- Franz Kafka: Die Verwandlung
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"Liebster Vater, du hast mich letzthin einmal gefragt, warum ich behaupte, ich hätte Furcht vor dir. Ich wusste dir, wie gewöhnlich, nichts zu antworten, zum Teil eben aus der Furcht, die ich vor dir habe, zum Teil deshalb, weil zur Begründung dieser Furcht zu viele Einzelheiten gehören, als dass ich sie im Reden halbwegs zusammenhalten könnte. Und wenn ich hier versuche, dir schriftlich zu antworten, so wird es doch sehr unvollständig sein, weil auch im Schreiben die Furcht und ihre Folgen mich dir gegenüber behindern, und weil die Größe des Stoffes über mein Gedächtnis und meinen Verstand weit hinausgeht." (aus: Franz Kafka, Brief an den Vater)
- Vater und Sohn
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Dieser Brief, den Franz Kafka zwischen dem 10. und 13. November 1919 im Alter von 36 Jahren verfasste, wirkt wie ein Entwurf zu der Erzählung "Die Verwandlung", die gleichwohl schon einige Jahre vorher erschienen ist. Beide Texte belegen die zwiespältigen Gefühle des Autors zu seinem Vater. Furcht ist hier nicht im Sinne von Ehrfurcht zu verstehen, sondern eher im Sinne von Angst. Angst vor der Übermacht des Vaters, Angst vor den unerfüllbaren Forderungen und Ansprüchen des Vaters und Angst vor dem Einfluss, den der Vater bis hinein ins Privatleben des mittlerweile erwachsenen Sohnes ausübt.
- Mann und Frau
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Der Brief an den Vater entstand unter dem Eindruck der scheiternden Beziehung zu Julie Wohryzek. Franz Kafka erkennt wohl, dass seine wiederholten Bemühungen, eine Frau fürs Leben zu finden, immer erfolglos bleiben werden. Eine ähnliche Erfahrung macht Gregor Samsa in der literarischen Verarbeitung dieser Erfahrung. Er ist lediglich imstande, eine Fotografie aus einer Zeitschrift liebevoll zu rahmen und in seiner Kammer aufzuhängen, während die Anforderungen seiner übermächtigen Familie ein eigenständiges Leben nicht zulassen.
Die Unmöglichkeit eines menschenwürdigen Daseins manifestiert sich schließlich in der geheimnisvollen Verwandlung des ohnmächtigen Sohnes zu einem unbeweglichen und Ekel erregenden Ungeziefers bar jeder Menschenwürde. Nicht nur der Vater, der schließlich sogar den Anstoß zum Dahinsiechen seines Sohnes gibt, trägt Schuld an der unmenschlichen Situation des überforderten Individuums. Gregor hat trotz seiner verantwortungsvollen Arbeit keine eigene Frau gefunden. Die Mutter bleibt seltsam unbeteiligt und ist zu mütterlicher Liebe unfähig. Die Schwester, die vorher mit am meisten von Gregors Aufopferung profitiert, pflegt ihren Bruder zwar anfänglich, spricht ihm aber mit zunehmendem Abscheu selbst schließlich jegliche Personwürde ab, indem sie ihn als geschlechts- und wertlose Sache betitelt: "Weg muss es!"
- Absurdität und kafkaeske Weltsicht
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Kaum ein literarisches Werk des 20. Jahrhunderts trägt so sehr den Charakter des Verrätselten und Geheimnisvollen, wie das des großen Prager Dichters. Vor allem in seinen gleichnishaften und vom Parabolischen geprägten Erzählungen verarbeitet Kafka Motive der Zeit, aber auch seiner eigenen, gebrochenen Existenz: den Vater-Sohn-Konflikt, die Einsamkeit und Verlassenheit des Individuums und das Wirken bedrohlicher, anonymer Institutionen, die Abwesenheit Gottes und die Hilflosigkeit des Menschen in ausweglosen Situationen. In dieser feindlichen Welt führen seine Protagonisten stets einen aussichtslosen Kampf gegen unüberwindlich scheinende Mächte, die in ihrer zwingenden Dämonie schließlich den Einzelnen überwältigen. Beabsichtigt ist die Bewusstmachung des Absurden in einer perspektivlosen Welt.
Die typisch "kafkaeske" Weltsicht und Stimmung in den verrätselten Parabeln Kafkas spricht Heranwachsende und Jugendliche in besonderer Weise an. Dabei werden sie oft in Situationen, in denen sie sich selbst scheinbar befinden, abgeholt. Viele Jugendliche fühlen sich in Schule und Elternhaus unverstanden, überfordert oder nicht ernst (genug) genommen. Auch ihr jugendliches Aufbegehren gegen gesellschaftlich anerkannte Wertvorstellungen stößt oft an schier unüberwindliche Grenzen. Kafkas Figuren bieten in dieser Situation sowohl Identifikationsmöglichkeiten als auch die Chance, sich von derartigen Situationen zu distanzieren und (Gegen-)Entwürfe für ein gelingendes Leben zu wagen.
- Mögliche Aktualisierung
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Kafkas Parabel trägt viele autobiografische Züge und ist durch ihre eigentümliche Erzählweise in einer scheinbar fernen Vergangenheit angesiedelt. Dennoch kommen bei näherer Betrachtung auch Interpretationsansätze in den Blick, die auf eine zeitlose Gültigkeit der rätselhaften Wahrheit in Die Verwandlung schließen lassen. Das persönliche Erleben eines Einzelnen wird überhöht, indem man folgenden Fragen nachgeht:
- Könnte man nicht die gesamte Weltbevölkerung heute als eine große Familie verstehen?
- Wie gehen wir in dieser "Großfamilie" miteinander um – verständnis- und liebevoll oder egoistisch und hartherzig?
- Wer entspricht in unserer Welt dem ausgebeuteten Sohn, der nur so lange akzeptiert wird, wie er zur Steigerung von Wohlstand und Reichtum beiträgt?
- Wie gehen wir mit Kranken, Alten und Schwachen um? Wie verhalten wir uns z.B. gegenüber Asylsuchenden aus den Entwicklungsländern?
Auch wenn Kafka eine solche Interpretation sicher nicht im Sinne hatte, so kann seine Erzählung auch für den heutigen Leser ein Spiegel sein, in dem er sich selbst, sprich die gegenwärtige Gesellschaft einer satten, aber amoralischen Welt erkennt. Der Mitmensch, der glaubt, durch seine unterwürfige Haltung so etwas wie Anerkennung und Respekt zu verdienen, verliert seine Würde, wird zunächst zum Nutztier, und wenn er keinen Nutzen mehr bringt, zum Untier und Ungeziefer, das man loswerden will.
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