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Heinrich Schliemann – Archäologe und Abenteurer
Hintergrund
Schliemann, der Phantast Sprachengenie, Selfmademan und Abenteurer
Leben mit Homer – zwischen Siedlungsschichten Nachruhm und Nachrede
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Schliemann, der Phantast

Das große Publikum hat Schliemann immer geliebt. Wie hatte es der Selfmademan der staubigen Fachwelt gezeigt! Unbeirrbar hatte er auf sich vertraut und auf seinen geliebten Homer. Einfach den Spaten hatte er gepackt und an der rechten Stelle gegraben. Und heureka! Troia tauchte auf, die verschwundene Heldenstadt Homers. Umso bezaubernder schien, dass er seine Großtat schon als Kind dem Vater gelobt hatte. Eines Tages, hatte der kleine Heinrich damals dem staunenden Papa versprochen, würde er Troia wieder finden.

Heute weiß man, dass Schliemann diese und andere Erinnerungen an eine Kindheit mit Homer frei erfunden hat, nachdem er Troia längst entdeckt hatte. Und auch sonst erfand Schliemann gerne biographische Episoden. So war er zwar tatsächlich während des großen Goldrauschs in Amerika. Aber nie hatte er unterwegs mit dem amerikanischen Präsidenten parliert, wie Schliemann es nach seiner Rückkehr beschrieb.

Alles halb so wild? War Schliemann eben ein Kreativer, begabt mit Phantasie? Den Psychologen ist Schliemann bis heute ein Rätsel. Beim Verbiegen der Wahrheit jedenfalls behielt das Zwanghafte gegenüber dem Spielerischen eher die Oberhand. Es gab auch Opfer. Der Amateurarchäologe Frank Calvert hatte Schliemann seinerzeit an den Dardanellen den entscheidenden Hinweis gegeben, wo Troia zu suchen sein müsste. Im Lauf der Jahre aber verdrängte Schliemann Calvert aus seinen Erinnerungen. Übrig blieb nur er, der Held, den das Publikum liebte, der alleine Troia fand, nur mit der Ilias in der Hand und seinem weiten Adlerblick über die Ebene der Troas.

 
Sprachengenie, Selfmademan und Abenteurer

Trotz seiner Lügengeschichten ist Schliemanns Leben ein echtes Abenteuer. Seinen kleinen Verhältnissen will er unbedingt entfliehen. Erster Versuch: Auswandern nach Amerika. Aber sein Schiff geht gleich unter im Sturm vor Holland. Schliemann, mit 19 Jahren, rettet sich auf eine Sandbank. Ein Kaufmann liest die Geschichte in der Zeitung und ist gerührt. Er gibt Schliemann eine Anstellung als Bürobote.

Ab jetzt geht es nur noch nach oben. Schliemann entpuppt sich als Sprachengenie. Wie viele andere lernt er Englisch, aber er entdeckt an sich eine merkwürdige Begabung: Er kann sich englische Literatur auswendig merken, obwohl er den Sinn der einzelnen Sätze noch gar nicht versteht. Mit diesem Zugang zu Fremdsprachen wird er fast 20 Sprachen in seinem Leben lernen. So wird Russisch das Entree zum großen Karrieresprung: Er wird Korrespondent eines Handelshauses in St. Petersburg. Seine Amsterdamer Chefs fluchen und flehen brieflich, aber Schliemann hat für sich den Handel entdeckt – und die gewagten Spekulationen.

Dann geht er wirklich aufs Ganze: Er investiert sein Geld im amerikanischen Goldrausch und macht prompt ein echtes Vermögen. Wieder sind es die Sprachen, die für ihn in Kalifornien zu Gold werden: Glücksritter aus aller Welt schürfen am Sacramento und brauchen dringend einen Bankier, der ihre Erträge in klingende Münze verwandelt – einen Bankier, der sie versteht.

