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Zwischen Bierkeller und Salon - Hitler im München vor 1933
Quellentexte
Quellentext 1
Die "Dolchstoßlegende"
aus: Ernst Röhm, "Geschichte eines Hochverräters", 1928

  Ich blutete aus vielen Wunden und war stark geschwächt; aber ich fühlte mich voll Stolz, dass ich dabei gewesen war... Nun kamen die Nachrichten der vollkommen führerlosen Presse, die Entlassung des Generals Ludendorff und die schmählichen Erörterungen über die Abdankung des Kaisers!... Mir war klar, dass in der Heimat alles den Kopf verloren hatte. An der Front aber, das wussten wir, stand das Frontheer, geschwächt, aber ungebeugt. Dorthin sehnten wir uns.

 

Quellentext 2
Kriegsstolz
von Friedrich Wilhelm Heinz, Mitglied eines Freikorps

  "Man redete uns vor, dass der Krieg zu Ende sei. Wir lachten darüber. Denn der Krieg, das waren wir selbst. Seine Flamme brannte in uns fort und umzog unser ganzes Tun mit dem glühenden und unheimlichen Bannkreis der Zerstörung."

 

Quellentext 3
Die "jüdische Revolution"
aus: Thomas Mann, Tagebücher

  "München, 8.11.1918 ... München, wie Bayern, regiert von jüdischen Literaten. Wie lange wird es sich das gefallen lassen?... Die Diktatur ist komplett. Und wer darf sie ausüben... Bei uns ist Mitregent ein schmieriger Literaturschieber wie [Wilhelm] Herzog, der sich durch Jahre von einer Kino-Diva aushalten ließ, ein Geldmacher und Geschäftsmann im Geist... Das ist Revolution! Es handelt sich so gut wie ausschließlich um Juden."

 

Quellentext 4
Die Gegenrevolution formiert sich
Ernst Röhms Beweggründe, einer der frühesten Wegbereiter Hitlers und späterer Stabschef der SA, als er von der Aufstellung eines bayerischen Freikorps hörte. (unveröffentlicht)

  "Nachdem die Regierung Hoffmann in Bamberg die Werbung für das Korps gestattete, eilten Freiwillige aller Berufe aus allen bayerischen Gauen herbei. Da waren Offiziere, die sich freiwillig als Soldaten in Reih und Glied stellten, Studenten, Mittelschüler, Kadetten, Feldzugssoldaten aller Dienstgrade und Waffengattungen, Arbeiter, Bauern, die alle e i n Gedanke und e i n e Begeisterung zusammenführte und zusammenhielt. Und wenn irgendwo, so war hier eine soldatische Gemeinschaft, die nur auf ihren Führer sah und ihm blind gehorchte. In der Heimat war niemand mehr da, der irgendeine Führung und irgendeine Autorität darstellte... Die Räterepublik herrschte in der Hauptstadt! Nur das Gesindel und der Abschaum des Volkes bildete ihr Gefolge."

 

Quellentext 5
Rechtsradikale Gruppierungen
aus: Die Weimarer Republik, Das schwere Erbe, Bd. 1, 1918-1923, S. 245f = Landeszentrale für politische Bildung

  Auszüge aus der Satzung der Organisation Consul (antisemitische, terroristische Geheimgesellschaft):
"Die Ziele unserer Partei ergeben sich aus der Lage
A) Geistig:
a) Weiteste Pflege und Verbreitung des nationalen Gedankens
b) Bekämpfung alles Anti- und Internationalen, des Judentums, der Sozialdemokratie und der linksradikalen Parteien
c) Bekämpfung der antinationalen Weimarer Verfassung mit Wort und Schrift. Aufklärung weiter Kreise über die Verfassung...
B) Materiell
a) Sammlung von entschlossenen nationalen Männern zu diesem Zweck
1) die vollständige Revolutionierung Deutschlands zu verhindern
2) bei großen inneren Unruhen deren vollständige Niederwerfung zu erzwingen und durch Einsetzen einer nationalen Regierung die Wiederkehr der heutigen Verhältnisse unmöglich zu machen
3) die durch den Versailler Vertrag angestrebte Entmannung und Entmachtung unmöglich zu machen und dem Volke seine Wehrmacht und die Bewaffnung – soweit möglich – zu erhalten...
§ 5 Jeder verpflichtet sich zu unbedingtem Gehorsam gegenüber der Leitung der Organisation und deren Organen...
§ 7 Juden, überhaupt jeder Fremdrassige ist von der Aufnahme in die Organisation ausgeschlossen.
§ 11 Verräter verfallen der Feme."

