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"Die nackte Seele, der nackte Mensch" – Die Zeit des Naturalismus
Hintergrund
Gedanklicher Hintergrund Die soziale Situation
Lyrik des Naturalismus Prosa des Naturalismus
Drama des Naturalismus
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Gedanklicher Hintergrund

Der Mensch ist ein durch Erbanlagen und soziale Bedingungen geprägtes Wesen. So wird der Mensch in der Milieutheorie des französischen Philosophen Hippolyte Taines (1828-1893) gesehen. Die naturalistischen Künstler folgten ihm in dieser Einschätzung. Ihr Denken war deutlich geprägt von den neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen des 19. Jahrhunderts, v.a. durch Darwins Evolutionslehre.

 
Die soziale Situation

In einer Radikalisierung des Realismus sollte die Wirklichkeit möglichst so abgebildet werden, wie sie nun einmal ist oder - wie wir mit heutiger Erkenntnisskepsis sagen müssen – zu sein scheint. Entgegen vollmundiger Versprechen Kaiser Wilhelms II. – "Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen" – war diese Wirklichkeit für breite Bevölkerungskreise nur schwer erträglich. Unmenschliche Arbeitsbedingungen für die einen, Arbeitslosigkeit für die anderen, elende Wohnverhältnisse, trotz großer medizinischer Fortschritte eine noch immer hohe Kindersterblichkeit und Flucht in den Alkoholismus sind kennzeichnend für die Lebenssituation vieler in den letzten Jahrzehnten vor der Jahrhundertwende; zumindest in größeren Städten, in die immer mehr Menschen, um Arbeit zu finden, kamen.

 
Lyrik des Naturalismus

Als Gegenbewegung zu den vorherrschenden Strömungen der Lyrik, die als verlogen empfunden wurden – so die Brüder Hart in ihren Schriften - bildete sich um 1880 herum zunächst die naturalistische Lyrik heraus. Entsprechend der gesellschaftlichen Wirklichkeit waren die zentralen Themen die "Soziale Frage" und Großstadt. Viele der naturalistischen Dichter erlebten am eigenen Leib, was es hieß, vom Land in die Großstadt zu ziehen – die Großstädte Berlin und München wurden dann auch schnell zu Zentren der naturalistischen Bewegung. Sie assoziierten Großstadt mit Schmutz und Elend. So wurde Großstadtlyrik vielfach zu sozialer Lyrik. Mit seinem "Buch der Zeit" gilt Arno Holz als bedeutendster naturalistischer Lyriker.

 
Prosa des Naturalismus

Im Laufe der 1880er Jahre wendete man sich auch mehr der Prosa zu. Trotz der beachtlichen Erfolge von Emile Zolas Romanen blieb der naturalistische Roman im Ganzen doch weit hinter Autoren wie Fontane und Thomas Mann zurück. In den kleineren Erzählformen allerdings erlebte der Naturalismus einen Durchbruch. Auch in ihnen wurde das Leben des Proletariats, der Großstadt und Industrialisierung thematisiert. In Anlehnung an die neue Erfindung des Phonographen und die Weiterentwicklung der Fotografie kreierten naturalistische Erzähler eine gänzlich neue Erzähltechnik, den "Sekundenstil". Seinen Namen erhielt dieser Erzählstil 1900 durch Hanstein.

So erklärt sich die wirklichkeitsgetreue Darstellung der Dialoge, mit Wortfetzen, Pausen, Dialekt u.a.. Erzählzeit und erzählte Zeit sollten möglichst zur Deckung gebracht werden. Die Erzählperspektive ist vorwiegend personal. Mit dem "Sekundenstil" korrespondiert oft der häufig verwendete sog. "innere Monolog".

 
Drama des Naturalismus

Auch in dem in den 1890er Jahren den Vorrang gegenüber den anderen literarischen Formen übernehmenden Drama wurden diese Techniken eingesetzt. Taines Theorie, dass Rasse, also Erbanlage, und Milieu Wesen und Verhalten des Menschen bestimme, sollte auf der Bühne vorgeführt werden. Oft wurde in konsequenter Umsetzung der Theorie ein unveränderliches Milieu abgebildet, dem die Protagonisten fast schicksalhaft ausgeliefert sind. Es besteht keine Chance zur Veränderung.

Unter Beibehaltung der klassischen Einheit von Ort, Handlung und Zeit wurde das Dramatische zugunsten einer Beschränkung der Handlung auf wesentliche Merkmale von Milieu und Personen reduziert. Eine möglichst wirklichkeitsgetreue Darstellung sollte gewährleistet sein. Damit wurde trotz des Rückgangs des Dramatischen, das vielfach epischen Elementen Platz machte, die Illusion von Wirklichkeit für den Theaterbesucher noch gesteigert. Brechts "episches Theater" nimmt von dieser stärkeren Betonung der erzählerischen Momente seinen Ausgang, lehnt aber die Illusionierung ab. Gerhart Hauptmann und das Autorenduo Arno Holz und Johannes Schlaf sind wohl die bekanntesten deutschen Dramatiker des Naturalismus. Besondere Beachtungen fand – und findet noch heute – der Norweger Henrik Ibsen.