Bei seiner Rückkehr nach Russland ist Schliemann 30 Jahre alt und will endlich heiraten. Seine künftige Frau kennt er zwar kaum, aber wozu ist er reich? Wozu Optimist? Die Ehe wird ein Unglück, und Schliemann beginnt langsam ins Leere zu versinken. Über Wasser hält ihn ausgerechnet der Krimkrieg, in dem er im großen Stil mit Rüstungsgütern handelt. Bei Kriegsende ist er 34 Jahre alt. Der Krieg hat aus ihm einen steinreichen Mann gemacht. Dann trifft ihn endlich die Sinnkrise mit voller Gewalt.

Soll er den Rest seines Lebens um sein Geld bangen und über seine Ehe verzweifeln? Wieder ist es eine Sprache, die ihn rettet – Altgriechisch! Die erste Sprache, die er ohne kommerzielles Interesse lernt, bahnt ihm den Pfad in ein zweites Leben. Erst jetzt bekommt seine legendäre Begeisterung für Homer ihre erste Gestalt. Hier beginnt seine Sehnsucht, selbst ein Teil der homerischen Welt zu werden.

 
Leben mit Homer – zwischen Siedlungsschichten

Über zehn Jahre später, mit 48 Jahren, beginnt Schliemann in Troia zu graben. Sein Leben hat er inzwischen in altbekannter Frische neu geordnet. Von seiner ersten Frau hat er sich scheiden lassen, gleich darauf hat er die zweite geheiratet – Sophia, eine Griechin, gerade mal sechzehn Jahre alt. Seltsam: Sie wurde ihm empfohlen. Aber was er brauchte, wusste er genau – eine „homerische Frau“ für sein zweiten Leben. Denn das hat Schliemann inzwischen völlig auf Homer umgestellt.

Mit seinen Grabungen beginnt das archäologische Rätsel, das Troia bis heute für die Fachwelt geblieben ist: Hat der Mythos vom Krieg, den Homer besingt, tatsächlich in diesen Ruinen seinen Ausgang genommen?

An spannenden Thesen fehlt es bis in jüngste Zeit nicht, aber keine kann alle Probleme lösen. Sicher ist nur: Eindeutig falsch lag allein Schliemann selbst. Denn eine Siedlungs-Schicht, die für den Krieg Homers infrage käme, müsste in die späte Bronzezeit datieren, um 1200 v.Chr. Schliemann allerdings dachte, die Wahrheit müsse immer am Grund der Dinge liegen. Unerschütterlich hatte er also in den Hügel hinab graben lassen. Als er schließlich sicher war, Homers Troia gefunden zu haben, war er über 1000 Jahre zu tief geraten.

Wilhelm Dörpfeld, sein letzter Grabungsleiter, konnte diesen Irrtum bereinigen. Von Dörpfeld stammt auch das berühmte Siedlungsmodell Troias in neun Schichten. Doch welche Schicht nun wirklich einen Krieg à la Homer bezeugen könnte, ist offen geblieben. Denn die zeitlich am besten geeignete Schicht ist nicht durch einen Krieg, sondern durch ein Erdbeben zerstört worden. Das weiß man seit Grabungen aus den 1930er Jahren. Seitdem ist Troia eine der größten Herausforderungen für den Scharfsinn der Archäologen geblieben.

 
Nachruhm und Nachrede

Am zweiten Weihnachtstag 1890 ist Schliemann in Neapel gestorben. Fast 69 Jahre alt ist er geworden. Bei seinem Tod war er weltberühmt. Aber die Fachwelt sieht ihn bis heute nicht als einen der ihren. Den Gelehrten war und ist er zu romantisch, zu unobjektiv und – er war einfach keiner von ihnen. Aber gerade Sophia, seine „homerische Frau“, hielt sein Andenken noch viele Jahre in bester Erinnerung. Auch ihr verdankt er es, dass sein Name tatsächlich fast ein Teil der homerischen Welt geworden ist. Seine zwanghaften Lügengeschichten sind erst in den 1970er Jahren aufgekommen. Seitdem sind nicht nur die Ruinen von Troia ein Rätsel der Wissenschaft, sondern auch ihr Entdecker.