen Ideen von Freiheit und Gleichheit, da sie nur so Hoffnung auf ihre Emanzipation haben konnten. Nicht von ungefähr galten sie also manchem als Repräsentanten der neuen Zeit. Das war nicht unproblematisch, da eben diese neue Zeit viele alte Lebensverhältnisse in Frage stellte – was zu Abwehrreaktionen führte.

 
Der Konflikt

Besonders heftig war der Zusammenstoß von Tradition und Moderne in Russland: Zunächst und vor allem verstand sich Russland als Bollwerk gegen westliche – und das meinte in russischer Perspektive damals: liberale – Ideen. Statt Demokratie oder auch nur konstitutioneller Monarchie: Autokratie des Zaren. Zwar lebten die meisten russischen Juden - fünf Millionen, schätzt man – unter armseligsten Verhältnissen und waren in ihren Rechten auf vielfältige Weise eingeschränkt, doch tobten russische Rechtsradikale vorzugsweise an ihnen ihre Wut über befürchtete oder allfällige Veränderungen aus, die die "neue Zeit" bringen mochte. Als Juden galten sie als potentielle Agenten der verhassten Moderne. Pogrome waren an der Tagesordnung – und wurden von den Behörden zumindest stillschweigend geduldet, wenn nicht gefördert; man hatte so ein Ventil für Tendenzen, die sich sonst leicht als Revolution gegen den Zaren hätten richten können.

 
Das Machwerk

Konkret entstanden die "Protokolle" nach allem, was man heute weiß, aber nicht in Russland, sondern in Paris, wo der Leiter der Europa-Abteilung des russischen Geheimdienstes, Pjotr Ratschkowskij, die Fäden zog. Er scheint einen seiner Mitarbeiter, Matwei Golowinski, herangezogen zu haben, um die "modernen Ideen" und mit ihnen die Juden durch eine Fälschung zu diskreditieren. Matwej Golowinski übernahm in der Nationalbibliothek aus einer Abhandlung eines französischen Autors zahlreiche Passagen, ergänzte sie, konstruierte andere Zusammenhänge und fabrizierte auf diese Weise die fatalen "Protokolle". Obwohl die Vorlage, Maurice Jolys "Dialogue aux Enfers entre Montesquieu et Machiavel", keineswegs jüdische Themen behandelt, betrifft die Übereinstimmung mit den "Protokollen" etwa zwei Fünftel von deren Text, und zwar so schlagend, dass keine Zweifel möglich sind. (Islamistische oder neonazistische Antisemiten versuchen heute die Unbestreitbarkeit dieser Tatsache zu parieren, indem sie behaupten, Maurice Joly sei selbst jüdischer Abstammung gewesen – was nicht stimmt und was selbst, wenn es der Fall wäre, das Argument nicht retten würde, da sein Buch ganz andere politische Ziele verfolgt). – Es gibt darüber hinaus noch andere Quellen der Protokolle, die der Einfachheit halber aber unerwähnt bleiben.

 
Die Folgen

Die Protokolle gelangten bald nach Russland, munitionierten dort die "Schwarzhundertschaften" – eine Art präfaschistischer Gruppierung, die mit dem Schlachtruf "Schlagt die Juden, rettet Russland" überall Pogrome anzettelte. Im russischen Bürgerkrieg 1918–20 fanden sich die Protokolle in den Tornistern der "weißen" Offiziere; wieder dienten sie zur Rechtfertigung von Pogromen, denen anscheinend Tausende zum Opfer fielen. In den USA nutzte Henry Ford die "Protokolle" zu einer antisemitischen Kampagne, in England veröffentlichte sie die Tageszeitung "Morning Post", in Deutschland dienten sie Alfred Rosenberg, dem Chefideologen der NSDAP, zum "Beweis". Walter Rathenau, der deutsche Außenminister, wurde erschossen, weil die rechtsradikalen Attentäter ihn für einen der "Weisen von Zion" hielten. Das Haus Hohenzollern finanzierte währenddessen eine Luxusausgabe. Hitler, verschlagener als seine Sympathisanten, zog in Erwägung, die "Protokolle" könnten gefälscht sein, ließ sich aber dadurch nicht weiter beirren: "Es ist ganz gleich, aus welchem Judenkopf diese Enthüllungen stammen, maßgebend ist, dass sie mit geradezu grauenerregender Sicherheit das Wesen und die Tätigkeit des Judenvolkes aufdecken." ("Mein Kampf").