- Elternhaus und frühe Kindheit
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Edgar Allan Poe sehnte sich zeitlebens danach, von besonderer, vielleicht sogar adliger Herkunft zu sein, um so den Nimbus des Erhabenen, des Unangreifbaren zu haben. "Nemo me impune lacessit" – "Niemand kränkt mich ungestraft." Dieses Familienmotto des Erzählers aus "Das Fass Amontillado" gibt seine Sehnsucht präzise wieder. Dieser Wunschtraum jedoch konnte der kruden Wirklichkeit nicht standhalten.
Woher kam dieses Ausstrecken nach einer anderen Existenz? Poe war das Kind eines Schauspielerehepaars. Von unserem heutigen Standpunkt aus gesehen ist dies ja nun nichts Ehrenrühriges, vielleicht sogar etwas Interessantes. Dies war um 1800 zumal in der amerikanischen Gesellschaft Neuenglands gänzlich anders: Zwar gab es auch hier Publikumslieblinge oder Stars, die zumeist aus England kamen. Aber insgesamt haftete der Schauspielerwelt für den gemeinen neuenglischen Bürger doch etwas Zwielichtes an. Das Theater war im Ganzen gesehen zwar eine Vergnügungsstätte des gehobenen Bürgertums, hatte aber neben seiner Anrüchigkeit – oder gerade deswegen – etwas höchst Anziehendes.
Poes Großvater David Poe entstammte diesem gehobenen Bürgertum und war ein amerikanischer Patriot, der ein Großteil seines Vermögens für Kriegsanleihen im Unabhängigkeitskrieg geopfert hatte. Das Theater galt ihm, dem fortschrittlich gesinnten Amerikaner, als anrüchig und überflüssig.
Umso härter traf es ihn, der seinem zweiten Sohn die patriotischen Vornamen George Washington gab, dass sich sein Erstgeborener David Poe jr. gerade dieser nutzlosen und verderblichen Tätigkeit hingab. Das Zerwürfnis David Poes mit seiner Familie war unausweichlich und stieß ihn im finanziellen Sinne ins Bodenlose. Problemverschärfend kam freilich noch hinzu, dass seiner schauspielerischen Begabung wohl auch gewisse Grenzen gesetzt waren. Auch seine Neigung zum Alkohol war für die Haushaltskasse sicher nicht förderlich, eine Neigung, die er auch seinem Sohn Edgar vererbte.
Poes Mutter Eliza wuchs in einer englischen Schauspielerfamilie auf. Zusammen mit ihrer Mutter, ihr Vater war wahrscheinlich schon tot, war sie 1796 nach Amerika gekommen. Schon als Kind vom Publikum gefeiert, war sie auch später um vieles erfolgreicher und gefeierter als ihr Mann. Die Anerkennung durch das Publikum schlug sich jedoch nicht in ihren Einnahmen nieder, sodass das Ehepaar Poe kaum genug hatte, um sich selbst zu ernähren. Mit den Kindern, von denen das dritte erst zur Welt kam, als David Poe die Familie schon verlassen hatte (wohl weil er die Situation seiner Familie nicht ertragen konnte, aber auch wegen Neids auf den Publikumserfolg seiner Frau) wurde die finanzielle Lage katastrophal. Alleingelassen mit ihren Kindern laugte Eliza Poe die Arbeit aus. Schließlich infizierte sie sich mit Tuberkulose und starb mit kaum 23 Jahren.
- Die Pflegefamilie und die Ausbildung
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Den zweijährigen Edgar, seinen zwei Jahre älteren Bruder Henry und die einjährige Rosalie ließ sie mittellos zurück. Frances Allan, die Frau des erfolgreichen Kaufmann John Allan, war, wie viele Damen des wohlhabenden Bürgertums Richmonds, erschüttert von dem Schicksal der beliebten Schauspielerin. Sie bewog ihren Mann, ihre Ehe war kinderlos geblieben, Edgar aufzunehmen. Poe wurde allerdings nie von John Allan adoptiert.
