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Friedrich Wilhelm Raiffeisen und die Idee der Genossenschaften
Hintergrund
Kindheit und Jugend Sein Wirken aus christlicher Nächstenliebe
Ärger mit der Konkurrenz
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Kindheit und Jugend

Friedrich Wilhelm Raiffeisen wurde am 30. März 1818 in Hamm an der Sieg, im nördlichen Westerwald, als siebtes von neun Kindern geboren. Sein Vater war Bürgermeister in diesem Städtchen der preußischen Rheinprovinz. Als der Vater allerdings als Versorger der Familie ausfiel, konnte Friedrich nur ein Jahr in die Volksschule gehen. Lesen, Schreiben und Rechnen lernte er - und zwar recht ordentlich - bei Pfarrer Seippel. Mit 17 Jahren trat Raiffeisen in die Armee ein, die typische Laufbahn für Kinder aus kleinen Verhältnissen, bald wurde er Unteroffizier. Stationiert in Koblenz, traf er dort einen Kreis von Gymnasiasten. Es wird am Rhein gesungen und gewandert, unter Mondschein und an Rebenhügeln. Hier brachte vermutlich auch Albrecht Schöler, der Gründer einer christlichen Studentenvereinigung, ihm praktizierte Nächstenliebe näher. 1842, als Friedrich Wilhelm Raiffeisen 24 Jahre alt war, erkrankte er an einem Augenleiden, an dem er im Laufe seines Lebens erblinden sollte. Die Offizierskarriere musste er aufgeben, zum Glück stand ihm jedoch eine zivile Berufslaufbahn offen. Nur drei Jahre später wird er Bürgermeister von Weyersbusch, einem kleinen Nest im Westerwald. Im gleichen Jahr heiratete er Emilie, eine Apothekerstochter.

 
Sein Wirken aus christlicher Nächstenliebe

!O, es ist die köstliche Wissenschaft, ja die köstlichste aller Wissenschaften, zu erforschen, wie man die Bruderliebe, die Nächstenliebe am hülfreichsten und segensreichsten zur Ausführung bringt.! Ob dieser schlanke Mann mit dem strengen Seitenscheitel, dem korrekten Schnurrbart und der dicken Brille, der einen Hang hatte zu Vereinen, Zahlenkolonnen, Prozentsätzen, Statuten und Kontrollen einfach nur ein guter Christ war, ist heute aus den spärlichen historischen Quellen kaum nachzuvollziehen. Denn die Tochter Amalie hat später seinen Nachlass größtenteils vernichtet. Als Bürgermeister von Weyersbsuch engagierte er sich aber tatsächlich für die arme, von Verelendung bedrohte Bauernschaft. Sie, die früher ihre Steuern noch in Naturalien an die Grundherren bezahlt hatten, mussten nun nach vielen Reformen in bar zahlen. Das konnten sie nur, wenn sie ihre Produkte unten am Rhein den Händlern meistbietend verkauften. Da die Zufahrtswege schlammig und unwirtlich waren und es kein Zurück mit der Ladung gab, mussten sie zu jedem Preis verkaufen, die Händler wussten das. Und die Bauern blieben arm. Friedrich Wilhelm Raiffeisen baute zuerst eine Straße hinunter zum Rhein. Und eine Schule. Aus dem Geld, das die Gemeinde an Wald im Westerwald verkaufen kann. Und im Hungerwinter 1847 lieh er sich Geld von den Wohlhabenden, und ließ in einem Backhaus Brot für die Armen backen. Die Schuldscheine lösten die armen Bauern im Frühjahr nach dem Verkauf ihrer Produkte wieder aus und die Reichen bekamen ihr Geld zurück. Diese Aktivitäten waren typisch für Friedrich Wilhelm Raiffeisen, er organisierte und half denen, die es nötig hatten. Das Prinzip der wohltätigen Verbindung zwischen Armen und Reichen war die Grundlage des späteren Genossenschaftswesens. Als Raiffeisen Bürgermeister vom benachbarten Flammersfeld wurde, bekämpfte er ein Dauerproblem, den Wucher mit 300, 400 Prozent Zinsen, was die ungebildeten Bauern nicht überblickten. Er lieh den Bauern Geld und wiederum geben die Reichen das Kapital. Nicht als Bargeld, aber ihren Grundbesitz als Haftung. Dafür holt sich Raiffeisen das nötige Geld von außen. So funktioniert auch in Heddesdorf, die nächste Bürgermeisterstation, der Verein. Mitglieder sind die Reichen, sie haften, legen ihr Geld an und mit dieser Garantie besorgt Raiffeisen weitere Gelder für Kredite an die kleinen Bauern. Sogar Zins kann Raiffeisen geben, und im Verein bleibt sogar ein Fonds mit Geld übrig. Der aber nicht wieder ausgeschüttet wird. Als die Reichen allerdings nicht mehr alleine – also unbeschränkt - mit ihrem Vermögen haften wollen, - inzwischen sind es unüberschaubare Summen geworden -, ziehen sie ihr Geld zurück. Raiffeisen ist entsetzt. Er muss eine andere Lösung finden und er findet sie auch: er nimmt die Kreditnehmer, also die kleinen Bauern, auch mit in den Verein auf. Und ab jetzt müssen auch sie haften. Das motiviert sie natürlich, so zu wirtschaften, und alles zurückzuzahlen, damit der Verein nicht pleite geht, sonst gehen auch sie unter. 1864 entstand so der "Heddesdorfer Darlehnskassen-Verein", die erste echte Genossenschaft, der Verein, der auf Selbsthilfe und Solidarität gründet.

 
Ärger mit der Konkurrenz

Nach dem Tode seiner Frau Emilie kümmert sich die Tochter Amalie, die sogar aufs Heiraten verzichtet, um den fast erblindeten Vater und steht ihm bis zum Lebensende zur Seite. Bürgermeister kann er nicht mehr sein, als Zigarrenfabrikant kann er einigermaßen sein Einkommen sichern. Ehrenamtlich widmete er sich nach wie vor seinen Vereinen und veröffentlichte 1866 veröffentlichte sein Buch "Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen Bevölkerung". Und damit wird er bis nach Berlin bekannt, wo der Genossenschaftsgründer Herrmann Schulze-Delitzsch sitzt. Er ist im Gegensatz zu Raiffeisen nicht aus christlichen Gründen als Kreditgeber motiviert, wenn er Darlehen an Handwerker und Händler in der Hauptstadt verleiht. Zehn Jahre lang streitet er mit Raiffeisen um das Prinzip der langfristige Kredite. Was passiert, wenn die Geldgeber ihre Einlagen plötzlich alle zurückholen? Oder, wenn eine Wirtschaftskrise eintritt? Die kleinen Raiffeisengenossenschaften wären bankrott und alle Mitglieder, die ja mit ihrem Gesamtvermögen haften, ruiniert. Durch den Streit allerdings verbessert Raiffeisen seine Statuten kontinuierlich und stärkt seine Vereinskassen. Keiner der beiden Kontrahenten konnte ahnen, dass heute ihre Schöpfungen unter einem gemeinsamen Dach stehen: "Volksbanken und Raiffeisenbanken". Der Mann von der Volksbank war Schulte-Delitzsch. Aber Raiffeisen hatte bis zu seinem Tode 1888 keinen Nachfolger gefunden, der nach ihm die Genossenschaften ehrenamtlich, und nur der Nächstenliebe verpflichtet, weiterführen wollte. Sein Werk, eine Bank zu vernünftigen Zinssätzen für die Menschen, war in einer Zeit verhaftet, als die Agrarwirtschaft sich zur Industriegesellschaft wandelte.