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Der Anwalt der Macht – Niccolò Machiavelli – ein Portrait
Quellentexte
Quellentext 1
Aus Machiavelli, Niccolò: "Der Fürst" Kapitel 17: "Von der Grausamkeit und dem Mitleid und ob es besser sei, geliebt als gefürchtet zu werden oder umgekehrt"

  "Nichtsdestoweniger muss er langsam zum Glauben und Beschließen seyn, und muss sich nicht selber zu fürchten machen; sondern mit Klugheit und Menschlichkeit so gemäßigt zu Werke gehen, dass weder zu großes Vertrauen ihn unvorsichtig, noch zu großes Mistrauen unleidlich mache. Hieraus entsteht die Frage: ob es besser sey, geliebt zu werden als gefürchtet, oder besser gefürchtet zu werden als geliebt? Ich antworte: beides sollte man seyn. Weil es sich aber schwer zusammen vereinigen lässt: dass sie undankbar, veränderlich, zur Verstellung geneigt, den Gefahren abhold, begierig nach Gewinne sind; und so lange du ihnen Gutes thust, sind sie alle dein, verschreiben dir ihr Blut und Leben, Habe und Kinder, wie schon gesagt, wenn das Bedürfnis im Weiten liegt; wenn es aber herankommt, empören sie sich: und der Fürst, der sich, entblößt von andern Vorkehrungen, auf ihre Worte allein gestützt hat, geht unter; weil die Freundschaften, die man um Lohn, und nicht durch Größe und Adel des Geistes sich erwirbt, auf Zinsen stehen; aber man hat sie nicht, und kann sie im Falle nicht verwenden. Und die Menschen nehmen weniger Anstand, Einen, der sich lieben macht; weil die Liebe an einem Bande hängt, das, da die Menschen schlimm sind, auf jeden Anlass des eignen Nutzens zerrissen wird; hingegen die Furcht hängt fest an einem Schrecken vor Strafe, welches dich niemals verlässt."

 

Quellentext 2
Aus Machiavelli, Niccolò: "Der Fürst" Kapitel 17: "Von der Grausamkeit und dem Mitleid und ob es besser sei, geliebt als gefürchtet zu werden oder umgekehrt"

  "Es muss nichtsdestoweniger der Fürst dich dergestalt fürchten machen, dass, wenn er die Liebe auch nicht gewinnt, er den Hass doch vermeide (da es sehr wohl zusammen bestehn kann, gefürchtet, und nicht gehasst zu werden, welches er immer erreichen wird, so lange er sich des Eigenthums seiner Unterthanen und Bürger, und ihrer Frauen enthält): und wenn er dennoch genöthigt wäre, gegen das Leben eines derselben zu verfahren, darf er's nicht thun ohne hinreichende Rechtfertigung und in die Augen springende Gründe. Aber vor allem muss er sich fremden Besitzes enthalten, weil die Menschen eher dem Tod des Vaters, als den Verlust des Erbguts verschmerzen. Außerdem fehlt es, die Güter zu nehmen, niemals an Gründen, und immer findet Einer, der sich vom Raube zu leben gewöhnt, Anlässe, des Fremden sich anzumaßen: hingegen wider das Leben sind sie seltener, und fehlt eher daran.

Wenn aber ein Fürst mit den Heeren ist, und eine Menge Soldaten befehligt, dann ist es ganz unerlässlich, sich um den Namen des Grausamen nicht zu kümmern; weil ohne diesen Namen niemals ein Heer in Einheit noch geneigt für eine Sache erhalten ward. Unter die staunenswürdigen Thaten des Hannibal wird auch die gezählt, dass in dem ungeheuern Heere, welches er, aus unzähligen Menschenarten gemischt, in ein fremdes Land zu Führung des Krieges geleitet hatte, sich niemals weder unter ihnen, noch gegen den Fürsten ein Zwiespalt erhub, sowohl in seinem schlimmen Glück, als auch im guten: wovon nichts andres der Grund seyn konnte, als diese seine unmenschliche Grausamkeit, die, nebst seinen unzähligen Tugenden, ihn immer ehrwürdig und furchtbar in den Augen seiner Leute erhielt, und ohne die seine anderen Tugenden jene Wirkung hervorzubringen nicht ausgereicht hätten."