 

Quellentext 6
Infotext zur Thule-Gesellschaft
aus: Hermann Wilhelm, Dichter, Denker, Mörder, Berlin 1989, S. 44f

  "Das Hakenkreuz, das auch den Briefkopf des Ordens ziert, symbolisiert den `Siegeszug des Ariers´ und steht für das Motto der Loge: "Denke daran, dass du ein Deutscher bist! Halte dein Blut rein!"...
Zu den Mitgliedern gehörten: Dr. Rudolf Buttmann, Bibliothekar des bayerischen Landtags, später Fraktionsvorsitzender der bayerischen Landtagsfraktion der NSDAP; Heinrich Class, Rechtsanwalt und Justizrat, Vorsitzender des Alldeutschen Verbandes; Anton Drexler, `Gast´ der Thule, Gründer der Deutschen Arbeiterpartei – später NSDAP, ab 1924 Abgeordneter des Völkischen Blocks im bayerischen Landtag; Dr. Krohn, Zahnarzt aus Starnberg, NSDAP-Finanzier, entwirft die Hakenkreuzfahne der NSDAP; Ernst Pöhner, während der Rätezeit Direktor des Gefängnisses Stadelheim, dann Polizeipräsident von München; Karl Fiehler, ab März 1933 Oberbürgermeister von München; Rudolf Hess, der spätere `Stellvertreter des Führers´; Alfred Rosenberg, Chefideologe der Nazis, ab 1933 Leiter des Außenpolitischen Amtes der NSDAP, in den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt; Julius Lehmann, Mitglied der Alldeutschen und radikaler Verleger, Geiselnehmer beim Hitler-Putsch 1923; Hans Frank, Nazi-Rechtsanwalt, ab 1933 Bayerischer Justizminister, ab 1939 Generalgouverneur von Polen, am 16. Oktober 1946 als Kriegsverbrecher hingerichtet; Dietrich Eckart, Freund und `Mentor´ Hitlers und viele andere."

 

Quellentext 7
Selbstanzeige des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens

  "Die Juden sollen an Allem schuld sein,
so tönt es heute aus hinterhältig verbreiteten Flugblättern,
so reden es verhetzte Leute auf der Straße nach.
Wir Juden sollen schuld sein, dass der Krieg kam, aber in der Regierung und Diplomatie, in der Rüstungsindustrie und im Generalstab saßen keine Juden.
Wir sollen auch schuld sein, dass der Krieg vorzeitig abgebrochen wurde.
Wir sollen schuld sein an allen Uebeln des Kapitalismus und zugleich an den Leiden der Revolution, die diese Uebel beseitigen will.
Was ein paar Führer jüdischer Herkunft gewirkt haben zum Guten und zum Bösen, haben sie selbst zu verantworten,
nicht die jüdische Gesamtheit.
Wir lehnen es ab, die Sündenböcke abzugeben für alle Schlechtigkeit der Welt. Wir fordern unser Recht, wie bisher friedlich weiter zu arbeiten in unserem deutschen Vaterland, mit dessen Gedeihen in Zeiten der Macht wie der Niederlage auch unser Wohl unauflöslich verbunden ist.
Die Ortsgruppe München des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens"

 

Quellentext 8
Ein Agitator des einflussreichen radikal antisemitischen "Deutsch-Völkischen Schutz- und Trutzbundes" im Oktober 1919

