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Ist die Erde ein Lebewesen?
Hintergrund
Die Erde lebt Die Gaia-Hypothese
Der Superorganismus
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Die Erde lebt

Als der amerikanische Astronaut Rusty Schweikart während der Apollo 9-Mission auf einem Weltraumspaziergang für wenige Minuten die Gelegenheit hatte, sich neben aller Arbeit zu besinnen, machte er eine Erfahrung, die sein ganzes Leben verändern sollte. Der nüchterne Elite-Soldat und kühle Techniker sah hinunter auf den Blauen Planeten unter sich, auf die fraktalen Muster, Wolkenfetzen und Kontinente. Und plötzlich war die Erkenntnis in ihm, dass die Erde dort unten lebt und er nichts anderes war als ein Auge, ein Sinnes- und Wahrnehmungsorgan, ausgesandt zu erkennen, dass der Planet lebendig ist. Und nur wenige Monate später erkannte der Mondreisende Edgar Mitchell auf dem Erdtrabanten, dass die eigentliche Bedeutung der Raumfahrt in der Entdeckung der lebendigen Erde liegt.

Astronautenhalluzinationen oder Hinweis auf das Weltbild der Zukunft? Der große Wandel im Denken hat längst begonnen: In allen Wissenschaftsdisziplinen sprengen die Forscher die alten Grenzen der Erkenntnis. Und seit vielen Jahren schon reift – aber immer noch fast im Verborgenen – zwischen allen Disziplinen eine umfassende Theorie heran, in der sich uralte Ahnung mit den Mitteln der modernen Naturwissenschaft zu Fakten verdichtet: Die Erde ist kein toter Gesteinsbrocken, der durch das Prinzip Zufall mit ein bisschen Leben gesegnet wurde – der Blaue Planet ist vielmehr ein Lebewesen, das aus vier Milliarden Arten besteht, die sich gegenseitig bedingen, ergänzen und immer feiner entwickeln. Ein lebendes System, das sich selbst erschafft, selbst reguliert, selbst korrigiert, selbst erhält. Als neuen alten Namen wählten die Entdecker GAIA, jene mythische Erdgöttin, die die alten Griechen verehrten und die Homer besang.

 
Die Gaia-Hypothese

In den sechziger Jahren formulierte der britische Geologe, Biologe und Chemiker James Lovelock erstmals die Gaia-Hypothese. Die amerikanische Weltraumbehörde NASA hatte den britischen Experten angeworben, um Auskunft über die Frage nach Leben auf dem Mars zu erhalten. James Lovelock sammelte alle verfügbaren Daten über das Atmosphärengemisch am Himmel des Nachbarplaneten im Sonnensystem, wählte den einzig möglichen Vergleichsmaßstab: die Erde. Für den Mars fiel das Ergebnis negativ aus. Doch der Querdenker aus Cornwell musste überrascht feststellen, dass die Bedingungen auf unserem Heimatplaneten alles andere als ruhig, ausgeglichen und im erwarteten Gleichgewicht waren. Da gingen Sauerstoff und Methan alle möglichen Verbindungen ein, CO2 und Schwefel waren in riesigen Dosen vorhanden – doch das explosive Gemisch blieb stabil. Mehr noch: Die Atmosphäre der Erde hielt seit scheinbar Milliarden von Jahren eine konstante mittlere Temperatur aufrecht, während die Sonneneinstrahlung an Intensität ständig zunahm, und auch der Salzgehalt der Meere blieb konstant, obwohl Millionen Tonnen ständig in die Ozeane fließen. James Lovelock vertiefte sich fasziniert in dieses Muster aus Ungleichgewichten, Symbiosen, Ergänzungen und Konkurrenzen und fand nur eine Erklärung: Um diese dauerhaften Ungleichgewichts-Zustände aufrechtzuerhalten, musste das Leben auf der Erde von Beginn an gesteuert worden sein – durch einen lebendigen Prozess.

 
Der Superorganismus

Der Forscher definierte das Leben des Superorganismus' so: Die Erde ist ein Lebewesen, das sich in einem gigantischen Prozess genau die Bedingungen schafft, die es zum Existieren aller seiner Bestandteile braucht. "Ko-Evolution" lautet das Schlüsselwort in diesem monumentalen Steuerungs- und Rückkopplungssystem, in dem jedes Teil seinen Platz solange behält, wie es den eigenen Nutzen mit der Erhaltung der Mitwelt in Einklang bringt. Gaia – ein Lebewesen ohne reflektives Bewusstsein, aber als perfekt abgestimmtes, sich selbst regulierendes lebendes System, Jahrmilliarden funktionierend, lässt sich aber nur begreifen, wenn der herrschende Wissenschaftsbegriff auf den Kopf gestellt wird und alles Wissen über Einzelphänomene als Teile eines Ganzen verstanden werden. Dann erscheint uns die Erde als großer Organismus, in dem die Mikroben und Einzeller erst die Atmosphäre schufen, in der sich das Leben differenzierte, wo aus Steinen und Mineralien Lebewesen entstanden und aus Lebewesen fossile Steine, wo die Grenze verschwimmt zwischen organischen und anorganischen Substanzen und der Mensch alles andere ist als ein Beherrscher. Seine Rolle vielmehr gehört neu bestimmt. Die Gaia-Hypothese, nach vielen Jahren Forschung längst als Theorie anerkannt, ist der Pfeiler eines neuen internationalen ökologischen Weltbilds.