- Zur Verbreitung weiblicher Dichter
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In einem gebräuchlichen Lehr- und Arbeitsbuch für die 11. Klasse des Gymnasiums finden sich heute 86 verschiedene Autoren von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Davon sind gerade einmal neun Frauen. Diese sicher nicht repräsentative Untersuchung dürfte aber immerhin ein typisches Verhältnis der Vorkommen weiblicher und männlicher Dichter in deutschen Schulbüchern aufzeigen. Wenn man bedenkt, dass in unserer gegenwärtigen Gesellschaft wenigstens auf dem Papier die Gleichberechtigung von Mann und Frau erreicht ist, so lässt sich als Ursache für das oben genannte Missverhältnis zum Beispiel anführen, dass in vergangenen Jahrhunderten schreibende Frauen deutlich geringere Chancen hatten, in die Öffentlichkeit zu dringen, als männliche Autoren. Selbst der ausdrückliche Wunsch, Frauen in Lehrbüchern gleichermaßen zu Wort kommen zu lassen wie Männer, scheitert daran, dass in der Vergangenheit Literatur von Frauen deutlich seltener zu Papier gebracht und veröffentlicht wurde.
Deshalb darf es nicht verwundern, dass in der patriarchalisch geprägten antiken Gesellschaft um 600 v. Chr. Frauen in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle spielten. Die bedeutendsten Autoren der griechisch-römischen Antike sind daher ausschließlich Männer: Homer, Sophokles, Aristophanes, Eurypides, Cicero, Tacitus, Ovid – um nur einige zu nennen. Umso erstaunlicher ist es, dass seit über 2.500 Jahren der Name einer Dichterin unvergessen blieb: Sappho von Lesbos.
- Das Besondere an der Dichtkunst Sapphos
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Von Sappho sind nur ganz wenige Texte überliefert. Allerdings findet sich in dem äußerst schmalen Oeuvre ein zarter Hinweis auf eine mögliche Ursache ihrer Wirkung. Sie deutet darin an, dass es Sache der Männer sei, von Heldentaten, Kriegen, sowie Haupt- und Staatsaktionen zu schreiben. Ihr (der Frau) Anliegen dagegen sei das Gefühl, die Beziehung zu geliebten Menschen und die Darstellung des Privaten. Dazu gehört auch ihre besondere Art der Verehrung der Götter, die in ihrer weiblichen Form wohl auch andere Ausmaße annimmt als die männliche Anrufung zum Zweck, das Kriegsglück zu erheischen oder andere handfeste Reaktionen auszulösen. Sappho besingt Aphrodite in einer erst spät wiederentdeckten Hymne. Und auch, wo sie eine reale Bitte ausspricht, bittet sie nicht für sich selbst, sondern für einen ihrer Mitmenschen.
Im Vordergrund von Sapphos Lyrik steht immer die Liebe. Dies mag ein weiterer Hinweis darauf zu sein, warum aus der Antike so wenig Lyrik von Frauen überliefert ist. Die Liebe ist etwas ursprünglich Intimes, sie geht Fremde nichts an und wird in aller Zurückgezogenheit, in der Abgeschlossenheit des Hauses praktiziert. Wenigstens die eheliche Liebe. Sobald Liebe jedoch in die Öffentlichkeit getragen wird, auf die Straßen und Plätze, haftet ihr etwas Verruchtes, Unmoralisches an, gegen das sich die Kritik der Männerwelt und religiös-kirchlicher Instanzen richtet. Auch wenn diese Kritik bisweilen verlogen und bigott ist, so hat sie doch dazu geführt, dass Sappho bereits in ihrer Zeit, aber noch viel mehr später im christlichen Mittelalter, verachtet und ihre Werke gezielt vernichtet wurden.
- Die lesbische Liebe
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Sappho von Lesbos – der Name steht auch für weibliche Homosexualität. Während man in der Antike mit verschiedenen Spielarten der Liebe relativ unbefangen umging, hat sich im christlichen Abendland über Jahrhunderte eine scharfe Verteufelung und Verurteilung aller Liebespraktiken durchgesetzt, die nicht die Zeugung ehelicher Nachkommen zum Ziel hat.
Erst in unserer unmittelbaren Gegenwart erobert sich Homosexualität wieder gesellschaftliche Anerkennung, wenngleich davon eine gewisse voyeuristische Faszination ausgeht, die sich die Medien oft in marktschreierischer Form zu Nutze macht und dem Thema bisweilen die Ernsthaftigkeit nimmt. So steht der Name Lesbos oft nur noch für das sinnenhafte Ausleben fleischlicher Begierden, während alles Übrige, für das der Name Sappho von Lesbos einmal stand: weibliches Selbstbewusstsein, Aufbegehren gegen ungerechte männliche Dominanz, die Bejahung des eigenen Gefühls auch gegen gesellschaftliche Konvention – in Vergessenheit gerät oder sogar heute wie damals misstrauisch verfolgt wird.
- Worin besteht Sapphos Liebe?
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Sappho besingt in ihren Gedichten die Schönheit und Liebe ihrer Mädchen und jungen Frauen, ihrer Schülerinnen. Die wenigen Texte, die uns von Sapphos umfangreichem, ursprünglich neun Bände umfassenden Werk erhalten geblieben sind, geben zarte Andeutungen wider. Zotige Derbheit, Anzüglichkeit oder handgreifliche Sinnenlust sucht man vergebens: Sappho bleibt dem Eros treu, den sie als Sohn Aphrodites verehrt.
Diese weibliche Erotik forderte zunächst die männliche Eifersucht heraus: Die Frau habe sich gefälligst dem Manne unterzuordnen und sich in die Abhängigkeit seiner Sexualität zu begeben. Später sahen christliche Kritiker, dass die weibliche Erotik Sapphos den Wunsch nach Ehe und Kinderzeugung überflüssig machen könnte. Scheinbar zügellose Sündhaftigkeit und unstatthaftes Aufbegehren eines untergeordneten Geschlechts waren die Vorwände, die Sapphos Gedanken zusammen mit ihrer Lyrik dem Untergang weihten. Beinahe!
- Kleine Wirkungsgeschichte
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Die Verse Sapphos haben schon früh die Neider und Sittenwächter auf den Plan gerufen. Sie haben mit Eifer und äußerst erfolgreich Sapphos Dichtungen über Schönheit, Götterverehrung, Liebe und Glück vernichtet. Nur einigen günstigen Umständen ist es zu verdanken, dass die Vernichtungsaktionen vergangener Jahrhunderte nicht von vollkommenem Erfolg gekrönt waren. Etwa seit der Aufklärung finden sich mehr und mehr männliche Dichterkollegen, die Sapphos Werk rühmen und ihr zu Ehren eigene Texte verfassen. Johann Gottfried Herder, Eduard Mörike und Rainer Maria Rilke stehen hier für viele weitere.
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