  "Auch sonst machen unsere Gedanken hier überall gewaltige Fortschritte, selbst in Arbeiterkreisen beginnt es zu dämmern... In unserem Schutz und Trutz Bund muss jeder Platz finden, der gut deutsch denkt, das Beste unseres Volkes will und erkannt hat, dass die Juden unser Verderb sind. Ich kenne hier auch einen Kapuzinerpater sehr gut, den ich gleichfalls mit Flugschriften versorge... Aus seinen Schilderungen geht hervor, dass mindestens ein großer Teil der katholischen Geistlichkeit sich heute darüber klar ist, dass die Judenfrage keine Religions-, sondern eine Rassenfrage ist.- Wer hätte das vor einigen Jahren noch für möglich gehalten!... Es ist meine feste Überzeugung, dass die Zeit mit Riesenschritten naht, zu der wir uns darüber klar sein müssen, was geschehen muss, denn dann dürfen keine Fehler gemacht werden, sonst ist Deutschland für Jahrhunderte verloren.... Bezüglich der Judenfrage muss jetzt schon geklärt werden, welches Ziel wir erreichen wollen. Nach meiner Ansicht gibt es nur eine richtige Antwort in diesem Punkte: Vertreibung aus Deutschland unter Einbehaltung ihres Besitzes. Dies muss dem deutschen Volke in jeder Flugschrift eingehämmert werden. Keine Pogrome! Was nützen einige hundert zerstörte Häuser und der Tod einiger hundert Juden. Auch das muss in jeder Flugschrift stehen. Eine sehr schwierige Frage wird die Behandlung der Bastarde sein. Bis zu welcher Generation wollen wir zurückgreifen? Auch diese Frage muss entschieden sein, bevor wir die Zügel in die Hand nehmen. Sonst gibt es Zwistigkeiten im schwierigsten Augenblick."

 

Quellentext 9
Die Inflation
aus: Krauss/Beck, Leben in München, S. 79f

  "Auch die Lage auf dem Wohnungsmarkt war katastrophal. Da es kein Material gab, stagnierte der Wohnungsbau; die Reparationszahlungen an die Sieger des Krieges taten das ihrige, um die Investitionsbereitschaft zu schmälern... Es gab fünfköpfige Familien mit nur einem Bett oder eine tuberkulosekranke Mutter, die mit zwei Kindern auf vier Quadratmeter hauste. Nur mehr ein Drittel aller Schulkinder war gesund und auch sie wirkten kleiner und schmächtiger als gleichaltrige Kinder sechs Jahre früher. Wie sollte man sie auch ernähren, stiegen doch die Preise sechs mal so schnell wie die Löhne – und auch das nur für den, der eine Arbeit hatte. Wer erwerbslos war, lebte von der Wohlfahrt... Im Januar kostete ein Pfund Brot 230 Mark, einen Monat später schon 550 Mark. Der Preis für einen Liter Milch stieg im gleichen Zeitraum von 250 auf 540 Mark und für ein Pfund Butter kletterte er gar von 2000 auf 7000 Mark. Allein in München kursierten etwa 120 verschiedene Scheine, die zum Teil nur innerhalb der Stadtgrenzen gültig waren. Es gab alles, vom Papierschnitzel, der für wertlose 10 Pfennig stand, bis hin zum großen Lappen, der 50 Billionen aufwiegen sollte."

 

Quellentext 10
Der Ruf nach dem starken Mann
aus: Emil Klein, Zeitzeuge, frühes Mitglied der NSDAP

  "Wenn ich daran denke, dass ich da vier Billionen für eine Wurschtsemmel bezahlt habe – das war schon ein Zusammenbruch. Denn die Leute haben gesagt, so kann das nicht weitergehen. Und dann ging es langsam an mit der Diskussion "Ein starker Mann muss kommen!" Und das wurde immer stärker, die Sache mit dem starken Mann, weil die Demokratie nichts zu Wege brachte."

 

Quellentext 11
Morde von links und rechts
aus: E.J. Gumbel, Vier Jahre politischer Mord, 1918-1922, Berlin 1922

  Beispiel: politische Morde
Die Sühne der politischen Morde
Gesamtzahl: 354 politische Morde von rechts
Gesamtsühne: 90 Jahre, 2 Monate Einsperrung, 730 M. Geldstrafe und 1 lebenslängliche Haft
Gesamtzahl: 22 Morde von links
Gesamtsühne: 10 Erschießungen, 248 Jahre, 9 Monate Einsperrung, 3 lebenslängliche Zuchthausstrafen

 

Quellentext 12
Der selbe Richter...
aus der Urteilsbegründung von Richter Georg Neithard. Der kommunistische Reichstagsabgeordnete Wendelin Thomas und zwei seiner Genossen wurden Anfang April 1921 wegen Aufreizung zum Klassenkampf zu je zwei, ein weiterer Parteigenosse zu einem Jahr Gefängnis ohne Bewährung verurteilt.

