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Das Haiku: Drei Zeilen, die alles sagen - Japanische Lyrik
Glossar
Anapäst
Mit der Folge: unbetont (Senkung), unbetont, betont (Hebung) ein für die deutsche Dichtung seltener Versfuß bzw. Reimschema. Das Wort Anapäst (aus dem Griechischen für "zurückschlagen") entspricht selbst dem Versfuß Anapäst, eine anderes Beispiel ist das Wort Zau-be-rei.

 
Anthologie
Gedichtsammlung

 
ästhetisch
hier: der (gute) Geschmack, oft synonym für schön und (künstlerisch) hochwertig

 
Aquarell
mit wasserlöslichen, nicht deckenden Farben gemaltes Bild

 
Avantgarde
kulturelle Vorreiter

 
Buddhismus
Vor allem in Asien verbreitete Religion mit weltweit mehr als 400 Millionen Anhängern. Die Lehre des Gautama Buddha zielt auf die Erlösung des Menschen von seiner Gier und unerfüllten Wünschen, die seine Seele davon abhalten zur Ruhe zu kommen. Erst die Akzeptanz, dass Leben Leiden bedeutet, und die Befreiung von diesen Zwängen ermöglicht dem Menschen wahres Mitgefühl für Menschen, Tiere und Pflanzen zu empfinden.

 
Daktylus
Das umgekehrte Versmaß zum Anapäst: der Versfuß aus einer betonten und zwei unbetonten Silben (aus dem Griechischen für "Finger", mit einem langen und zwei kürzeren Gliedern). Der Daktylus ist das gängige Metrum für Hexameter, die Standardform der epischen Dichtung.

 
Emotion
Ein Komplex an Empfindungen auf eine bestimmte Situation: neben wertenden Gedanken und oft definierbaren Gefühlen kommen meist körperliche Reaktionen und bestimmte Verhaltensmuster.

 
Genre
Art, Gattung

 
Guru
religiöser Lehrer, Meinungsführer

 
Haiku
Traditionelle japanische Lyrik, zu Deutsch "lustiger Vers". Die kürzeste Gedichtform der Welt besteht meist aus 17 Silben und wird in einem Atemzug gelesen. Der Gegenstand eines Haiku ist konkret und beschreibt ein einmaliges Ereignis.

 
Kobe
Im 19. Jahrhundert gegründete japanische Großstadt, bedeutender Seehafen

 
Konvention
Überlieferung, Gewohnheit

 
Kyoto
Historisch bedeutende Stadt 400 Kilometer südlich von Tokyo, von 794 bis 1868 Sitz des Kaisers von Japan. Kulturstadt Japans.

 
Lyrik
Dichtkunst

 
Philologe
Sprachwissenschaftler

 
Samurai
Ab dem 13. Jahrhundert Angehöriger des Kriegerstandes, der im feudalen Japan dem Adel diente, seit dem 17. Jahrhundert: Mitglied der obersten Gesellschaftsklasse. Unter den Samurai galt ein strenger Ehrenkodex (bushido).

 
Schrippe
berlinerisch für Semmel, Brötchen

 
verifizieren
auf den Wahrheitsgehalt überprüfen

 
Versmaß
Schema der Silbenfolge innerhalb eines Gedichtverses

 
Zen
Hier bitte den Inhalt eingeben

 
Personen
 
Basho, Matsuo (1644-1694)
Haiku ist Basho und Basho ist Haiku: der Name des wandernden Dichters ist untrennbar mit dem Dreizeiler verbunden. Basho gilt bis heute als der bedeutendste Haiku-Dichter. Er griff die oft scherzhaft formulierten Gedichte auf und füllte sie mit neuem Sinn, den er oft aus der Betrachtung eines Naturereignisses entwickelte. Seinen Künstlernamen Basho nahm der Dichter von seiner Hütte aus Bananenblättern, in die er sich zwischen ausgedehnten Reisen und Wanderungen immer wieder zurückzog. Basho kombinierte Erkenntnisse des Zen-Buddhismus mit der Poesie und formulierte daraus einen eigenen Lebensstil ("Kado", der Weg der Poesie).

 
Guggenmos, Josef (1922-2003)
Dem Lektor und Übersetzer, der Robert Louis Stevenson ins Deutsche übertrug, gelang 1967 der Durchbruch als Lyriker mit dem Band "Was denkt die Maus am Donnerstag?". Seitdem hat Guggenmos für seine Kinderverse zahlreiche Preise bekommen. Der erste Haiku-Band erschien 1984, der letzte, "Rundes Schweigen. Ausgewählte Haiku 1982-2002", posthum 2005.

 
Hemingway, Ernest (1899-1961)
Der amerikanische Autor hatte viele Talente: als Reporter und Jäger, Hochseefischer und Großwildjäger, Kriegsberichterstatter und Abenteurer. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er als Sanitäter diente, ließ er sich für einige Jahre in Europa nieder und landete mit "Fiesta" 1927 einen ersten Bestseller. Für seinen letzten großen Erfolg erhielt der Schriftsteller der lakonisch-knappen Sätze 1954 den Literatur-Nobelpreis. Durch seinen sparsamen Stil gab es Anklänge an Haiku – etwa in der genial-grässlichen Fünf-Wort-Geschichte: "Babyschuhe zu verkaufen, nie getragen".

 
Issa, Kobayashi (1763-1828)
Aus einfachen Verhältnissen stammend, blieb Koboyashi Issa zeitlebens arm. Mehrere Schicksalsschläge trafen den Dichter hart, dennoch zeugt seine Lyrik von der liebevollen Betrachtung auch der kleinsten Naturerscheinungen und Lebewesen – und von viel Humor (sein Künstlername Issa bedeutet "Tasse Tee"). Issa hat mehr als 20.000 Haikus hinterlassen.

 
Rilke, Rainer Maria (1875-1926)
"Eine in ihrer Kleinheit unbeschreiblich reife und reine Gestaltung" – so umschrieb Rainer Maria Rilke 1920 das Wesen der Haiku-Lyrik. Er selber dichtete aber bloß drei Haiku (vier mit dem Spruch auf seinem Grabstein), was vermutlich an seiner intensiven Arbeit an den "Duineser Elegien" und den letzten "Sonetten an Orpheus" lag, bevor 1923 seine Leukämie ausbrach. Zu den bekanntesten Werken Rilkes zählen außerdem "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" und seine "Dinggedichte".