- Minnelyrik des Mittelalters
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Denken wir an mittelalterliche Lyrik, so kommen uns unwillkürlich Namen wie Walther von der Vogelweide oder Wolfram von Eschenbach in den Sinn. Sie stehen für eine besondere Art von Liebeslyrik, die sogenannte Minnelyrik, die im Hochmittelalter an den einflussreichen Höfen vieler Fürsten verbreitet war. In der Minnelyrik wird allerdings eine Scheinwelt aufgebaut, in der der fahrende Minnesänger von der Gunst seiner meist verheirateten Minnedame lebt, und in deren erotischem Spannungsfeld Gesellschaft, Ehemann, Herrin des Hauses und eben der Sänger eine feste Rolle einnehmen. Doch spätestens Walther erkennt, dass diese Scheinwelt nur die höfisch-höfliche Fassade vor einer raueren Wirklichkeit ist, in der die zarte, erotische Liebe keinen Platz mehr findet.
So ist es nur folgerichtig, dass sich alsbald Dichter zu Wort melden, die mit einem sicheren Gespür für die Realitäten neue Themen erschließen. Ein solcher Dichter ist Oswald von Wolkenstein, der in seinem bewegten Leben vielfältige Erfahrungen sammelt, die er in seinem umfangreichen Werk verarbeitet. Außerdem ist von keinem anderen mittelalterlichen Dichter so viel bekannt wie von Oswald. So ist es uns möglich, sein Leben genau zu rekonstruieren, und sogar sein markantes Aussehen ist relativ sicher überliefert.
- Oswalds Leben
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Oswald wurde zwischen 1376 und 1378 in Südtirol, wahrscheinlich auf einer der Burgen Schöneck im Pustertal, Säben, der Trostburg oder auf Wolkenstein geboren. Sein Urgroßvater Randolt von Villanders, Verwalter der bischöflichen Burg Säben, hatte 1293 die Burg Wolkenstein im Grödnertal gekauft. Nach diesem Besitz nennt sich die Familie seit dem Ende des 14. Jahrhunderts. Oswalds Vater Friedrich und seine Mutter Katharina von Villanders haben drei Söhne, deren zweiter Oswald ist. Oswald hat auch vier Schwestern. Durch einen Unfall verliert er in frühester Jugend das rechte Auge. Die dadurch hervorgerufene Gesichtsentstellung ermöglicht es, Oswald auf Abbildungen zu identifizieren. Das geschlossene Auge könnte aber auch auf eine mögliche angeborene Lidlähmung hinweisen.
1417 heiratet Oswald die wohlhabende Margarete von Schwangau, die er Gret, die stolze Schwäbin nennt. Aus dieser Verbindung gehen sieben Kinder hervor.
In seinem Lied "Durch Barbarei, Arabia" gibt uns Oswald einen Einblick in sein bewegtes Leben. Er nennt die Länder, die er teils aus eigenem Interesse, teils in diplomatischen Diensten für den deutschen Kaiser Sigismund I. bereist: Vom heiligen Land bis Portugal, von Skandinavien bis Nordafrika führt ihn sein Geschick.
- Oswalds Lieder
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Viele persönliche Mitteilungen, die der Dichter gerne in seine Lieder einstreut, geben uns das Bild eines derben, wenig zimperlichen und bisweilen gewalttätigen Menschen. Ergänzt werden diese biographischen Daten durch Namensnennungen in Urkunden und anderen historischen Quellen. Seine humorvolle und lebensfrohe Sprache kann bereits dem Frühneuhochdeutschen zugerechnet werden und entfernt sich deutlich vom Mittelhochdeutschen der Minnelyrik. Seine Lieder sind von wortgewaltiger Fülle und teils gewagten Wortschöpfungen geprägt. Zur vitalen, sinnlich-gegenständlichen Erfahrung der Welt gesellen sich oft beißender Humor, Ironie und Parodie. Ferner hat Oswald in seinen beiden selbst in Auftrag gegebenen Liederhandschriften nicht nur seine Texte und sein Portrait der Nachwelt überliefert, sondern er ist auch der erste Dichter deutscher Sprache, zu dessen Liedern Melodien erhalten sind. Sein Werk umfasst 126 echte Lieder, 122 ein- und mehrstimmige Kompositionen und Umdichtungen lateinischer Reimpaarreden. Darunter fallen Liebeslieder in Ich-Form, Tagelieder und Pastourellen, Liebesdialoge und Minneallegorien, Trink- und Scheltlieder, Reise- und geistliche Lieder. Derbe, sexualitätsbezogene Inhalte stehen neben lyrischen Texten von hohem Stil. Die Melodien komponiert Oswald nach italienischen und französischen Vorbildern selbst.
- Tod
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Am 2. August 1445 stirbt Oswald auf Burg Hauenstein in Meran. Er wird im Kloster Neustift bei Brixen begraben.
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