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Dem Dummen gehört die Welt - Hans Dumm und Hans im Glück
Hintergrund
Dummheit ist international Konflikt zwischen Adel und Plebs
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Dummheit ist international

"Iwan Durak, Iwan der Dumme" heißt eine Lieblingsfigur des russischen Märchens. "Pervonto" nennt man den Dummen in Italien, und Giambattista Basile schrieb ihm 1634 das Märchen auf den Leib, das bei Christoph Martin Wieland und den Brüdern Grimm wiederkehrt. Pervonto wird von seiner Mutter losgeschickt, um Reisig zu sammeln. Seiner Natur gemäß bummelt er dahin, nach dem Motto "Langsam kommt auch zum Ziele". Unterwegs sieht er drei junge Männer, die in der glühenden Mittagssonne eingeschlafen sind und Gefahr laufen, einen Sonnenstich zu kriegen. Er schneidet Zweige ab und steckt sie als Schattenspender ringsum in den Boden. Die drei erwachen, stellen sich als Zauberer heraus, und danken ihm für seine Freundlichkeit, indem sie ihm den Zauber verleihen, alle seine Wünsche mögen wahr werden.

Zuerst stellt er ein viel zu großes Reisigbündel zusammen und wünscht sich, es möge ein Pferd sein. Der Wunsch wird wahr, mit dem Pferd reitet er vors Schloss und reizt durch komische Volten die Prinzessin zum Lachen. Zornig ruft er: „Ich wollte, du würdest schwanger von mir!“ Bald rundet sich der Bauch der Prinzessin, sie gebiert Zwillinge. Wer ist der Vater? Zum siebten Geburtstag der Kinder wird ein großes Gastmahl veranstaltet, und zu wem die Kinder sich aus natürlicher Neigung wenden, das muss der heimliche Erzeuger sein! Jeder rechnet mit einem edlen Herrn, leider aber ist es der dumme Pervonto, an den die Kinder sich klammern. Der König ist außer sich. Mutter, Vater und die Zwillinge werden in einem Fass auf dem Meer ausgesetzt, doch Pervonto wünscht sich ein tüchtiges Schiff herbei. Als die Prinzessin von seiner Fähigkeit erfährt, dringt sie in ihn, er möge sich ein schönes Aussehen wünschen. Auch das gelingt, so dass einer Versöhnung mit dem einsamen König, der seinen Befehl bereut, nichts mehr im Wege steht, zumal ihn die Enkel ("Großvater! Großvater!") freudig begrüßen.

 
Konflikt zwischen Adel und Plebs

In der Fassung "Der verrückte Pietro" von Giovan Francesco Straparola (1550) wirft der Dumme aus Mitleid einen Thunfisch zurück ins Meer, der ihn zum Dank mit der Zauberkraft belohnt. Auch hier wird die Fürstentochter schwanger von Pietro, auch hier wird das Paar ausgesetzt, aber im Fass auf dem Meer lässt sie sich kurzerhand die Zauberkraft von ihm übertragen. Er bleibt weiter der Dumme, sie führt künftig das Regiment. In beiden Märchen geht es um den Konflikt zwischen oben und unten, symbolisiert in der Verbindung von adliger Mutter und plebejischem Vater.

Ist der Dumme wirklich so dumm, wie sein Aussehen vermuten lässt? Oder ist er in Wirklichkeit der verkappte Volksheld? Die deftige Gesellschaftskritik der italienischen Vorbilder (die Prinzessin bringt die Kinder mit gewaltigen Darmwinden zur Welt, ist also auch nur eine gewöhnliche Frau) geht bei den Brüdern Grimm verloren. In ihren Anmerkungen zu "Hans Dumm" verweisen sie zwar auf Straparola und Basile, lassen aber die Vorgeschichte weg.

"Es war ein König, der lebte mit seiner Tochter, die sein einziges Kind war, vergnügt. Auf einmal aber brachte die Prinzessin ein Kind zur Welt, und niemand wusste, wer der Vater war." Der König befiehlt nun, die Tochter solle mit dem Kind in die Kirche gehen und ihm eine Zitrone in die Hand geben. Wem es dann die Zitrone reiche, der solle der Vater des Kindes sein. Ein dramaturgisch nicht ganz überzeugender Anfang, das merkten auch die Brüder Grimm. In der zweiten Ausgabe von 1819 wird "Hans Dumm" schon weggelassen. Die ganze Schwangerschaftsgeschichte ist den Brüdern Grimm zu körperbetont und zu peinlich und passt nicht in das Konzept der "Kinder- und Hausmärchen". In der Sammlung erhalten bleibt hingegen der Dummling aus dem Märchen "Die drei Federn", der jüngste von drei Brüdern, der durch seine Güte letztendlich den Sieg über die zwei cleveren älteren Brüder davonträgt. Pervonto ist der Anarchist, der sich um Standesunterschiede nicht schert. Der Grimmsche Dummling im Märchen "Die drei Federn" trägt den Sieg über die gescheiteren und beredteren älteren Brüder davon, weil sie nur intellektuell sind, er aber ist weise und besitzt innere Tiefe. Der anthroposophische Märcheninterpret Rudolf Geiger formuliert das so: "Die älteren Brüder sind starrsinnig und ihrer Sache allzu gewiss, der Dummling ist bereit, das Neue, Unerforschte zu erkunden." "Pervonto" und "Dummling" sind zwei sehr verschiedene Figuren, aber sie haben doch eins gemeinsam: Sie werden von der Umwelt verlacht und sträflich unterschätzt, am Ende aber tragen sie den Sieg davon.