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 | Von der Gebrechlichkeit der Welt - Heinrich von Kleist |
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Autor: Dietrich Harth
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Auszug aus dem Sendemanuskript
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MARTINI:
Kleist (war) ein nicht zu dämpfender Feuergeist, der Exaltation selbst bei Geringfügigkeiten anheim fallend, unstet, aber nur dann, wenn es auf Bereicherung seines Schatzes von Kenntnissen ankam, mit einer bewundernswerten Auffassungsgabe ausgerüstet, von Liebe und warmem Eifer für das Lernen beseelt; kurz der offenste und fleißigste Kopf von der Welt, dabei aber auch anspruchslos.
SPRECHER: So urteilte Heinrich von Kleists erster Erzieher, der Hauslehrer Christian Ernst Martini, über seinen Zögling. Kleist stammte aus einem angesehenen Adelsgeschlecht und trat schon mit 15 Jahren – wie es in seiner Familie der Brauch war – als Gefreiterkorporal in den preußischen Heeresdienst. Sieben Jahre später, kurz vor der Reifeprüfung, beantragte er seinen Abschied vom Militär. Damals, im Frühjahr 1799, schreibt er dem ehemaligen Hauslehrer Martini einen Brief, in dem er die Erwartungen, die er an sein künftiges Leben stellt, darzulegen versucht:
KLEIST: Vielleicht ist es möglich, dass Zeit und Schicksale in mir Gefühle und Meinungen ändern; denn wer kann davor sicher sein! Es ist möglich, dass ich einst für ratsam halte, eine Bedienung, ein Amt zu suchen, und ich hoffe und glaube auch für diesen Fall, dass es mir dann leicht werden wird, mich für das Besondere eines Amtes zu bilden, wenn ich mich für das Allgemeine, für das Leben, gebildet habe. Aber ich bezweifle diesen möglichen Schritt; weil ich die goldne Unabhängigkeit, oder, um nicht falsch verstanden zu werden, die goldne Abhängigkeit von der Herrschaft der Vernunft mich gewiss stets zu veräußern scheuen würde, wenn ich erst einmal so glücklich gewesen wäre, sie mir wieder erworben zu haben.
SPRECHER: Diese gewundenen Sätze lassen die tiefen Selbstzweifel des Briefschreibers erkennen. Und sie weisen voraus auf seine zukünftige Lebensgeschichte. "Feuergeist", "Eifer" und "Exaltation" – wie der frühere Hauslehrer sich ausdrückte – das mag ja alles stimmen. Doch andere, engste Freunde, bezeugen auch seinen Hang zur Melancholie. Gewiss, Kleist wird hartnäckig am Lebensplan der "goldnen Unabhängigkeit" festhalten. Aber eben diese Hartnäckigkeit wird ihm auch zum Problem, wird ihn immer wieder an Grenzen stoßen lassen: Er beginnt mit dem Studium der Mathematik und Naturwissenschaften, gibt auf, geht früh eine Verlobung ein, die er schon zwei Jahre später wieder löst, bereitet sich auf den zivilen Staatsdienst vor, entdeckt sein literarisches Talent, leidet bei allem, was er plant und tut, an chronischem Geldmangel, engagiert sich in der politischen Publizistik, stößt mit der Zensur zusammen, bewirbt sich um zivile Berufe, denkt dann wieder an eine militärische Laufbahn – und beendet im Alter von 34 Jahren sein Leben durch Selbstmord. Seinen Freitod, den er zusammen mit der Freundin Henriette Vogel vollzieht, hat er genau geplant. In einem Abschiedsbrief schreibt Henriette Vogel an einen befreundeten Militärbeamten:
Das vollständige Manuskript zum Herunterladen:
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