- Mord und Todschlag
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Kein Zweifel, der Ödipus-Mythos ist ein Stoff, aus dem Bestseller gemacht werden, ein Stoff, der als „Großer TV-Roman“ hohe Einschaltquoten versprechen würde: unmoralische Verhältnisse, dunkle Familiengeheimnisse, Machtkämpfe unter Verwandten, Mord und Totschlag, Verdrängung und Verblendung. Eine schockierende Geschichte, die pikanterweise in allerhöchsten Kreisen spielt … Es ist eine alte Geschichte.
Die sagenhafte Gestalt des Königs Ödipus von Theben wurde im Lauf der frühen Ausgestaltung des Stoffes durch mythische und märchenhafte Motive bereichert und ist zur Zentralfigur des thebanischen Sagenkreises geworden. Schon dem griechischen Dichter Homer, der in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung lebte, war der Ödipus-Mythos bekannt. Im Elften Gesang der „Odyssee“ berichtet der Held von seinem Aufenthalt in der Totenwelt. Odysseus erkennt in einer der Schattengestalten Epikaste (= Jokaste), die schöne Königin von Theben, die einst nichtsahnend ihren Sohn Ödipus zum Gatten nahm, und er beklagt das unerbittliche Schicksal, das ihr und ihrer Familie „nach der Götter verderblichem Ratschluss“ auferlegt worden war. Ein Schicksal, das sich – ohne etwas hinzuzufügen oder wegzulassen – auch als moderner Psycho-Thriller erzählen lässt.
- Verfluchtes Königshaus
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Die Geschichte des berühmt-berüchtigten Königshauses beginnt mit einer fatalen Leidenschaft und dem tragischen Tod eines bildschönen Teenagers. Von nun an liegt ein heimlicher Fluch auf der stolzen Sippe. Zwar erlebt sie auch stabile und glückliche Zeiten, aber der Friede ist trügerisch. Denn in dieser drei Generationen umfassenden Geschichte passiert zu vieles, was die Beteiligten einander verbergen bzw. lieber gar nicht erst wissen wollen. Da gibt es zum Beispiel Eltern, die ihrem Sohn verheimlichen, dass er ein Findelkind ist, und ihn dadurch unabsichtlich auf die schiefe Bahn bringen. Da verschweigt ein Ehemann seiner Frau, die sich sehnlichst ein Kind wünscht, warum er plötzlich nicht mehr mit ihr schläft. Und sie scheut sich ihm Fragen zu stellen, obwohl seine Ablehnung sie unglücklich macht. Stattdessen greift sie zu einer List, um die Liebe ihres Mannes zurückzugewinnen. Was ihr tatsächlich gelingt, aber eine unheilvolle Kettenreaktion auslöst: Versuchter Kindsmord. Totschlag im Affekt. Inzest. Bei der Verbrechensaufklärung wird der Ankläger als Täter entlarvt. Selbstmord und Selbstverstümmelung. Söhne jagen ihren Erzeuger aus dem Haus, worauf er sie verflucht. Brüder bekämpfen sich auf Leben und Tod. Eine Tochter opfert sich und ihren Verlobten für die Familie auf. Am Ende bleibt nur die Frage: Schuld oder Verhängnis?
- Schuld oder Verhängnis?
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Diese Frage hat den griechischen Dichter Sophokles 450 Jahre vor Christi Geburt so fasziniert, dass er aus dem Sagenstoff seine Tragödien „König Ödipus“ , „Ödipus auf Kolonos“ und Antigone“ gestaltete – echte Longseller und Dauerrenner, die auch heute noch auf der Bühne das bewirken, was – laut Aristoteles – Ziel und Aufgabe der Tragödie ist: Katharsis, die Reinigung und Läuterung der Seele durch Mitleid und Furcht. Überhaupt ist der Ödipus-Mythos die meistbehandelte Vorlage klassischer Tragödien. Von der Antike bis zur Gegenwart blieb der Stoff brisant und inspirierte zahllose Schriftsteller, vor allem die Bühnenautoren. Zu den bekanntesten gehören der Römer Seneca, die Franzosen Pierre Corneille, Voltaire, André Gide und Jean Cocteau und im deutschen Sprachraum Hans Sachs, Hugo von Hofmannsthal und Heiner Müller.
- Tiefenpsychologische Reaktionen?
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Liegt es wirklich nur an der packenden Story, dass die Ödipus-Sage trotz aller Kultur- und Zeitunterschiede unverwüstlich aktuell ist? Oder beruht ihre Kraft auf einem verborgenen Sinn? Auf allgemein menschlichen, ins Unbewusste verdrängten Instinkten? „Uns allen vielleicht war es beschieden, die erste sexuelle Regung auf die Mutter, den ersten Hass und gewalttätigen Wunsch gegen den Vater zu richten; unsere Träume überzeugen uns davon. König Ödipus, der seinen Vater Laios erschlagen und seine Mutter Jokaste geheiratet hat, ist nur die Wunscherfüllung unserer Kindheit“, interpretierte Sigmund Freud die griechische Sage vor 100 Jahren und erregte damit einen Skandal. Seine Entdeckung des „Ödipus-Komplexes“ traf nicht nur auf begeisterte Zustimmung, sondern auch auf erbitterten Widerspruch. Aber nicht zuletzt war es die Heftigkeit der Diskussion, die den psychoanalytischen Begriff so populär machte, dass er rasch in die Umgangssprache aufgenommen wurde. Freuds berühmte Interpretation hat auf die Literatur des 20. Jahrhunderts zweifellos ihre Wirkung gehabt, jedoch wenig zur Weiterentwicklung des Stoffes beigetragen.
- Religionsdrama?
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Mythenforscher halten die freudianische Auslegung von Ödipus’ Schicksal für ein Missverständnis, weil sie die vorantiken Wurzeln des Mythos ignoriert. Sie sind der Auffassung, dass die meisten griechischen Mythen als politisch-religiöse Geschichte betrachtet werden müssen. Wer sich damit befasst, ohne die alte Bildersprache entschlüsseln zu können und ohne den kulturhistorischen Zusammenhang zu beachten, dem entgeht jene Brisanz, die die Ödipus-Sage für ihre Zeitgenossen hatte. „Eine echte Wissenschaft des Mythos sollte mit dem Studium von Archäologie, Geschichte und vergleichender Religionswissenschaft beginnen und nicht im Behandlungszimmer des Psychoanalytikers“, erklärt der Anthropologe und Historiker Robert von Ranke-Graves. Er hat die Quellen erforscht, die der fast 3.000 Jahre alten Ödipus-Sage zugrunde liegen. Sie beziehen sich auf eine vorgeschichtliche Zeit, als in Europa die „Große Göttin“ verehrt wurde und männliche Götter unbekannt waren. Was diese archaischen Mythen zum Vorschein bringen, nimmt dem antiken Enthüllungsdrama nichts von seinem Reiz und seinem Reichtum, sondern öffnet den Blick für seine ursprüngliche, nicht weniger interessante Bedeutung. Denn die Geschichte von Ödipus kann auch als eine Geschichte aus jener Umbruchszeit, als mutterrechtliche Kulte vom Vaterrecht abgelöst wurden, verstanden werden.
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