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Ludwig Thoma – Heimat und Welt
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Ludwig Thoma in der Literaturgeschichte – 1950er Jahre Die 1970er Jahre
Die 1990er Jahre Der unbekannte Thoma
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Ludwig Thoma in der Literaturgeschichte – 1950er Jahre

"Durch das vertiefte Beachten der Umwelt wurde die Heimatdichtung stark angeregt, so dass fast für jede deutsche Landschaft eine bodenständige Erzählkunst erwuchs," steht 1956 in Georg Rieds "Wesen und Werden der deutschen Dichtung" (Verlag M. Lurz, München" auf S. 206. Eine Seite weiter wird "für Altbayern Ludwig Thoma mit seinem gut beobachtenden, wenn auch oft recht derben Erzählungen ("Andreas Vöst", "Agricola", "Assessor Karlchen", "Lausbubengeschichten"), seinem satirischen "Briefwechsel eines bayerischen Landtagsabgeordneten" und seinen scharf zugreifenden Komödien "Die Lokalbahn", "Die Medaille", "Lottchens Geburtstag", "Die kleinen Verwandten", "Moral" genannt. Mehr war rund zehn Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus über den Dichter Thoma, der oft unverhohlen antisemitische Äußerungen publizierte, nicht zu sagen.

 
Die 1970er Jahre

1972 heißt es: "Ein höchst origineller satirischer Darsteller der oft grob verschlagenen Bauern Oberbayerns war Ludwig Thoma (1867-1921). In Oberammergau, Dachau und am Tegernsee lernte er ihre Starrköpfigkeit, ihren Stolz kennen und beobachtete, wie der Dünkel der höheren Stände und Beamten den Untertanengeist förderte. Der gerade, unverbildete Mensch des Volkes ist Thomas Vorbild. Sentimentale Heimatschwärmerei passte, jedenfalls vor dem 1. Weltkrieg, nicht zu seinem Naturell." (Friedrich G. Hoffmann und Herbert Rösch in Grundlagen, Stile, Gestalten der deutschen Literatur, Frankfurt: Hirschgraben Verlag 1983, S. 262). Nach einem kurzen Überblick über seine wichtigsten Werke wird Thomas nationalgetönter Liberalismus angesprochen, den er im Vorkriegs-Simplicissimus zeigte. Kritische Töne sind also auch in dieser Literaturgeschichte nicht enthalten.

 
Die 1990er Jahre

Wieder 20 Jahre später, 1992, widmet die "Geschichte der deutschen Literatur" von Hans Gerd Rötzer dem Dachauer Rechtsanwalt Ludwig Thoma immerhin fast zwei Seiten. Den größten Teil davon nehmen Kurzinterpretationen seiner wichtigsten Werke ein. Der Dichter selbst wird als "vom Dialekt und Milieu seiner bayerischen Heimat geprägt" (S. 287) beschrieben. Aber Thoma sei kein regionaler Heimatdichter, sondern habe engagierte Gesellschaftskritik geübt, vor allem am Beamtenapparat und dem Opportunismus der Leute. Eine umfassende Würdigung der Persönlichkeit Thomas fehlt auch hier.

 
Der unbekannte Thoma

Vielleicht liegt das an dem anderen, den unbequemen und vielleicht unerwünschten Thoma. Den Thoma, der Frauen mitunter für sein Vergnügen ausnützte, der begeistert den Weltkrieg bejahte und gegenüber den Juden mit beißender Häme und Hass auftrat. Sein Leben, das immer wieder von schlimmen Erlebnissen geprägt war, gibt nur zum Teil einen begründenden Verständnishorizont für seine widerstreitenden Persönlichkeitsmerkmale ab.

In den 20 Jahren, die Thoma für die Satirezeitschrift Simplicissimus arbeitete, genoss er das Leben, fühlte sich in der Gesellschaft ähnlich denkender Zeichner wohl und schrieb über 800 kleine Beiträge, in denen er Beobachtungen und Stimmungen, Lustiges und Ernstes, Banales und Kritisches aus seiner oberbayerischen Heimat festhielt. Seine sprachschöpferische Kraft ist hingegen bis heute unumstritten, so dass seine Texte sowohl als stimmungsvolle Unterhaltung als auch als Quelle zeitgenössischen Brauchtums gelesen werden können. Deshalb ist der Dichter Thoma als zeitloser Literat für die Schule wie für den Literaturkenner eine Empfehlung wert.