 

Quellentext 3
Aus Machiavelli, Niccolò: "Der Fürst" Kapitel 25: "Wie viel in menschlichen Dingen das Glück vermag, und auf welche Weise man ihm begegnen könne"

  Es ist mir nicht unbekannt: Viele haben die Meinung gehegt und hegen sie noch, als würden die irdischen Dinge in der Art vom Glücke und von Gott geleitet, dass sie die Menschen mit ihrer Klugheit nicht bessern könnten, ja selbst dagegen keinerlei Art von Widerstand hätten, und hieraus abzunehmen sei: dass man über den Dingen nicht groß schwitzen, sondern vom Lose sich müsse regieren lassen. In unsern Zeiten fand diese Meinung noch mehreren Glauben, wegen des großen Wechsels der Dinge, die man erlebt hat und noch täglich erlebt, über alle Menschen-Vermutung. Und wenn ich dieses zuweilen bedachte, habe ich mich von gewisser Seite zu ihrer Meinung hingeneigt. Demungeachtet um unsern freien Willen nicht eingehen zu lassen, mein ich, es könne mehr wahr sein, dass das Glück über die eine Hälfte unsrer Handlungen zu schalten habe, aber uns immer noch die andre, oder doch nicht viel weniger, zu eigner Führung überlasse. Und ich vergleiche dies Glück mit einem jener reißenden Ströme, die, wenn sie wütend werden, die Ebenen ersäufen, Bäume und Häuser zertrümmern, das Erdreich von dieser Seite entführen, an jene anschwemmen; jedermann flüchtet vor ihnen, alles weicht ihrem Ungestüm: da ist an Widerstand nicht zu denken. Und gleichwohl, bei aller dieser ihrer Gewaltsamkeit, hindert dies doch nicht die Menschen, dass sie in ruhigen Zeiten nicht dagegen könnten mit Dämmen und Deichen Vorkehrungen treffen, dass sie nachher wenn sie wachsen, entweder durch einen Kanal gehen, oder doch ihre Gewalt nicht mehr so ungestüm und verderblich werde.

Eben so ist es auch mit dem Glück, das seine Macht da fühlen lässt, wo keine geordnete Tugend ist, ihm zu widerstehen, und seine Stürme dahin wirft, wo es weiß dass keine Dämme noch Deiche bereitet sind, ihm Einhalt zu tun. Und wenn ihr Italien, welches der Sitz dieser Wechsel ist, betrachtet wollt, und was dazu den Anstoß gegeben, so werdet ihr finden, dass es ein Feld ohne Dämme ist und ohne irgend einigen Schutz: da, wenn es durch die gebührende Tugend geschützt worden wäre, wie Deutschland, Spanien und Frankreich, diese Überschwemmung die großen Wechsel, die sie gewirkt hat, nicht hätte wirken können, oder gar nicht gekommen wär. - Und dies möge vom Widerstande gegen das Glück im Allgemeinen genug gefragt sein. Um aber mehr auf das Besondre mich einzuschränken, sage ich: wir sehen einen Fürsten heute glücklich sein und morgen fallen, ohne zu sehen dass er im Mindesten seine Natur noch Art geändert hätte. Dies liegt, wie ich glaube, zunächst in denen Gründen, die wir bisher ausführlich besprochen: dass nämlich der Fürst, der sich durchaus auf das Glück stützt, fällt, wenn dieses wechselt. Und ferner glaube ich, glücklich wird Der sein, der seine Verfahrungsweise nach der Beschaffenheit der Zeiten abwägt, und eben so, unglücklich Der, zu dessen Verfahren die Zeiten nicht stimmen. Weil man bemerkt, dass die Menschen in Dingen, die sie zu ihren Zwecken führen (dergleichen Jeder vor Augen hat, als: Ruhm und Reichtum) verschiedentlich zu Werke gehen, der Eine mit Bedacht, der Andre mit Heftigkeit, der Eine mit Gewalt, der Andre mit List, der Eine mit Geduld, der Andre mit deren Gegenteil: und Jeder kann auf diesen verschiednen Wegen dazu gelangen; ja man sieht, von zwei Bedächtigen, den Einen seine Absicht erreichen, den Andern nicht; und eben so zwei verschieden Gesinnte, einen Bedächtigen und einen Heftigen, ebenmäßig glücklich sein; was in nichts anderem als in der Beschaffenheit der Zeit liegt, die zu ihrem Benehmen entweder passt, oder nicht passt.

