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"Missverständnisse heilen" - Ludwig Wittgenstein zur Aufgabe der Philosophie
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Leben und Lernen

Als Ludwig Wittgenstein drei Tage nach seinem 62. Geburtstag am 29. April 1951 stirbt, liegt ein Leben voller Widersprüche hinter ihm: Der Millionenerbe, der sein Vermögen unter seinen Geschwistern und einigen Künstlern (darunter Rainer Maria Rilke und Georg Trakl) aufteilte und danach auf ein Stipendium angewiesen war. Der hochbegabte Philosophiestudent, der von Zweifeln befallen war, "ein Idiot" zu sein. Der Frontsoldat, der versuchte, Kinder nach den Grundsätzen der Reformpädagogik zu erziehen und daran scheiterte. Der depressive und zeitweise dem Selbstmord nahe Philosoph, der am Tag vor seinem Tod sagte, dass er ein wundervolles Leben geführt habe. Wer war das Genie aus reichem Haus, das mit Adolf Hitler auf die Schule ging und als knapp Zwanzigjähriger den englischen Philosophen Bertrand Russell mit seiner Brillanz überzeugen konnte?

Im April 1889 als jüngstes von acht Geschwistern geboren, wuchs Ludwig Wittgenstein in Wien auf. Sein Vater Karl, eine autoritäre Unternehmerpersönlichkeit, hatte in der Eisen- und Stahlindustrie Karriere gemacht und ein beträchtliches Vermögen erworben. Ludwig wurde von Privatlehrern erzogen, bevor er 1903 für drei Jahre die Realschule in Linz besuchte und mit der Matura abschloss. In Berlin absolvierte er in nur zwei Jahren ein Maschinenbaustudium. Da hatten sich zwei seiner Brüder bereits das Leben genommen – womöglich zerbrochen an den harten Anforderungen, die der Vater an die sensiblen jungen Männer richtete. (Ein weiterer Bruder beging 1918 Selbstmord.) Mit "Lucki" wollte Karl Wittgenstein darum achtsamer umgehen, ihm riet er zu einem Aufenthalt an der Manchester University. Doch neben der Entwicklung eines "motorlosen" Flugzeugpropellers beschäftigten Ludwig zunehmend nicht-technische Disziplinen: Das 1903 erschienene Buch "The Pinciples of Mathematics" von Bertrand Russel ermutigte ihn, an den renommierten Professor zu schreiben und sich intensiv mit Fragen der Ethik und Logik auseinanderzusetzen. In den Briefwechsel mischen sich Wittgensteins Zweifel, welcher Wissenschaft er sich widmen soll. Russell forderte Wittgenstein auf, über ein beliebiges Thema zu schreiben und war nach dem ersten Satz von der Begabung des Jüngeren überzeugt.

 
Fragen und Funktionen

Was bei den gewiss nicht leicht zu verstehenden Thesen Wittgensteins auffällt, ist die schlichte Sprache. "Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen", formuliert Wittgenstein in seiner vielleicht bekanntesten Sentenz: "und wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." Kein überflüssiges oder gedrechseltes Wort bläht sich auf und lenkt vom Wesentlichen ab, keine metaphysische Deutung darf einspringen, wenn der eigentliche Gehalt fehlt: die logische Klärung der Gedanken als Zweck der Philosophie innerhalb der Grenzen, die ihr die Sprache zieht. "Philosophie ist Sprachkritik", schreibt Wittgenstein und zielt damit auf die Unterscheidung von sinnvollen und unsinnigen Sätzen als das Grundproblem der Philosophie: wann bilden Namen die Dinge der Wirklichkeit ab, wann sind sie falsch, beliebig, austauschbar oder sinnlos und daher Tautologien?

Schon als Kind beschäftigte sich Wittgenstein mit dem Gedanken, warum man die Wahrheit sagen sollte, wenn es vorteilhafter ist zu lügen. Ein Thema, das er später in den so genannten Wahrheitstabellen aufgreift, die noch heute einen festen Platz in den Lehrbüchern zur Logik haben. Immer wieder reflektiert Wittgenstein über das Philosophieren selbst: entstehen manchen Probleme nicht erst dadurch, dass man über sie nachdenkt? Trägt die Versprachlichung überhaupt zur Erhellung bei? Selbstironisch gibt Wittgenstein einmal an, sein Verstand habe sich Beulen "beim Anrennen an die Grenzen der Sprache" geholt. Der Mensch in seiner Sprachverwirrung soll befreit, Probleme sollen rückstandslos aufgelöst werden – eine Aufgabe, vor der die Philosophie im ständigen "Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch Sprache" steht.