  "Bei den drei Angeklagten, insbesondere auch Thomas, fällt aufs Schwerste ins Gewicht die außerordentliche Gefährlichkeit und die unerhörte Gewissenlosigkeit ihres hetzerischen und wühlerischen Treibens, das nur dank dem gesunden Sinn, der Einsicht und Selbstzucht des weitaus überwiegenden Teiles der Arbeiter und dank den behördlich getroffenen Maßnahmen nicht zu den unglücklichsten Folgen für die verhetzten Massen führte. Es muss als Frevel schlimmster Art bezeichnet werden, in der gegenwärtigen Zeit des Ruhe- und Erholungsbedürfnisses des deutschen Volkes für die Unterstützung kommunistischer Räuber- und Mordbrenner in Mitteldeutschland zu werben."

 

Quellentext 13
...das selbe Urteil?
aus der Urteilsbegründung von Richter Georg Neithard. Hitler, Hermann Esser und zwei Mittäter hatten eine linksgerichtete Versammlung im Löwenbräukeller gewaltsam unterbrochen, den Redner von der Bühne gezerrt und verprügelt.

  "Nach dem gesetzlichen Strafrahmen musste das Gericht auf Gefängnisstrafen von 3 und 6 Monaten erkennen, obwohl es Freiheitsstrafen von einem und von zwei Monaten als ausreichend dafür erachtet hätte... Schon um diesem Gesichtspunkt gerecht zu werden, erschien daher eine Milderung der ohne Zweifel objektiv zu harten Strafe geboten... Was die Führung Hitlers anbelangt, so ist Nachteiliges gegen ihn nicht bekannt. Er ist ein überzeugter, ehrlicher Politiker, der aus seiner Gesinnung kein Hehl macht. Seine bisherigen Reden in öffentlichen Versammlungen waren stets in vaterländischem Sinne gehalten und dürften auch bei Gericht nicht unbekannt sein, sodass er einer bedingten Begnadigung würdig erscheint."

 

Quellentext 14
Hitler und seine Anhänger
aus Briefen zum Prozess gegen Hitler, 1923

  "Jetzt sollen unser Ludendorff und Hitler eingesperrt werden? Herr Staatsanwalt, haben Sie nicht ein rühriges Herz, wenn man daran pocht...? Hauptsächlich hängt es von Ihnen ab, ein Freispruch und Deutschland wird gesund! Sind Sie doch ausnahmsweise mal recht nett!"

"Jeder vaterlandsliebende Deutsche sieht mit tiefem Schmerz dem Prozess entgegen, der in den nächsten Tagen gegen einen unserer großen Männer stattfinden wird ... Was haben diese Männer Böses getan, ihre ganze Schuld besteht darin, dass sie im heiligsten Gefühl ihres Idealismus, ihrer grenzenlosen Liebe zu ihrem deutschen Vaterland versucht haben, dieses aus den Händen fremdländischer Vampyre zu befreien, die auch noch den letzten Blutstropfen aus dem armen geknechteten Volk aussaugen wollten."

"Solche Männer gehören nicht unschädlich gemacht, die braucht das deutsche Reich so notwendig wie jeder von uns das tägliche Brot und wir sollten Gott täglich danken, dass solche Männer leben. Männer wie Pöhner, Frick gehören in den Landtag und Reichstag, Hitler als Triebkraft in das Volk hineingestellt, damit es nicht erlahmt, einen Führer braucht das Volk, es kommt allein nicht zum Ziele. ... Sehr verehrter Herr Staatsanwalt, ich bin eine einfache, deutsche Offiziersfrau, keine Politikerin, die Politik gehört dem Manne, auch bin ich keine Antisemitin, meine Lebensweisheit ist leben und leben lassen, aber an die Wand und an den Galgen alle jene, die ihre Mitmenschen ausziehen wie Blutegel, ihr Vaterland verraten wie Judas seinen Herrn."