Daher kommt, was ich sagte: dass zwei verschieden Handelnde einerlei Wirkung erzielen können, und dass von zwei gleich Handelnden der Eine zum Zweck kommt, der Andre nicht. Hievon hängt ebenfalls der Wechsel der Wohlfahrt ab, weil, wenn sich Einem, der mit Bedacht und Geduld verfährt, die Zeiten und Dinge darnach drehen dass sein Verfahren gut ist, es ihm glücklich geht; wenn aber die Zeiten und Dinge wechseln, so fällt er, weil er nicht sein Verfahren geändert hat. Auch findet man keinen so klugen Menschen, der sich diesem anzupassen verstünde: sowohl weil er von dem, wozu die Natur ihn hinneigt, nicht abgehen kann, als auch weil, wer sich bei Befolgung eines Weges stets wohlbefand, nicht wird zu überzeugen sein, dass es gut sei, diesen zu verlassen; und darum der bedächtige Mensch, wenn es Zeit ist, einen Sturm zu wagen, es nicht zu tun weiß, also fällt: da, wenn er die Natur, mit den Zeiten und Dingen, änderte, sich das Glück nicht ändern würde. Papst Julius der Zweite ging in allen seinen Unternehmungen stürmisch zu Werke, und fand die Zeiten wie die Dinge dieser seiner Weise so günstig, dass es ihm immer zum Guten geriet. Man nehme den ersten Feldzug gegen Bologna, den er noch beim Leben des Herren Johann Bentivogli tat. Venedig war damit unzufrieden: der König von Spanien ebenfalls hatte mit Frankreich Konferenzen über dieses Projekt. Er aber gleichwohl, mit seiner Wildheit und Ungestüm, trat in Person den Feldzug an, durch dessen Eröffnung Spanien sowohl als Venedig zum Zaudern und Stillestehen bewogen wurde: dieses aus Furcht, jenes, weil ihm darum zu tun war, das Königreich Neapel ganz wieder an sich zu bringen: und andrerseits zog er den König von Frankreich sich nach, weil dieser König, da er ihn einmal im Felde sah und ihn, um Venedig zu bemühen, sich befreunden wollte, ohne offenbare Beleidigung ihm seine Truppen nicht glaubte versagen zu dürfen. Somit erreichte Julius durch seinen ungestümen Aufbruch, was nie ein anderer Papst mit aller menschlichen Klugheit erreicht haben würde; da, wenn er von Rom nicht eher hätte abgehen wollen als bis die Traktaten ratifiziert, und alles und jedes in Ordnung gewesen wär, wie jeder andere Papst getan haben würde, es ihm niemals gelungen wäre. Denn der König von Frankreich hätte tausend Entschuldigungen gehabt, und die Andern hätten ihm tausend Schrecken gemacht.

Ich will seine übrigen Handlungen übergehen, da alle ähnlich gewesen, und alle ihm wohl geraten sind, und die Kürze des Lebens ihm erspart hat, das Gegenteil zu empfinden: denn, wenn Zeiten gekommen wären, die mit Bedacht zu erfordern hätten, so wäre dies sein Verderben gewesen; da er von jener Art und Weise, wozu er von Natur aus geneigt war, nie würde abgegangen sein. Ich schließe daher: wenn das Glück sich wendet, und die Menschen auf ihrer Art hartnäckig beharren, so sind sie glücklich so lange beide zusammengehen, unglücklich, sobald sie aus einandergehen. Doch bin ich der Meinung, dass es besser wäre, ungestüm als bedächtig zu sein, indem das Glück ein Weib ist, und, um es sich unterwürfig zu halten, geschlagen und bestürmt sein will, und man bemerkt, dass es sich eher von Solchen bezwingen lässt, als von Denen, die kalt verfahren. Und deshalb ist es immer (als Weib) der Jünglinge Freundin, weil sie minder bedächtig, wilder sind, und ihm mit mehrerer Kühnheit gebieten.