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"Das Poetische hat immer recht … " Theodor Fontane – Leben und Werk
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Der junge Fontane Selbstfindung
Fontane als Romancier Fontanes Wirken
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Der junge Fontane

"Ohne Vermögen, ohne Familienanhang, ohne Schulung und Wissen, ohne robuste Gesundheit bin ich ins Leben getreten, mit nichts ausgerüstet als einem poetischen Talent und einer schlecht sitzenden Hose."

Mit diesen aussichtslosen Worten reflektiert Henri Théodore Fontane sein eigenes Leben. Am 30. Dezember 1819 in Neuruppin von hugenottischen Eltern geboren, verbrachte er keine leichte Kindheit. Der Vater ist zwar Apotheker, lebt aber über seine Verhältnisse, so dass Geldsorgen die Familie ständig belasten. Um ihre finanzielle Situation zu bessern, zieht die Familie nach Swinemünde und wagt einen Neuanfang. Dort führen sie die "Adler Apotheke". Fontane soll die elterliche Apotheke übernehmen, so beginnt er als Jugendlicher seine Ausbildung an der Berliner Gewerbeschule: Vom Gehilfen wird er zum erstklassigen Apotheker. Ein ungewöhnlicher Lebensweg für einen Schriftsteller. Doch an ein geisteswissenschaftliches Studium und an die Förderung seines poetischen Talents ist nicht zu denken. Fontane entwickelt sich zu einer zerrissenen Persönlichkeit. Nur in Berliner Lesecafés schafft er es, seinen literarischen Hunger zu stillen und lässt sich zum Schreiben inspirieren. Es entstehen Gedichte, kleine Erzählungen und Balladen, doch als dichtender Apotheker fühlt Fontane sich nicht wohl. Schreiben ist das, was er möchte. Seine Versuche, Gedichte zu veröffentlichen (1843), scheitern und er setzt sein unerfreuliches Apothekerdasein weiter fort. Aber sind es denn nicht die Begegnungen des Apothekers mit anderen Menschen, die ihn zu kritischer und achtungsvoller Menschen- und Seelenkenntnis anregen? Diese Jahre scheinen im Rückblick keine vergeudeten Jahre zu sein: die elterlichen Streitereien seiner Kindheit schärfen seinen Blick für familiäre Beziehungsgeflechte, sowie seine Milieu- und Charakterbeschreibungen. Aus der Apothekerzeit stammen seine ersten literarischen Versuche, in denen er die Alltags- und Arbeitswelt der kleinen Leute im humorvollen Plauderton beschreibt. Allerdings schien ihm die literarische Lehrzeit wohl zu hartnäckig und zu lange zu dauern, denn Fontane hat später seine literarischen Anfänge ebenso verschwiegen wie seinen Apothekerberuf.

 
Selbstfindung

Während den Wirren seiner Selbstfindung lernt Fontane Emilie Rouanet kennen und verlobt sich 1844 mit ihr. Bis zur Hochzeit sollen noch vier weitere Jahre vergehen, weil Theodor Fontane finanziell nicht abgesichert ist. Die Familie mit den sieben Kindern, von denen nur drei das Ehepaar überleben, wird zu einer echten Herausforderung: Nicht nur unter der schlechten wirtschaftlichen Situation muss die Ehe leiden. Vor allem die Differenzen zwischen Fontanes Freiheitsbestrebungen und seiner Frau, die um Bürgerlichkeit und Absicherung bemüht war, scheinen zeitweise unüberbrückbar. Umso stolzer zeigt sich Emilie, als Fontane erst im Journalismus, dann (von 1870-1989) als Theaterkritiker der "Vossischen Zeitung", einer Zeitung des anspruchsvoll gewordenen Berliner Bürgertums, seiner Unstetigkeit entgegenwirkt. Trotzdem will er als Schriftsteller Fuß fassen. Obwohl ihm bisher nur bescheidener literarischer Erfolg beschieden war, fasst er den Mut, wirft finanzielle Absicherung und gesellschaftliches Ansehen über Bord, und tut das, was er in dieser trostlosen Zeit als sein einziges Glück ansieht: Romane schreiben.

 
Fontane als Romancier

In den Jahren, in denen andere die Feder aus der Hand legen, beginnt Fontane mit der Arbeit, die ihn zu dem gemacht hat, was er heute ist, der bedeutendste deutsche Vertreter der poetischen Realismus. Im Alter von über 60 Jahren schreibt er seine wichtigsten Romane: "Schach von Wuthenow" (1883), "Unterm Birnbaum" (1883-85), "Cecile" (1887), "Irrungen und Wirrungen" (1888), "Stine" (1890), "Unwiederbringlich" (1891), "Frau Jenny Treibel" (1892), "Meine Kinderjahre" (1894), "Effi Briest" (1894/95), "Der Stechlin" (1898). Fontane schreibt Gesellschaftsromane und verliert dabei die Bewahrung gesellschaftlicher Normen nicht aus den Augen. Wer hier die Normen verletzt, muss mit den Konsequenzen seiner vermeintlichen Schuld zu Recht kommen - oder seinem Leben ein Ende setzen, wie es Effi Briest oder Cecile, beide Protagonistinnen ihrer gleichnamigen Romane, tun. Die Frauen wähnen sich, erst geschützt durch Normen, Traditionen und materiellem Reichtum, vor dem Zugriff ihres Schicksals sicher, bevor sie ihren menschlichen Herztönen, die vor gesellschaftlicher Konvention nicht länger verstummen wollen, nachgeben.

 
Fontanes Wirken

Die Gemütsbewegungen seiner Figuren schildert Fontane bis ins kleinste Detail, seine Geradlinigkeit im Ausdruck und die Einfachheit seiner Wortwahl heben seinen Stil als natürlich und lebendig hervor. Es sind zeitlose Begebenheiten der Menschen wie Gefühlsverwirrungen, Enttäuschungen und Fehlentscheidungen, Liebesirrtümer, die Unerträglichkeit erzwungener konventioneller Verbindungen, die Sehnsucht nach ausfüllenden Aufgaben einer Gesellschaft, die sich in ihren auferlegten Normen oft nicht zurechtfindet. Es sind Menschenschicksale einer Epoche, über die Fontane schreibt, trotzdem gelten seine Werke als zeitlos, als "gültiges, bleibendes Dokument einer Gesellschaft […], das Leben und Gegenwart bewahren kann noch in seiner sehr veränderten Zukunft", wie sein Dichterkollege Heinrich Mann über ihn schreibt. Vielleicht befinden wir uns jetzt in dieser "sehr veränderten Zukunft", denn Fontane hat über hundert Jahre nach seinem Tod, immer noch nichts von seiner Aktualität eingebüßt.