Als die Familie fünf Jahre aus geschäftlichen Gründen in Schottland, der Heimat John Allans, und England verbrachte, absolvierte Poe seine Schulausbildung im schottischen Irvine und in Stoke Newington in der Nähe von London. Diese Zeit kann als eine der glücklicheren Zeiten seines Lebens gelten. 1820 kehrte die Familie nach Richmond zurück.
Das Verhältnis zum Pflegevater gestaltete sich aber schwierig. Poe wurde kaum finanziell unterstützt, als er 17-jährig ein Studium an der Universität von Virginia in Charlottesville aufnahm. Um einigermaßen mit seine Kommilitonen mithalten zu können, machte er Schulden und begann zu trinken. In seiner Erzählung "William Wilson" kann man etwas von seinem chaotischen Studentendasein erahnen. Als er wieder nach Richmond zurückkehrte, bezahlt John Allan nicht nur seine Schulden nicht, sondern macht ihm so heftige Vorwürfe, dass er schließlich das Haus verlässt.
- Erste literarische Versuche, Militärdienst und die neue Familie
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Um sich vor Schuldnern zu retten, machte er sich unter dem Namen Henri le Rennêt auf den Weg nach Boston, wo es ihm gelang unter der Autorenangabe "by a Bostonian" seinen ersten Gedichtband "Tamerlane und andere Gedichte" im Selbstverlag – das Geld hatte er möglicherweise von Frances Allan – herauszugeben.
Dann suchte er Zuflucht bei der amerikanischen Armee, wo er u.a. Dienst im Fort Moultrie auf Sullivan's Island tat. Später sollte diese Insel der Ort sein, auf dem seine Erzählung "Der Goldkäfer" angesiedelt ist. Nach seiner Entlassung, Frances Allan war inzwischen - auch an Tuberkulose – gestorben, wurde er von John Allan darin unterstützt, in die Militärakademie von West Point einzutreten. John Allan hoffte wohl, auf diese Weise sich seines lästigen Pflegesohnes zu entledigen.
Allerdings war noch eine Wartezeit von einem Jahr zu überstehen, in dem er Unterstützung bei Verwandten in Baltimore suchte. Hier traf er Maria Clemm, eine Schwester seines Vaters und deren Tochter Virginia, seine zukünftige Frau, die freilich noch ein Kind war. Beide sollten ihm eine wichtige Stütze in den noch bevorstehenden notvollen Jahren werden. In Baltimore veröffentlichte er seine Gedichte in erweiterter Auflage unter dem Titel "Al Aaraf, Tamerlane und kleinere Gedichte". Diesmal wurden sie unter seinem Namen Edgar Allan Poe herausgegeben. Seine Zeit in West Point war nur sehr kurz, er wurde nach einem halben Jahr 1831 wegen Ungehorsams entlassen. Den harten Erziehungsstil konnte der sensible Charakter nicht verkraften.
- Die Zeit in Baltimore
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Mittellos kehrte er zu Maria und Virginia zurück. Finanzielle Unterstützung fanden sie in der Witwe seines Großvaters. Die Zeit in Baltimore 1831 bis 1835 ist durch Not, Krankheit und Tod geprägt. "König Pest" und "Die Maske des Todes" spiegeln die Choleraepidemie von 1831 wider. Wie die Mutter wurde auch Poes älterer Bruder Henry, mit dem er zu dieser Zeit ein Zimmer teilte, von Tuberkulose hinweggerafft. Als auch noch die Großmutter starb, wurde die finanzielle Situation so brenzlig, dass Poe Vergessen in Alkohol und Opium suchte.
Die finanzielle Notwendigkeit mit seinem Schreiben Geld zu verdienen, bewegte ihn zu einem Wechsel der literarischen Gattung, da die Chancen, mit den Gedichten Geld zu verdienen, äußerst gering waren. Seine erste Erzählung "Metzengerstein" veröffentlichte er im Philadelphia Saturday Courier. Poe sollte nun zur Entwicklung der Kurzgeschichte Entscheidendes beitragen. Es folgte "Das Manuskript der Flasche", mit der er 1833 einen Wettbewerb des Baltimore Saturday Visitor gewann.