 
Werk und Wirkung

Bertrand Russell überredet Wittgenstein 1912 nach Cambridge zu kommen. Zunächst findet der geachtete Professor den starrsinnigen Studenten anstrengend, doch schreibt er später: "Er war vielleicht das beste mir bekannte Beispiel eines Genies im traditionellen Sinne - leidenschaftlich, tiefgründig, intensiv und dominant." Später beschreibt Russell die Bekanntschaft mit Wittgenstein als eines der aufregendsten intellektuellen Abenteuer seines Lebens. Doch wird der universitäre Betrieb dem Einzelgänger Wittgenstein bald zu viel: Den Winter 1913/14 verbringt er im norwegischen Skjolden, im Sommer errichtet er sich dort ein Holzhaus, in das er erst sieben Jahre später zurückkehrt.

Kurz vor Kriegsanfang reist Wittgenstein nach Wien. Obwohl ausgemustert, meldet er sich freiwillig zum Militär, weil er – so schreibt es seine älteste Schwester Hermine – "den intensiven Wunsch (hatte), etwas Schweres auf sich zu nehmen und irgend etwas anderes zu leisten als rein geistige Arbeit". Zwei Tage nach Dienstantritt beginnt Wittgenstein die Arbeit am "Tractatus logico-philosophicus" – die endgültige Niederschrift schließt er im August 1918 im Heimaturlaub ab. Anfang November 1918 gerät der dekorierte Leutnant der Reserve in italienische Kriegsgefangenschaft, ein halbes Jahr später schickt er aus Cassino seine Hauptschrift (und abgesehen von zwei Aufsätzen und einem Schulwörterbuch das einzige zu Lebzeiten veröffentlichte Werk) an Bertrand Russell. Für Wittgenstein sein philosophisches Vermächtnis und ein Grund, der Wissenschaft den Rücken zu kehren. Inspiriert von Tolstoi lässt er sich zum Volksschullehrer ausbilden. Nebenher muss er mehrere Absagen einstecken, bevor 1921 die "Logisch-philosophische Abhandlung" mit einer Einleitung Russells endlich in den "Annalen der Naturphilosophie" veröffentlicht wird. Ein Jahr später erscheint das Werk in einer englisch-deutschen Ausgabe unter dem heute bekannten Titel.

Über die Gründe, die dazu geführt haben, dass Wittgenstein 1929 in den akademischen Betrieb zurückkehrte, ist viel spekuliert worden. Das Dienstaufsichtsverfahren wegen einer Ohrfeige gegen einen Schüler mag ein Motiv gewesen sein, die Unzufriedenheit mit dem Tractatus ein anderes. Wittgenstein spricht von "grave mistakes", schweren Fehlern, auf die ihn der früh verstorbene Philosoph Frank Ramsey aufmerksam gemacht habe, der den Text ins Englische übertragen und in intensiven Gesprächen mit Wittgenstein diskutiert hatte. Nachdem er sich eine Weile mit der Architektur eines Hauses für seine Schwester Margarethe Stonborough befasst hatte, reiste Wittgenstein nach Cambridge und erhielt dort für seine Abhandlung die Doktorwürde. Ein Stipendium erlaubte dem ehemaligen Millionenerben, der sein ganzes Vermögen verschenkt hatte, die Fortsetzung seiner Studien und Manuskriptbände. Im Januar 1930 nahm Wittgenstein seine Lehrtätigkeit in Cambridge auf und setzte sie mit Unterbrechungen vor und während des Zweiten Weltkriegs bis 1947 fort. Pausen, die er herbeisehnte, empfand er sich in seinem Professorendasein doch als "lebenden Toten".

Wieder fühlt er sich während des Krieges zu praktischen Aufgaben hingezogen: Wittgenstein arbeitet als Laborassistent in einer Forschungsgruppe und entwickelt medizinische Apparaturen. Daneben schreibt er an den "Philosophischen Untersuchungen". Sie gelten als Meilenstein der sprachanalytischen Philosophie, erscheinen aber erst posthum 1953. Das Spätwerk spaltet die Rezipienten bis heute, dennoch zeugen ihre Diskussionen von dem großen Reichtum, den Wittgenstein der philosophischen Welt hinterlassen hat. Ende der 40er Jahre zieht er zeitweilig nach Irland, in das Ferienhaus eines Freundes an der Küste Connemaras. Der Tod seiner Schwester Hermine bedrückt ihn sehr, auf einer Reise nach Amerika geht es ihm gesundheitlich so schlecht, dass er mit der Überarbeitung der "Philosophischen Untersuchungen" nicht weiterkommt. Im Herbst 1949 wird bei Wittgenstein Krebs diagnostiziert. Ohne sich einer Therapie unterzogen zu haben, stirbt Wittgenstein drei Tage nach seinem 62. Geburtstag im Haus seines Arztes in Cambridge.