- Hochzeit und literarisches Schaffen in Richmond
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1835 lockte ihn ein Angebot des Verlegers des Southern Litarary Messengers wieder nach Richmond zurück. Seine neue Familie, Maria und Virginia, folgte ihm dort hin. John Allan war übrigens mittlerweile verstorben, ohne dass Poe auch nur irgendetwas geerbt hätte. In Richmond heiratete er seine 13-jährige Cousine, er selbst war inzwischen 26. Die Ehe scheint aber – zumindest in den ersten Jahren – platonischer Art gewesen zu sein. Mit "Maelzels Schachspieler" bereitete er in Richmond das scharfsinnige detektivische Vorgehen Dupins vor, der der erste Detektiv der Weltliteratur werden sollte.
- Der erste New York-Aufenthalt
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Trotz deutlicher Erfolge, die der Southern Literary Messenger besonders auch durch Poes Mitarbeit hatte, geriet die Zeitung schließlich in Schwierigkeiten. So zog es Poe mit Frau und Schwiegermutter nach New York. Seine Hoffnungen, hier ebenfalls bei einer Zeitung aufgenommen zu werden zerschlugen sich zwar, seine Zeit in New York war allerdings literarisch äußerst fruchtbar, es entstand "Die Abenteuer des Gordon Pym". Der erhoffte finanzielle Erfolg blieb aber auch mit diesem Werk, seinem umfangreichstem, aus. Schließlich zog er 1838 nach Philadelphia.
- Philadelphia als Ort der Entwicklung der Detektivgeschichte
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In Graham's Magazine veröffentlichte er dir drei Detektivgeschichte um den Pariser Detektiv Dupin. Trotz des Erfolges kündigte er die Zusammenarbeit mit dieser Zeitung. Der anschließende Versuch Regierungsangestellter zu werden, scheiterte jedoch. Mit seiner Erzählung "Der Goldkäfer" gewann er abermals bei einem Wettbewerb eine Summe von 100 Dollar. Schließlich traf ihn aber auch hier ein Schicksalsschlag: Virginia hatte sich, wie zuvor seine Mutter und sein Bruder, mit Tuberkulose infiziert, ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich schnell.
- Der zweite New York-Aufenthalt
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1844 zog es Poe erneut nach New York, wo er bessere Chancen für sich sah, bei einer Zeitung sein Geld zu verdienen. Allerdings hatte sein Ruf wegen einiger Alkoholexzesse auch sehr gelitten. In New York wurde Poes literarisches Schaffen noch einmal äußerst fruchtbar. In einer Rückwendung zur Lyrik schuf er u.a. sein lyrisches Meisterwerk „The Raven“. Auch fand er wieder eine Anstellung bei einer Zeitung, er wurde Redakteur des Evening Mirror.
"The Raven" und Poes Vortragskunst fanden ein solches Echo in der Öffentlichkeit, dass sich aus der Frage nach der Entstehung des lyrischen Werkes die bedeutende literaturtheoretische Abhandlung "Die Philosophie der Komposition" entwickelte. In ihr wird ein rationales Konstruktionsmodell von Literatur beschrieben. Er tritt hier der Vorstellung entgegen, dass Literatur so etwas wie ein Resultat der biografischen Umstände ist.
- Virginias Tod und Poes eigenes Ende
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Sein oftmals exzessiver Lebenswandel, besonders der Alkohol, gefährdeten seine Existenz aber weiterhin. So wurden seine Lebensumstände mit der Zeit wieder bedrückend. Zusätzlich verstrickte er sich noch in Auseinandersetzungen mit New Yorker Literaten. Als dann noch Virginia mit 24 Jahren im Jahre 1847 starb, gab er sich noch hemmungsloser dem Alkohol hin und konnte sich seiner Depressionen nicht mehr erwehren. Mit "Annabel Lee" setzte er seiner Frau ein lyrisches Denkmal, das er aber zu seinen Lebzeiten nicht mehr veröffentlichte. In der Folge versuchte er sich mit Vortragsreisen über Wasser zu halten.
1849 aber konnte sein Körper den Belastungen nicht mehr standhalten. Von einer Vortragsreise kommend wurde er hilflos aufgefunden. Er starb am 7. Oktober 40-jährig in Baltimore. Über die genaue Todesursache können nur Mutmaßungen angestellt werden.
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